Ozan Zakariya Keskinkılıç ist Lyriker und das merkt man seinem ersten Roman in jeder Zeile an. In “Hundesohn” zeigt er, wie poetisch man über über menschliche Verstrickungen, Grindr-Dates und postmigrantische Erinnerungskultur schreiben kann. Und wie überraschend weich eine eigentlich harte Sprache klingen darf.
Wir begleiten Zeko, einen jungen, homosexuellen Mann mit türkischen Wurzeln, der in Berlin lebt. Vor allem aber tauchen wir ein, in eine Liebesgeschichte, die genau genommen keine ist – vielmehr eine Geschichte der Sehnsucht. Zeko wartet auf ein Wiedersehen mit seiner Jugendliebe Hassan.
Doch dieses Warten darf man sich weniger als passiven Akt vorstellen: Zeko driftet durch die Stadt, durch Betten und durch Grindr-Dates, die ihn jedes Mal wieder zu seiner idealisierten Erinnerung an Hassan zurückführen. Die aber langsam immer mehr zu bröckeln beginnt.
Die Opferrolle wird irgendwann zu eng
Gleichzeitig lernen wir Zeko selbst kennen: Ein zerrissener, verletzlicher Erzähler, den die Vergangenheit stärker antreibt, als jede echte Beziehung in der Gegenwart. Die Romantisierung des Vergangenen, die Selbstbemitleidung oder das Baden in der Opferrolle.Das alles lässt schließlich sogar seinen Großvater aus dem Grab zu ihm sprechen. Der Großvater, der den Nachbarssohn Hassan immer nur “Hundesohn” nannte.
Manche Passagen bleiben unübersetzt und stehen auf Türkisch im Text – dadurch wird Zekos Identitätskonflikt noch deutlicher. Er sehnt sich nach den Sommern in der Türkei, nach seiner jugendlichen Liebe und vermeintlichen Unbeschwertheit, während er sich im grauen Berlin mit Sexdates zu trösten versucht. Vergeblich.
Die Geister der Vergangenheit lauern für ihn in jeder Ecke seines Gehirns, ein Entkommen scheint unmöglich. Durch sprachliche Repetitionen wird dieses Gefühl der Unentrinnbarkeit immer stärker. Man kann Zeko nicht immer folgen, und doch irgendwie schon: Die Logik tritt zurück, das Fühlen dominiert.

Mit voller Wucht in eine fremde Lebenswelt eintauchen
“Hundesohn” öffnet eine Lebensrealität, die vielen fremd sein dürfte, das ist neben dem wunderschönen sprachlichen Aspekt, ein weiterer wichtiger Punkt. Denn noch immer werden zu wenig Geschichten über Menschen mit Migrationsbiografie in der Gegenwartsliteratur erzählt. Noch immer fehlen queere Liebesgeschichten. Und kombiniert begegnen sie uns fast nie. Schön, dass es nun zumindest eine, derart poetisch, mehr davon gibt.
Ozan Zakariya Keskinkılıç, “Hundersohn”. € 25,50 / 219 Seiten. Suhrkamp. Berlin, 2025.


