Wie erzählt man die Geschichte einer legendären Figur der österreichischen Geschichte ohne verbale Sprache? Die Antwort darauf liefert Thierry Malandain in der neuen Marie Antoinette Ballett-Inszenierung an der Wiener Volksoper mit Farbe, Leichtigkeit und Humor.
Die Frage, welche sich für mich bei jeglicher Art von Kunst immer wieder stellt: Wie viel und was muss ich verstehen? Bei einer Ballett-Performance gibt es keine schwarzen Leinwände mit übersetztem Text, keine Dialoge, keine großen schauspielerischen Gesten. Wie soll man also nur durch Bewegungen einer historischen Geschichte folgen?

Die Geschichte der Kaiserin in 14 Choreografien
Die Antwort: Primär durch das vermittelte Gefühl. Dies passiert in 14 Abschnitten und Choreografien, welche chronologisch verschiedene Eckpunkte im Leben der Tochter von Kaiserin Maria Theresia behandeln. Gestartet wird mit der Hochzeit in Versailles. Es werden Bälle gefeiert, die Mätresse (Liebhaberin) vom König Ludwig XV. in wunderschönem rotem Kleid präsentiert, Frisuren der Unabhängigkeit gerockt, Mutterschaft mit (sehr echt aussehender) Holzpuppe inszeniert und zum Schluss der Kopf in den Himmel gerichtet, um mit fallendem Vorhang und Guillotine-Geräusch das Leben und Stück der Marie Antoinette zu beenden.
Wie außerdem Emotion und Handlung vermittelt werden können: Durch Bühnenbild und Kostüm. In dieser Inszenierung wird sehr stark mit Farben gearbeitet, welche in jeder neuen Szene die Stimmung der folgenden Bewegungsabläufe perfekt wiedergeben. In der Schlussszene – Tod der Österreicherin! – tragen beispielsweise alle Tänzer:innen schwarz – im Gegensatz zu den farbenfrohen Kostümen davor. Auch trägt Kaiserin Maria Theresia (Rebecca Horner) als einzige während der ganzen Performance schwarze Kleider, was Seriosität und herrschaftliche Strenge ausdrücken soll.
Marie Antoinette (Mila Schmidt) steht im kompletten Gegensatz dazu. Sie trägt kräftiges Gelb, Violett oder Grün. Ihre Kleider sind rückenfrei mit verspielten Röcken und Rüschen. Dies spiegelt Malandains Intention wider, die junge Königin als leichtsinnige Persönlichkeit zu inszenieren, die sich primär als Frau und nicht als Herrscherin wahrnehmen will. Sie ist eben just a girl in a world, die sie nicht wirklich interessiert.

Zwischen Opfer und Macht
Getanzt werden die Sequenzen zur Musik von zwei Zeitgenossen von Marie Antoinette: Joseph Haydn und Christoph Willibald Gluck. Diese geben den groben Rahmen vor und helfen in Kombination mit Bühnenbild und Performance, sich in die Zeit von königlichen Höfen kurz vor der Französischen Revolution zu begeben. Ansonsten sticht die Musik nicht besonders hervor.
Im Zentrum stehen hier logischerweise die makellosen, leichten, schwebenden, drehenden, hohen und starken Bewegungen der Tänzer*innen. Sie ziehen einen ab dem Einsetzen des Orchesters in den Bann und man fragt sich: Wie kann eine Person so stark und elegant zugleich sein?
Manche Sprünge passieren wie in Zeitlupe und spätestens in diesem Moment vergisst man, dass dies echte Menschen mit absurder Körperspannung sind und kein Gemälde, welches gerade zum Leben erwacht. Man sitzt, staunt und plötzlich ist es gar nicht mehr wichtig, im Detail zu wissen, wer jetzt wer ist und was wer jetzt genau macht. Es ist ein Erlebnis, das nicht verstanden, sondern gefühlt werden muss.

Von Liebe zu Hass
Man fühlt sich als Teil der Handlung. Als Teil einer höfischen Gesellschaft. Als Teil der Geschichte dieser Frau, die eigentlich keine Königin sein will. Die zum Symbol geworden ist für die Brutalität des Absolutismus und das Leid unzähliger Bürger*innen. Zum Symbol der Gewalt und der Französischen Revolution, die sie getötet hat. Die zuerst geliebt und dann gehasst wurde.
Ist das fair? Wahrscheinlich nicht. Wurde sie als junge Frau im Gegensatz zu anderen männlichen Herrschern zum Sündenbock eines scheiternden Systems gemacht? Wahrscheinlich. Würde man heute sagen, sie soll mal ihre eigenen Privilegien checken und kein Mitleid haben mit einer absolutistischen Herrscherin? Wahrscheinlich auch das.
Trotzdem macht es Spaß, sich für diese 90 Minuten in eine Welt zu begeben, in der Marie Antoinette als leichtsinnige, spaßige und wenig bedrückte Version weiter existiert.


