Tränen aus Glitzer am Habsburger Hof ** Luziwuzi – Rabenhoftheater

Blogheader Luziwuzi (c) Rita Newman Rabenhof

Wer mit einer Zurschaustellung der Partyexzesse einer queeren Habsburger-Diva rechnet, ist hier falsch. „Luziwuzi” im Rabenhoftheater versteckt zwischen Witzen über Inzest, Altwiener Schmäh und Slapstick-Komik ein Manifesto des Verlangens. Absolut camp ist das Stück trotzdem.

Eurovision-Star auf Off-Bühne

Seit drei Saisonen und stets ausverkauften Vorstellungen bringt der Rabenhof die absurde Tragikomödie „Luziwuzi” von Regisseurin Ruth Brauer-Kvam auf die kleine Bühne im 3. Bezirk. Songcontest-Gewinner(in) Tom Neuwirth alias Conchita Wurst spielt den schillernden Regenbogenfisch Luziwuzi wie einen Habsburger Winnetouch: frech und schrill. Zum Erfolg des musikalisch-theatralischen Stücks trägt nicht allein sein Star-Faktor bei. 

Worum geht’s? Reisen wir zurück in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts. Erzherzog Ludwig Viktor, von seinem Umkreis liebevoll Luziwuzi genannt, ist das Enfant terrible der Habsburger Monarchie. Als jüngster von drei Brüdern wird ihm streng vorgelebt und vorgebetet, wie sich ein Erzherzog zu verhalten hat: Komasaufen und Fremdschnackseln im Privaten ist ok, aber das Image nach außen steht an oberster Stelle. Und schwul sollte man halt nicht sein. Hierin liegt Luziwuzis Problem.

„Die Leute werden irgendwann dein Leben wahnsinnig inspirierend finden. Aber jetzt ist eben noch jetzt.” – Bruder Karl zu Luziwuzi

Knister*Wissen: Der echte Erzherzog Ludwig Viktor wird heute als queere Ikone der Habsburger gehuldigt. In „Luziwuzi” steht sein Leiden im Mittelpunkt: Zeit seines Lebens wird er am Hof zwar geduldet, sein „Lebensstil” (also seine Homosexualität) aber immer stärker missbilligt. Nach einem Skandal wird er verstoßen, landet im Exil und zu Ende seines Lebens in der Psychiatrie.

Erzherzog Ludwig Viktor alias Luziwuzi gilt als schrägster Habsburger und vielschichtigste historische Figur der österreichischen Kaiserzeit. (c) Rita Newman - Rabenhof
Erzherzog Ludwig Viktor alias Luziwuzi gilt als schrägster Habsburger und vielschichtigste historische Figur der österreichischen Kaiserzeit. (c) Rita Newman – Rabenhof

Traurige Clowns und Techno-Beats

Aus nur vier Darstellern, zählt man Livemusiker Kyrre Kvam nicht mit, entsteht ein Kaleidoskop aus dreimal so vielen Charakteren. Sebastian Wendelin macht den Spagat von der mit Gerhard Kasal im Duett gespielten Kammerzofe bis hin zum Bruder Karl und schließlich zu Luziwuzis namenlosem Lover.Warum Wendelin keine richtige Solonummer hat, ist unverständlich. Die nötige Bühnenpräsenz hat er zweifelsohne.

Florian Carove macht den Madonna-Hure-Komplex: Er wechselt von der strengen Mutter Sophie zu einer Prostituierten und wiederum zu Kaiserin Sisi, bis er schließlich wieder zum Mann wird und Kaiser Franz Joseph verkörpert. Seine Sisi ist ein bisschen wie ein Alien, dessen Sprache man erst erlernen muss. Und mit ihren langen Haaren, die ihr Gesicht verstecken, sieht sie aus wie Samara aus dem Horrorfilm The Ring, die aus dem Brunnen kraxelt. Da kann man schon mal Angst kriegen. Nur Tom Neuwirth, besser bekannt als Conchita Wurst, bleibt in seiner Titelrolle als Luziwuzi.

Schrille Kostüme, Queerness und österreichische Geschichte. (c) Rita Newman - Rabenhof
Schrille Kostüme, Queerness und österreichische Geschichte. (c) Rita Newman – Rabenhof

Mit weißer Gesichtsschminke und pinkem Rouge sehen sie alle ein bisschen aus wie Puppen, verstrickt in den Fäden der Monarchie. Allein die Sprache bringt schon viel Komik mit sich: Das nasale Säuseln des Schönbrunner Dialekt schwingt um zu derbstem Schimpfen und Lallen von Altwiener Säufern, wie sie auch im heutigen Wiener Beisl anzutreffen sind. Luziwuzis rotes Augenmakeup lässt ihn rastlos erscheinen. 

Mit weit aufgerissenen Augen und Glitzer auf den Wangenknochen taumelt er wie der letzte Verbliebene am Dancefloor in der Diskothek. Elegant im weißen Anzug schwebt er im Tanzsolo vor der Palmenkulisse, die aus irgendeinem Grund immer im Hintergrund ist. Und die Glitzerflocken könnten genauso gut Tränen sein. Wenn er schließlich in Abendrobe inmitten von Show-Nebel-Wolken singt, lässt er kurz Conchita durchscheinen, wie wir sie kennen und lieben.

Erzherzog Ludwig Viktor alias Luziwuzi gilt als schrägster Habsburger und vielschichtigste historische Figur der österreichischen Kaiserzeit. (c) Rita Newman - Rabenhof
Erzherzog Ludwig Viktor alias Luziwuzi gilt als schrägster Habsburger und vielschichtigste historische Figur der österreichischen Kaiserzeit. (c) Rita Newman – Rabenhof

Grant, Glanz, Gay

Die Livemusik von Kyrre Kvam verleiht der Geschichte mal einen Schauer, mal den nötigen Kick. Mit Looping Station und (vermutlich) einem Theremin entsteht eine Mischung aus Technobeats und fast schon sakralen Klängen.

Diese vom Glamour befreite Habsburger-Posse wirkt wie eine Idee, die drei Spezln im Suff erschienen ist. Nur, dass sie hier auch für Außenstehende lustig ist. Die lustigsten Momente sind definitiv die Szenen, in denen Luziwuzis Brüder Karl und Max um ihn herumwuseln und ihn bezirzen, doch einfach mit ihnen saufen zu gehen. Auch die schräge Sisi gibt einiges her. Unverstanden vom Rest des Hofes sieht Luziwuzi in ihr gleich eine Leidensgenossin. Es folgt synchronisiertes Voguing (ein Tanzstil aus der Drag-Szene) und reges Geläster, um von der eigenen Verzweiflung abzulenken.

Inmitten des Chaos rund um die Monarchen und ihre Sitten schimmert dann, völlig unironisch, eine schöne Liebesgeschichte durch. Zwischen Luziwuzi und seiner Liebschaft ist für einen Moment echte Poesie und Verlangen spürbar, die mit Broadway-reifen, emotionalen Balladen kurz das Genre zu wechseln scheint. Das Stück nimmt das Publikum ernst und lässt die Absurdität der Gegebenheiten für sich sprechen. Neuwirths zurückhaltendes Spiel verleiht Luziwuzi eine fragile Unschuld, die weit über die Skurrilität der Figur hinausgeht. Am Ende bleibt das Bild eines Menschen, der weniger an seinen Leidenschaften scheitert als an einer Welt, die ihn nicht zu fassen weiß – und genau darin entfaltet diese Inszenierung ihre Kraft.

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