Eine herrlich irrationale und liebenswerte Protagonistin, viel Feminismus, Lust und Leidenschaft. Und gleichzeitig auch etwas über die „Perimenopause“ gelernt. Jackpot!
Als ich „Auf allen Vieren“ aus dem Regal der Buchhandlung zog, wusste ich nicht viel darüber. Weder hatte ich bereits etwas von der Autorin Miranda July gelesen, noch hatte ich eine Ahnung davon, worum es in ihrem Roman überhaupt geht. Der Titel sprach mich allerdings sofort an, genauso wie der Klappentext. Könnte lustig werden, dachte ich. Eine heitere Sommerlektüre. Oh, wie lag ich damit richtig. Und gleichzeitig auch wieder nicht.
Deepe Lektüre statt oberflächlicher Urlaubsliteratur
„Auf allen Vieren“ ist mehr als nur amüsant und von “oberflächlicher Urlaubsliteratur” so weit entfernt, wie Los Angeles von New York. Genau diese Strecke möchte die namenlose Ich-Erzählerin – eine “mittelmäßig berühmte Künstlerin”, wie es heißt – mit dem Auto zurücklegen. Alleine. Als Selbstfindungstrip sozusagen und ehrlicherweise auch, um etwas Abstand von der Enge des minutiös durchgeplanten Familienlebens mit Mann und Kind, mit Ordnung-halten, Anweisungen-geben – kurz gesagt: mit Mental Load – zu gewinnen.
Es ist nicht so, dass sie dieses Leben nicht liebt. Im Gegenteil: in ihr Kind Sam (dem im Roman kein Geschlecht zugewiesen wird) ist sie total vernarrt und versucht, demm ein möglichst geborgenes, behagliches Aufwachsen zu ermöglichen.
Sie selbst sein kann sie aber nicht und von ihrem Mann Harris trennt sie eine seltsame Distanz. Irgendwas hält sie davon ab, sich ihm völlig zu offenbaren. Aber das kommt noch, ist sie felsenfest überzeugt. Schließlich ist er ihre “ausgleichende Kraft”, das Yang zu ihrem Yin. Einmal, da werden sie sich auf Augenhöhe begegnen können. Und bis dahin muss sie ihre wahre Persönlichkeit eben weiterhin verstecken und kann die polierte Hülle als Mutter und Ehefrau nur abseits der eigenen vier Wände ablegen, zum Beispiel in Gemeinschaft ihrer Bestie Jordi oder in ihrem Garagen-Atelier.
All das ändert sich, als sie sich hinters Steuer schwingt und statt in New York ungeplanterweise im nächstgelegenen Kaff Monrovia endet: Als ihr ein Hertz-Mitarbeiter namens Davey die Autoscheiben putzt, hat sie plötzlich Herzen in den Augen.

Die ideale Antiheldin
Ich glaube, ich fand noch keine Roman-Protagonistin sympathischer als jene von Miranda July. Sie ist die perfekte Antiheldin, irrational – zum Beispiel lässt sie ein billiges Motel-Zimmer für eine gigantische Unsumme renovieren – und genau deshalb auch total liebenswert. Auch zum Sport hat sie eine durchaus vertretbare Meinung:
“Was Fitness anging, hatte ich noch nie mehr gemacht, als eine Zehnerkarte für Yoga zu kaufen und zweimal hinzugehen. Ich war so schwach, dass ich manchmal schon beim Zähneputzen einen müden Arm bekam. Ich nickte, statt zu winken – Hände sind schwer! Es will nur niemand zugeben! Und Köpfe erst. Einfach bloß den ganzen Apparat aufrecht zu halten, war schon viel. (…) War es nicht klüger, seine Zeit dem Erschaffen von Dingen zu widmen, die weiterleben konnten, nachdem der Körper gestorben war?”
Dass sie von äußeren Zwängen und Normen getrieben ist – wie eine gute Mutter zu sein oder wie die ideale Familie auszusehen hat, beispielsweise – und vom schlechten Gewissen geplagt ist, wenn sie diesen Anforderungen und Erwartungen nicht gerecht wird, dessen ist sie sich bewusst. Ebenso reflektiert sie über das Trauma, das eine schwere Geburt bei ihr ausgelöst hat oder über den inneren Struggle, kurz vor der Menopause zu stehen, älter zu werden und womöglich auf einen Schlag die Lust am Sex zu verlieren. Tut sie aber nicht, im Gegenteil: ihr Solo-Trip entpuppt sich eher als sexuelle Erwachung und rüttelt gehörig an ihrem Weltbild.
Es wäre ein Frevel, dieses Buch nicht zu lesen!
Das Buch – über 400 Seiten dick – wollte ich kaum aus der Hand legen. Musste ich es dennoch tun (was leider oft vorkam, da ich zu dieser Zeit ziemlich beschäftigt war), glich es einer körperlich schmerzhaften Erfahrung. Ich wollte weiterhin im Kopf der Protagonistin leben, fühlen, was sie fühlt, von ihrem künstlerischen Chaos berauscht werden. Meine Seele hat danach gegiert.
Der leichtfüßige und erfrischende Schreibstil der Autorin verstärkte diese positiven Gefühle noch zusätzlich. “Auf allen Vieren” liest sich wie eine kühle Sommerbrise, driftet aber niemals ab in belangloses Geschwätz. Das ist auch der Grund, warum ich mir unendlich viele Stellen und Sätze markiert habe – so viele, wie wahrscheinlich noch in keinem Buch. Mehr davon preisgeben werde ich aber nicht, diesen Roman muss man einfach selbst er- und durchleben.
Deshalb bleibt mir nur noch eines zu sagen: Geht nicht, rennt in die nächste Buchhandlung, Bibliothek, whatever, und lest diesen Roman!
