“Orange-Day” mal anders. Mit Pelléas et Mélisande führt die Wiener Staatsoper eine Oper auf, die traurigerweise gar nicht so fernab der Realität spielt.
Nothing new: Liebe und Eifersucht als Motivation zum Mord
Golaud, der Enkel des im Märchenland Allemonde herrschenden Königs, trifft eines Tages im Zuge seiner Streifzüge durch die Wälder des Landes auf eine, am Wasser sitzende und nach ihrem verlorenen Ring suchende Frau – Mélisande. Trotz vehementem Weigern überzeugt Golaud sie nach einiger Zeit, mit ihm zu kommen und seine Frau zu werden. (Er muss wohl sehr desperate gewesen sein, sie trotz ihres klaren Desinteresses zu seiner Frau zu machen.)
Wäre er nicht so in seine Vorstellung verbissen gewesen, hätte es ihm wahrscheinlich gut getan, auch Mélisande nach ihrer Meinung zu fragen. Diese war nämlich mit ihrem Herzen längst mit dem des Bruders von Golaud, Pelléas verbunden.
Es steht das Gerücht einer geheimen Liebe im Raum. Grund um zu Morden – oder? Genau das tut Golaud auch, als ihn eine leise Vermutung des Liebesverhältnisses der beiden beschleicht. Wohl bemerkt: Eine reine Vermutung ohne Beweise und ohne Versuch, die Situation verbal und gewaltfrei zu lösen. Er tötet schlichtweg seinen Bruder und verletzt Mélisande so schwer, dass sie nach der Geburt des Kindes (von Golaud und ihr), an den Folgen des Mordversuchs durch ihren Ehemann erliegt.
Need I say more?

Schlichte Bühne, viel Tragik
Die ganze Oper hindurch ist wunderbar still, an keinem Punkt langweilig. Ruhig, spannungsgeladen, gelassen, intensiv und tief. Wunderbar, das Orchester unter Alain Altinoglu spielt fast schon Filmmusik. Wer Hans Zimmer liebt und für einen Abend im Wunderland der klassischen Musik träumen möchte: Ab in die Wiener Staatsoper!
Schlicht gehalten wird, trotz der unglaublich tragischen (aber irgendwie total realen und gegenwärtigen) Handlung, das Bühnenbild. Obwohl die Bühnenelemente kaum verändert werden, ist die Bühne nie still. Das Wasser zeigt seine Unterstützung in den wilden Szenen. Sei es durch Wassertropfen, die hochspritzen, wenn Golaud Jagd auf seinen Bruder macht. Oder das sanfte Wellenspiel, das Pelléas und Mélisande in den Sonnenuntergang führt.
Auch die ruhige Wasseroberfläche, wenn Mélisande ihre Arien an deren Ufer singt. Das Wasserbecken inmitten des Bühnenbilds verwandelt sich ständig. Es folgt dem Szenenwechsel und erzeugt dadurch trotz fehlendem “echten” Bühnenbild-Wechsel eine spannende, sehr reversible Atmosphäre.
Tragik mit modernem Touch
Das Spiel mit Schatten auf den Betonbauten, dem großen Wasserbecken und den Sänger*innen (Mélisande: Kate Lindsey, Golaud: Simon Keenlyside, Pelléas: Rolando Villazón) funktioniert einwandfrei und unterstreicht, mit einem zumindest Bühnenbild-technisch modernen Touch, die Tragik der Oper.
Durch die Simplizität des Bühnenbilds und die kaum entstellten Emotionen wird der Debussy gerade genug und nicht zu sehr romantisiert. (Sicher entgegen dem Ziel mancher anderer Regisseur*Innen.) Regisseur und Bühnenbildner Marco Arturo Marelli lässt die Romantik für sich selbst sprechen, sie wirkt dadurch nicht aufgesetzt, sondern real und präsent.


