Hässlich ist, was du draus machst – Vestibül ** Der Kampf gegen die Schönheitsideale
In „Hässlichkeit“ am Vestibül stehen zehn Jugendliche vor dem Publikum und sind wütend. Auf die Gesellschaft und den Schönheitsdruck. Ein Abend voller Mut und Stärke, beklemmend und zum Mitärgern.
„Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land?“ Die alte Leier aus dem Märchen Schneewittchen kennt man bereits zur Genüge. Leider auch die Jüngsten, wie das Stück „Hässlichkeit“ im Vestibül am Burgtheater veranschaulicht. Darin zeigen zehn Jugendliche zwischen 12 und 17 Jahren, wie verheerend gesellschaftliche Schönheitsnormen sein können.
Dabei entstand ein höchst bewegender Text, der aus dem Leben von Heranwachsenden ebenso erzählt wie aus dem eigenen. Denn wer kennt es nicht: die kritischen Gedanken beim Blick in den Spiegel oder die Angst davor, was andere Leute von einem halten könnten? Woher kommt das? Von außen – wie das Stück veranschaulicht:
“Ich schaue mich an, durch eure Augen. Jeden Tag. (…) Durch den Bildschirm schaue ich mich an, durch den Spiegel schaue ich mich an. Durch eure Augen bewerte ich meine Looks, meine Bewegungen. Ich stelle mir die Frage, wie begehrenswert ich bin.”
Man erfährt, wie prägend Kommentare über den eigenen Körper sein können – zum Beispiel, wenn man aufgrund des Gewichts in der Schule gemobbt oder als BPoC (Black and People of Color) mit den Worten “Deine Haare kann ich nicht schneiden” von der Frisörin abgelehnt wird. Nur, weil sich die Mähne für österreichische Verhältnisse zu stark lockt. Wie schwer es ist, in einem Land aufzuwachsen, in dem man sich nicht repräsentiert fühlt, in dem einem die Vorbilder fehlen.
Oder – und auch das ist total relatable – wie nervtötend die permanente Bewertung von außen ist. Zum Beispiel, wenn Eltern ständig das Outfit kritisieren und den Rock als zu kurz oder das T-Shirt als zu eng einstufen. Auch, wenn vielleicht bloß Sorge dahinter steckt (man könnte ja frieren) oder die Angst, damit ungewollte Aufmerksamkeit zu erregen (die von unreifen, sabbernden Affen nämlich, just saying). Ständig fühlt man sich beobachtet. Besonders heikel wird’s, wenn sich das Styling nicht eindeutig in die Schublade “Mann” oder “Frau” stecken lässt:
„Es gibt Unterhaltungen über meine Frisur: Ist sie wie bei Mädchen oder wie bei Jungen? Zu lang, zu kurz? Warum reicht es nicht aus, dass ich sie schön finde?“
“Ich will mich nicht schützen müssen.”
Sehr beklemmend wird’s, wenn die Darstellenden von möglichen Strategien sprechen, um mit dem ganzen Druck umzugehen. Da ist zum Beispiel die Rede von “Hässlichkeit als Waffe”, also wenn sich Mädchen und Frauen in einen XXL-Oversize-Pulli hüllen, um den unangenehmen Blicken von Männern zu entgehen:
“Diese Strategie habe ich entwickelt, um mich im öffentlichen Raum zu schützen. Trotzdem ist sie keine Garantie. Ich will mich nicht schützen müssen. Warum starren mich Männer an? Warum lassen sie mich nicht einfach in Ruhe? Ich bin kein Objekt!”
Bis hin zu selbstverletzendem Verhalten. Sind diese Menschen auf der Bühne – maximal 17 Jahre alt – nicht noch viel zu jung dafür, um sich Gedanken darüber zu machen, ob ihre Oberweite ausreichend groß, ihre Haut rein und die Oberschenkel schmal genug sind? Nope. “Leider bin ich nicht zu jung dafür, dieser Reality-Check tut mir selber leid für mich.”
Leider nicht zu jung dafür
In “Hässlichkeit” gibt es viele starke Momente wie diese. Die Dialoge und Monologe – teilweise von den Jugendlichen selbst geschrieben (wie das Bühne-Magazin berichtet) – wirken ehrlich und ungeschönt. Aufgelockert wird das alles zum Beispiel durch viele Tanzeinlagen und die kreischend-bunten, wild zusammengemixten Outfits (Ausstattung: Melina Jusczyk).
Auf der Bühne ist generell viel los – Schauplätze gibt es überall im Raum: in jeder Ecke, auf jeder Fläche, sogar in einer Badewanne wird performt. Vom Publikum, das entlang der vier Wände im Raum Platz nimmt, sind die Jugendlichen manchmal nur wenige Zentimeter entfernt und ziehen das ganze Register, das menschliche Gefühle hergeben. Dadurch werden die 75 Minuten Spielzeit zu einem sehr intimen Abend.
Bloß Zuschauer*in bleibt man in diesem Stück nicht, denn die Schauspieler*innen wenden sich gelegentlich direkt in die Menge, halten intensiven Augenkontakt. Vielleicht, um die unangenehmen Emotionen zu übertragen, die auch die ständige Bewertung und Beurteilung von außen erzeugen? In einer kraftvollen Szene wird das Publikum sogar direkt angesprochen – und angeklagt:
„Wieso meckert ihr den ganzen Tag an meinem Aussehen herum? Und wundert euch dann, dass meine Frustrationstoleranz low ist? Die ist nicht low, eure Empathieskills sind low! Auch wenn man keine Beleidigungen benutzt, kann man trotzdem verletzend kommunizieren. Ihr vergesst, dass Emotionen alles sind, was wir Jugendlichen haben. Wir haben nicht eure Macht!“
Starke Gefühle, große Empfehlung
Wie mutig und empowernd sie dabei gleichzeitig sind. Erwachsene können von dieser Generation viel lernen! Sie sprechen Missstände an, ohne so zu tun, als hätten sie eine Antwort oder Lösung parat. Stattdessen verbalisieren sie ihre Wut und versuchen, gelernte Muster nicht unreflektiert weiterzugeben.
Es gibt viele Themen, die Eltern von ihrem Nachwuchs fernhalten wollen. Schwer Verdauliches, wie Krieg und Tod. Schimpfwörter. Die Tatsache, wie sich die Gesellschaft auf das Körperempfinden auswirkt und in welchem Ausmaß wir alle davon betroffen sind, sollte aber nicht länger in Watte verpackt und vertuscht werden. Man kann es gar nicht früh genug ansprechen, um zusammen sinnvolle Methoden für einen gesunden Umgang zu finden. Denn “Hässlichkeit” hat eines bewiesen: für Beurteilung ist leider niemand zu jung.
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