Sci-Fi, Synth-Pop und die Madonna des Balkans ** Die verschissene Zeit – Kosmos Theater

Blogheader Die verschissene Zeit © Bettina Frenzel

Drei Teenager geraten in eine Zeitschleife und stecken jetzt im Belgrad der 90er fest. Gerettet werden müssen der Vater, der Staat und auch noch die Zeit. Aber für wen eigentlich? Eine Inszenierung von Barbi Markovićsgleichnamigen Roman.

Banuvo Brdo – Belgrad – gerade nicht mehr Jugoslawien. 1995, das steht auf drei alten Röhrenfernsehern in roter Schrift. Auf der Bühne: Ein Metallgerüst und drei Musiker*innen, die auf Geige, Gitarre und einem Synthesizer die Choreo der Schauspieler*innen untermalen.

Drei Jugendliche stehen im Zentrum der Handlung und gerade nur so in der Gegend herum. Für Marko (Aleksandar Petrović), Kasandra (Simonida Selimović), und Vanja (Tamara Semzov) ist es ein Tag wie jeder andere auch. Sie spielen Mortal Kombat und sie werfen sich gegenseitig Schimpfwörter an den Kopf. Sie werden von zwei bekannten Ungustln in Diesel-Shirt und dicker Goldkette, den Bambalić Zwillingen, zum Diebstahl eines Amuletts angestiftet. Alles ganz normal.

Gestohlen werden soll ein Medaillon mit Krokodilmotiv aus dem Haus der „Madonna vom Balkan“ Gana Savić, einer ehemaligen Pop-Ikone. Dort eingestiegen werden die drei aber von einer Zeitmaschine erfasst und stecken in einer Zeitschleife fest. Sie finden sich in ihren eigenen Körpern wieder, nur ist es jetzt 1999 und „einiges der ehemaligen Zukunft ist bereits Vergangenheit“

Content-Notes: Stroboskopeffekte, Drogenkonsum, Beschreibungen von Rassismus und häuslicher Gewalt, selbstverletzendes Verhalten. 

Zwillinge Bambalić und ihre Hunde © Bettina Frenzel
Zwillinge Bambalić und ihre Hunde © Bettina Frenzel

Zeitsprünge mit Schleudergefahr

Die Körper sind größer und unvertraut, der Vater ist im Krieg gestorben. Gleich geblieben sind die Bambalić Zwillinge, nur dass sie jetzt Hunde besitzen. Als Zuschauer*in wird man durch die Reise auch etwas desorientiert. Man ist noch nicht mal so wirklich mit den Figuren warm geworden und muss genau so wie sie die Veränderungen erst mal verdauen. Auf den 304 Seiten des Buches hat man da vielleicht etwas mehr Zeit, die Protagonist*innen kennenzulernen, doch in nur 100 Minuten gestaltet sich das natürlich etwas schwieriger.

„Beim Lesen […] hatte ich das Gefühl, dass ich jede dieser Figuren kenne. Sie hatten andere Namen, aber sonst waren das genau dieselben Menschen.“

Trotz dem Tempo, mit dem das Stück voranschreitet, besticht es durch sein beinahe magisches Ambiente. An manchen Stellen wirkt es wie eine VHS-Kassette, die Bilder aus der eigenen Kindheit zeigt, an die man sich selbst kaum erinnern kann. Auch wenn die eigene Jugend ganz anders war. An anderen Stellen ist die Lücke in zumindest meinem eigenen kulturellen Kontext fast schmerzlich spürbar. Es werden Volkslieder voller Inbrunst gesungen und Ausschnitte jugoslawischer Fernsehsendungen flackern über die körnigen Bildschirme.

Für mich bestenfalls Einblicke in eine Kindheit, die nicht die eigene ist. Für andere mit mehr persönlichem Bezug sicherlich ein Relikt der eigenen Vergangenheit. Imre Lichtenberger Bozoki, der für das Konzept und die Regie verantwortlich ist, sagt: 

Zeitschleifenschwierigkeiten © Bettina Frenzel
Zeitschleifenschwierigkeiten © Bettina Frenzel

Die Zeit wert

Nicht nur die Schauspieler*innen haben sich ins Zeug gelegt. Auch die drei Musiker*innen geben alles. Von Balladen in zwei Sprachen, Tanzmusik, bis zu den Soundeffekten von Schusswaffen und Zeitmaschinen wurde alles exzellent vertont. Sogar Gana Savic hätte Tränen in den Augen gehabt.

Über den Abend hinweg kommen die großen wie die kleinen Themen des Lebens auf. Der Umgang mit Problemen auf zwischenmenschlicher Ebene, aber auch die Enttäuschung von der Generation vor einem selbst, von der Gesellschaft, vom Staat und eigentlich vom ganzen Universum. Ein großes „Fick dich, Kosmos!“, wie es die verschissene Zeit gut trifft.  

Am Ende kann ich nur sagen, dass es *auch* mir gefallen hat. Nicht weil mein Geschmack, was Theater betrifft, besonders raffiniert ist. Oder ich auf eine andere Weise ein schwer zu begeisternder Zuseher bin. Vielmehr, weil ich den behandelten kulturellen und historischen Kontext eben nicht persönlich miterlebt habe. Obwohl ich nicht die Zielgruppe bin – oder gerade weil ich nicht die Zielgruppe bin – hat mich das Stück berührt. Trotz der konkreten Verortung sind die behandelten Themen dann irgendwie doch universal nachempfindbar.

Eine Empfehlung für alle. Beinahe ein Muss für Menschen mit persönlicher Verbindung zum Handlungsort und/oder -zeit.

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