Mit ihrem Lyrikband „ich zeichne meinen standort auf die haut“ trifft Jule Weber direkt ins Herz. Ein Band, der zum Nachdenken anregt und tief fühlen lässt – ohne dabei in Kitsch abzudriften.
Jule Weber kommt aus dem Poetry Slam. Und wie dort so üblich, werden die Texte laut vorgetragen, jede Silbe ausgesprochen. Die Empfehlung, dies auch beim Lesen ihres ersten Lyrikbandes zu tun, findet sich auf der ersten Seite. Doch ganz gleich, ob dem nachgekommen wird oder nicht, steht eines fest: Diese Lyrik geht unter die Haut.
Und so sehr dieses Spiel mit dem Titel auch gewollt war, so wahr ist es auch. Denn Webers Gedichte bringen große Fragen gekonnt auf den Punkt. Etwa wenn sie in „Was alles Liebe ist“ die großen Kleinigkeiten, die zählen, nennt und damit die enorme Bandbreite der Liebe erzählt. So treffend, dass beim Lesen, ob laut oder leise, ein „Genau so ist es“ über die Lippen rutscht.
„an manchen tagen / nur atmen / weil das begreifen zu weit geht“
Der große Schmerz
Webers Stil ist zärtlich und fein ausgewogen, zugleich trifft sie mit voller Wucht in den Magen der Gefühllosigkeit und entlockt auch den abgestumpftesten unter uns eine emotionale Regung. Sie spricht über Essenzielles und Existenzielles, zutiefst Persönliches und gesellschaftlich Generelles gleichermaßen. Von Kleidergrößen bis zur Unfähigkeit des Weinens ist in diesem Band alles vertreten. Und dieses Konzept geht voll auf.
Mit „ich zeichne meinen standort auf die haut“ bildet Weber einen Kosmos des Lebens ab. Sie schreibt über Wut und Schmerz, das vage Gefühl, das entsteht, wenn ein Date doch nicht die große Liebe hervorbringt. Sie beschreibt das Sehnen, das Wünschen, das Entbehren – und die tiefen Gefühle einer Mutter für ihr Kind.
„jetzt an meiner schulter lehnend wiegst du / grob geschätzt so viel wie eine ganze welt“

Popkulturell, aktuell
All diese Gefühle nehmen mal viel, mal wenig Platz ein. So reichen die Gedichte von wenigen Zeilen über mehrere Seiten. Ihre jeweiligen Titel sind so poetisch und in sich rund, dass sie ohne weiteres als eigenständige Gedichte stehen können. Liest man sie abgekapselt vom zugehörigen Inhalt, wird man dauernd davon überrascht.
Im Nachgang jedoch ergeben sie so viel Sinn, dass es nichts Treffenderes geben könnte, als diesen Titel zu diesem Gedicht. Weber schreckt nicht vor popkulturellen Anmerkungen und dem regelmäßigen Wechsel ins Englisch – strikt auf die Titel bezogen – zurück. Mit feinem Humor rundet sie diesen Lyrikband perfekt ab und macht ihn zu einem wiederholt genießbaren Erlebnis.
„ich zeichne meinen standort auf die haut“ ist ein beinahe herzzerreißend schöner Lyrikband über das, was uns als Menschen ausmacht: das Fühlen. Eine große Empfehlung für alle, die Lyrik mögen.
Jule Weber, „ich zeichne meinen standort auf die haut“. € 22,90 / 144 Seiten. Haymon, Innsbruck 2025.


