Worüber sprechen wir und was will noch gesagt werden? Der Lyrikband “Small Talk” von Dagmar Leupold trifft ins Herz der Gegenwart.
Die Welt ist voller Widersprüche. Während wir uns auf den Feierabend und das Treffen mit Freunden freuen, liegt am Hauptbahnhof ein Bettler, tobt in der Ukraine ein Krieg, sterben Menschen auf der Flucht im Mittelmeer. Wie “die Gleichzeitigkeit sich eigentlich ausschließender Zustände” aushalten? Wer nicht abstumpfen und ohnmächtig werden will, muss eine Sprache dafür finden, wie Dagmar Leupolds Gedichtband Small Talk es tut.
Die in Niederlahnstein geborene Schriftstellerin und Übersetzerin erzählt in ihren Gedichten von der Weltlage unserer Tage, von (politischen) Wetterlagen, Störungen und Aussichten. Die Gedichte durchlaufen ein Jahr, in welchem vieles auf kleinstem Raum Platz hat: schmelzender Schnee, ein Abschiedskonzert für Europa, Gedanken zum Krieg, zur Liebe und zu Tulpen im Sonderangebot.
Umbruch, Unruhe und Unsicherheit
Das Wetter kommt dabei nicht zu kurz. Als beliebtes Gesprächsthema hat es jedoch seine Unschuld verloren. Unberechenbar und unbeständig bringt es die Linde früher zum Blühen, lässt den Wind los und die Zikaden nach Norden ziehen. Das Wetter scheint auf das lyrische Ich abzufärben. Umtriebig zieht es von dem Erdbeben gezeichnetem Kalabrien über Zufluchts- und Urlaubsorten wie Suvereto oder Val Di Cornia zu Kriegsschauplätzen wie Uschhorod und kehrt aus der sicheren Heimat immer wieder zurück zu Leid und Schmerz, zu Orten, an denen der Tag stirbt, die Himmelskörper explodieren und der Himmel wie eine Wunde aufklafft.
Die Gedichte ringen zwar um das Gute, den Trost und die Hoffnung, entkommen jedoch nicht der Angst, Schwermut, Müdigkeit und Mordlust. Krieg und Klimakrise werden verdrängt, im Alltag ausgeblendet, wie Gespenster schwirren sie aber dennoch in unseren Köpfen.
Liebesdepesche
Nimm dich /
meiner Geister an /
Please
Beim Lesen der Gedichte bleibt die vorangestellte Widmung von Franz Kafka hartnäckig haften, der in seine Tagebücher schrieb: “Im Frieden kommst du nicht vorwärts, im Krieg verblutest du”. Doch ist wirklich kein Fortkommen?

Ambivalente Aussichten
Die Gedichte skizzieren die Gegenwart, manche weisen in die Vergangenheit – zu verschwindenden Dingen wie Löschpapier, Götterspeise und Zugfenster, aus denen sich herauslehnen ließ. Wieder andere blicken nach vorn.
Da wären beispielsweise die Gedichte “Morgenbild, pessimistisch” und “Morgenbild, optimistisch”, welche den Lesenden vermeintlich wählen lassen: Wollen wir den schleichenden Weltuntergang oder eine immer sonnig-sommerliche Welt?
Morgenbild, optimistisch
Hochglanzblaues Zelluloid, summer movie,
mit Rosen aus Silikon und
frisch shampoonierten Hummeln
alle Balkonblumen bienenkompatibel,
alle Raupen zertifiziert,
alle Menschen klimaneutral.Der Bestatter um die Ecke
heißt Friede, ist rund um
die Uhr erreichbar, undder Statist auf dem Fahrrad
steckt eine Feder an den
Strohhut – Vorbereitung zurHimmelfahrt.
Kein Geplapper
Manche Gedichte sind schonungslos, berühren, machen nachdenklich – und das oft mit gewöhnlichen Szenen des Alltags wie das Gedicht “Kehraus”. In diesem saugt die Kehrmaschine den Straßenmüll der durchfeierten Nacht und unsere Bedenken umso virtuoser auf, da uns für den eigentlichen Müll die Besen ausgegangen sind.
Da der Tonfall je nach Gedicht variiert, ist für jeden etwas dabei. Die Stelle, an der sich die Autorin über den weiblichen Artikel von Mond im Italienischen entrüstet, kann einen nur zum Schmunzeln bringen. In Small Talk fühlt man sich schnell ertappt, erkannt und angesprochen.
Wenn Jahreszeiten, Wetterlagen, Nachrichten kommen und gehen, was bleibt? Wohl die Gewissheit, dass der Umbruch andauern wird. Genau deshalb gilt es genau hinzuspüren, damit das Schreckliche nicht zur Gewohnheit wird, sondern die Ausnahme bleibt – Small Talk kann uns dabei helfen.
Dagmar Leupold, „Small Talk“. € 22,- / 128 Seiten. Jung und Jung, Salzburg 2025.


