Wenn Animation zur Bühne wird ** Oper, animiert! – NEST

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Ein Gespräch mit Regisseurin Christiane Lutz und Animationskünstler Sascha Vernik.

“Im Theater kann man nicht wegwischen wie am Handy. Gleichzeitig wird es nicht langweilig, weil mehrere Ebenen gleichzeitig wirken: Sänger*innen auf der Bühne, das Orchester im Graben und die Animationen im Raum.” – Christiane Lutz

Christiane Lutz ist Regisseurin, Sascha Vernik Animationsfilmemacher. Gemeinsam haben sie das Format „Oper animiert“ entwickelt: Große Opernklassiker werden auf rund eine Stunde gekürzt, auf Deutsch erzählt und mit animierten Bühnenwelten kombiniert. Ziel ist es, jungen Menschen den Zugang zum Opernkanon zu erleichtern. Und das alles ohne ihn zu verfälschen. Insgesamt haben die beiden 1 ½ Jahre an zwei Stücken gearbeitet: Rossini’s Aschenputtel und Verdi’s Macbeth

“Bei Macbeth war schnell klar: Das ist ein düsteres Stück, stark im Mittelalter verankert.” – Sascha Vernik

Alt-eingesessene Opernfans werden sich nun aufregen: Man kann doch nicht eine so bekannte Oper auf eine Stunde kürzen?? Nach der Premiere ist meine Antwort darauf: Das geht sehr wohl – und sollte öfter passieren. Denn Christiane Lutz und Sascha Vernik haben in 50 Minuten das Wichtigste – von der Handlung bis zur Musik – eingefangen. Wir haben im Vorfeld ein Interview mit den zwei Kunstschaffenden geführt, um ein bisschen mehr über ihre Motivation zu erfahren. 

Ein Herzensprojekt für junges Publikum

Christiane Lutz: „Oper, animiert“ ist ein echtes Herzensprojekt. Uns war wichtig, jungen Menschen das Kernrepertoire der Oper näher zu bringen. Oft sieht man Bearbeitungen oder neue Stoffe. Aber es gibt diesen großen Kanon an irrsinnig guten Werken. Genau den wollten wir zugänglich machen. Die Opern werden etwa einstündig erzählt und unabhängig von der Originalsprache auf Deutsch gespielt. So entsteht ein direkter Zugang zur Handlung. Nach Aschenputtel von Gioachino Rossini war jetzt Macbeth nach Giuseppe Verdi an der Reihe.

“Aus vielen Einzelteilen entsteht im Idealfall große Kunst.” – Christiane Lutz

Sascha Vernik:
Ich komme eigentlich aus dem klassischen 2D-Animationsfilm und arbeite sonst am Bildschirm. Bei „Oper, animiert“ durfte ich erstmals den Bühnenraum animieren. Wir sind von Anfang an gemeinsam an die Stücke herangegangen. Bei Macbeth war schnell klar: Das ist ein düsteres Stück, stark im Mittelalter verankert. Christiane kam früh mit Stimmungsbildern – aus Comics, Filmen und kunstgeschichtlichen Referenzen. Diese Moods haben ein Grundgefühl geschaffen, noch bevor die finale Fassung geschrieben war.

Christiane Lutz:
Stücke lassen sich in unterschiedliche Zeiten versetzen, aber hier waren Nebel, schottische Landschaften, Rüstungen und die Hexen sehr präsent. Aus diesen Bildern haben wir die Welt des Stücks gebaut. Bewusst reduziert, aber atmosphärisch dicht.

“Das ist das Geheimnis von Theater: Man weiß vieles im Voraus – aber der Moment, in dem alles zusammenkommt, bleibt magisch.” – Sascha Vernik

Viel Drama, Mord und Moral: Das ist Macbeth in a Nutshell. (c) REVKIN, Wiener Staatsoper, NEST
Viel Drama, Mord und Moral: Das ist Macbeth in a Nutshell. (c) REVKIN, Wiener Staatsoper, NEST

45 Minuten Animation – wie ein Kurzfilm

Sascha Vernik:
Insgesamt stecken rund eineinhalb Jahre Arbeit in den Produktionen, verteilt über unterschiedliche Phasen. Pro Stück entstehen etwa 45 Minuten Animation. Eigentlich ein kompletter Kurzfilm. Ich beginne mit Standbildern, zerlege Szenen in einzelne Ebenen und arbeite mit verschiedenen Techniken: Frame-by-Frame-Animation, Tweening und teilweise auch 3D-Animation. Alles wird kombiniert, je nach Szene und Wirkung.

Christiane Lutz:
Während meine intensive Arbeit vor allem in Konzeptions- und Probenphasen stattfindet, läuft Saschas Arbeit kontinuierlich weiter. Die Animation ist ein eigenes künstlerisches Element neben Musik und Text und trägt einen enormen Teil der Gesamtwirkung.

Sascha Vernik:
Das Zusammenspiel sieht man eigentlich erst auf der Bühne. Ich habe die Animationen lange nur am Bildschirm gesehen. Wenn dann Sänger*innen, Orchester, Licht, Kostüme und Projektionen zusammenkommen, fügt sich alles plötzlich. Das ist das Geheimnis von Theater: Man weiß vieles im Voraus – aber der Moment, in dem alles zusammenkommt, bleibt magisch.

Christiane Lutz:
Eine Oper auf 55 Minuten zu kürzen ist brutal schwierig. „Kill your darlings“ gilt hier besonders. Wenn man eine Oper nicht in einem Satz erzählen kann, kennt man sie nicht. Wir konzentrieren uns auf Schlüsselmomente der Figuren, verbinden musikalische Nummern mit eigens geschriebenen Texten und fassen ganze Handlungsstränge in kurzen Szenen zusammen. Wichtig ist, dass die zentralen Melodien erhalten bleiben – sie sind das Herz dieser Werke.

Die drei Hexen sind für das ganze Drama verantwortlich. Wer sonst_ (c) REVKIN, Wiener Staatsoper, NEST
Die drei Hexen sind für das ganze Drama verantwortlich. Wer sonst. (c) REVKIN, Wiener Staatsoper, NEST

Unterschiedliche Zielgruppen, unterschiedliches Feedback

Christiane Lutz:
Aschenputtel richtet sich an Volksschulkinder, Macbeth an 10- bis 14-Jährige. Diese Altersgruppen brauchen völlig unterschiedliche Zugänge. Aschenputtel ist märchenhaft und illustrativ, Macbeth deutlich dunkler und skurriler.

Sascha Vernik:
Besonders spannend war das Publikum: In Schulvorstellungen reagieren Kinder sehr direkt und kommentieren offen. Bei Familienvorstellungen ist das Feedback zurückhaltender. Für uns war das unmittelbare Echo aus den Schulklassen extrem wertvoll.

Christiane Lutz:
Die Animation ist bei uns das eigentliche Bühnenbild. Es gibt nur wenige reale Elemente, sehr abstrakt gehalten. Der Raum entsteht durch die Projektionen. Die Hexen in Macbeth treten zum Beispiel ausschließlich als Animation auf. Gerade bei einem Stück, das stark mit inneren Bildern, Halluzinationen und Emotionen arbeitet, entfaltet das eine große Suggestivkraft. Szenenwechsel passieren in Sekunden – ohne Umbaupausen. Aus vielen Einzelteilen entsteht dann im Idealfall große Kunst.

Knister*Wissen: Suggestivkraft bedeutet, dass einem als Zuschauer*in Informationen, Emotionen oder Interpretationen subtil und oft unterbewusst “vorgeschlagen” werden.

Worum geht es in Macbeth?

Sascha Vernik:
Es geht um Macht und Gier – und darum, wie weit Menschen gehen, wenn sie sich nicht mehr stoppen lassen.

Christiane Lutz:
Hätten die Hexen geschwiegen, wäre alles anders gekommen. Erst durch die Prophezeiung entsteht in Macbeth die Gier. Er ist zunächst ein loyaler Krieger. Die Aussicht auf Macht pflanzt ihm den Gedanken ein – und treibt ihn schließlich zum Mord. Das Entscheidende ist: Diese Zerstörung kommt von außen. Nicht Macbeth und Lady Macbeth schmieden gemeinsam einen Plan, sondern die Idee wird ihnen eingeflüstert.

Animationen statt Bühnenbild - funktioniert überraschend gut! (c) REVKIN, Wiener Staatsoper, NEST
Animationen statt Bühnenbild – funktioniert überraschend gut! (c) REVKIN, Wiener Staatsoper, NEST

Am 25. Juni 2025 feierte die gezeichnete, gesungene und gespielte Version von Macbeth dann im NEST (Neue Staatsoper) Premiere. Während das märchenhafte Aschenputtel für eine jüngere Zielgruppe im Alter von 6-10 empfohlen wurde, fällt Macbeth mit der doch recht brutalen Handlung und Themen wie Gier, Macht und Krieg in die Altersgruppe 10-14. Im Jänner 2026 können beide Stücke noch im NEST angeschaut werden.

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