Fliegende Inseln, sprechende Pferde und ein Matrosen-Chor. Gullivers schräge Abenteuer liefern ein musikalisches Spektakel; Ohrwürmer inklusive!
Als „Spektakel für alle“ beschreiben zumindest die beiden Regisseure Nils Strunk und Lukas Schrenk ihre Inszenierung der bekannten Geschichte von Jonathan Swift. Mit einer Laufzeit von fast drei Stunden ist das allerdings nur etwas für Kinder mit ausreichend Sitzfleisch.
Der Abend beginnt mit der allseits bekannten Reise von Gulliver nach Liliput. Als erste Überraschung wird eine Leiter am Seiteneingang des Parketts hereingetragen und im Orchestergraben aufgebaut. Dort stehen die “winzigen Menschen” und nehmen so Kontakt mit Gulliver (Gunther Eckes) auf, der auf der großen Bühne steht. Es folgt der Rest der Episode, aufgepeppt durch einen Rapsong über das richtige Öffnen von Eiern. Außerdem sieht man eine ganze Siedlung an Miniatur-Häusern, zwischen denen sich der vergleichsweise riesige Gulliver hindurchzwängt.
Im Orchestergraben stehen aber nicht nur die Bewohner*innen Liliputs, sondern auch sechs Musiker*innen, die das Publikum mit Instrumenten von Cello bis E-Gitarre durch den Abend begleiten.

Feuer, Krach und Nebel
Für die Produktion wurde die komplette Trickkiste des Theaters ausgeräumt: wilde Kostüme, brennende Paläste im Miniaturformat und eine Gesangseinlage aus der Loge im zweiten Rang. Den jungen Besucher*innen wird gezeigt, was so ein Theater alles kann.
An diese Altersgruppe angepasst sind auch die Szenen nie sonderlich lang und auf Überraschung getrimmt. Es gibt meistens etwas, um ihre Aufmerksamkeit zu halten oder einen Gag, damit ihnen nicht langweilig wird. Auch was den Witz betrifft, werden sie nicht vergessen. Fäkalhumor und neue Memes (oder was auch immer „six-seven“ genau sein soll) kommen nicht zu kurz. Fast wie beim Kasperl werden die Besucher*innen gefragt, was mit Gulliver passieren soll, nachdem ein brennendes Gebäude von ihm ausgepinkelt wird.
Für die Großen gibt es hin und wieder eine Anspielung für Erwachsene oder einen Brocken von Swifts Gesellschaftskritik. Der wird jedoch relativ rasch mit verdaulicheren Konzepten abgelöst. So diskutiert Gulliver kurz mit dem König der Riesen (Dietmar König) über Englands Kolonialpolitik. Der ernsthafte Moment wird jedoch schnell von einem Duett mitLola Klamroth übertüncht: „Es gibt kein Groß und Klein, nur im Vergleich.“ Da kommen auch die Jüngsten noch mit und Ohrwürmer gibt es für alle .
Für alle, doch für wen genau?
Bis jetzt könnte man denken, es handelt sich hier um ein Stück primär für Kinder. Nach der Pause wechselt aber der Ton, mit dem die beiden weniger bekannten Reisen von Gulliver gezeigt werden. Auf der fliegenden Insel Laputa sieht er eine hochintelligente Elite, die jedoch durch ihre Entscheidungsunfähigkeit den Großteil der Bevölkerung am Boden in Armut verenden lässt. Rebellierenden Dörfern wird Sonnenlicht und Regen entzogen, bis sie sich wieder fügen.
Auch sein nächster Trip auf die Insel der sprechenden Pferde, den Houyhnhnms, beschäftigt sich mit der Frage, wie Menschen eine so menschenfeindliche Gesellschaft erschaffen konnten. Im Vergleich zu den vorherigen Bühnenbildern wirkt das jetzige etwas karg mit nur einem einsamen, kahlen Baum. Das Stück wird ab acht Jahren empfohlen, doch was so junge Kinder hier genau mitnehmen sollten, bleibt mir ein Rätsel.
Am Ende verliebt sich Gulliver in eines der Pferde und wird dennoch von der Insel verbannt. „Wir sind alle Sklaven, Schurken und Narren“, singt der Chor noch einmal und mit den finalen Worten „Ich liebe euch“ entlässt Gulliver das Publikum in die Nacht.

Man muss auch mal nur Spaß haben dürfen
Vielleicht ging man davon aus, dass die Aufmerksamkeit der Kinder nach den ersten beiden Stunden aufgebraucht ist und man jetzt ihre erwachsenen Begleitpersonen bedienen kann. Der Abend bleibt in seinem Zwiespalt: sichtbar liebevoll inszeniert, kann er sich nicht entscheiden, ob er die Kinder oder Erwachsenen im Publikum zuerst anspricht.
Trotzdem bereitet es einfach Freude, wenn ein riesiges Schiff auf der Bühne auftaucht oder die Matros*innen beim Schiffbruch über das Deck kugeln, ganz egal, wie alt man ist. Am Ende bleibt es eben ein Spektakel und diesen Titel hat sich das Stück auch redlich verdient.
Termine und weitere Infos findet ihr hier.
Für Kinder empfiehlt es sich, eine der Vorstellungen um 10:00 oder 16:00 Uhr zu besuchen.


