Tante Pepi – Christian Dolezal ** Eine alte Dame ist ein bisschen wenig für einen ganzen Kabarettabend

Wenn ein Schauspieler den Sprung ins kalte Kabarettwasser wagt und gleich sein Solodebüt mit dem Programmpreis des renommierten Österreichischen Kabarettpreises ausgezeichnet wird, dann liegt die Latte recht hoch für das zweite Programm. 

Christian Dolezal steht nun also nach seinem prämierten Erstling „Herzensschlampereien“ mit seiner „Tante Pepi“ auf der Bühne. Und die alte Dame, die diesem zweiten Programm den Titel vorgibt, dürfte zwar etwas schrullig, aber insgesamt sehr patent und sympathisch sein, so wie Dolezal sie schildert. 

Liebes- und gesellschaftsunfähig

Auf seine Bühnenfigur hingegen trifft das nicht zu. Oder ist es doch nicht bloß eine Bühnenfigur, sondern steht hier der echte, wahre Dolezal vor seinem Publikum? Jedenfalls ergeht er sich in seinem Programm in einem leicht verbitterten Monolog über woke Doppelhaushälften-Bobos, Schickimicki-Getue und diverse Konventionen, die ihm zuwider sind. Es scheint, als wäre er (oder zumindest seine Bühnenfigur) nicht nur – wie es auf seiner Website über Dolezal heißt – liebesuntüchtig, sondern überhaupt gesellschaftsunfähig. Oder zumindest unwillig, sich gesellschaftlichen Normen zu unterwerfen.

Das reicht vom blanken Unverständnis, wie man ihm beim Schnitzel Ketchup vorenthalten und stattdessen Preiselbeeren servieren kann („Eine Marmelade zum Schnitzel? Möchtest du vielleicht zum Schweinsbraten ein Kompott?“), bis zur Unfähigkeit, auf ein fremdes Klo zu gehen. Die Cordoba-Nostalgie nervt ihn ebenso wie Flughäfen. Und die Tatsache, dass Menschen in einem Land, in dem das Wasser aus der Leitung nicht nur trinkbar ist, sondern sogar gut schmeckt, Wasser in Flaschen kaufen.

Christian Dolezal (c) www.christiandolezal.at

Meint er das alles wirklich ernst?

Ich bin mir zwischenzeitlich nicht sicher. Meint er beziehungsweise seine Bühnenfigur das alles wirklich ernst, worüber sich Dolezal hier auslässt? Oder macht er sich im Gegenteil damit über genau jene Leute lustig, die sich über solche Dinge mokieren? 

Die Reaktionen im Publikum auf seine Pointen sind höchst unterschiedlich. Während sich die einen alle paar Minuten laut lachend darüber zerkugeln, sitzen andere zweimal eine Stunde fast schon stoisch da und warten offenbar auf den ersten guten Gag. Ich persönlich muss gestehen: Ja, bei vielen Szenen habe ich zustimmend genickt und innerlich geschmunzelt – wirklich gelacht habe aber auch ich nicht. 

Insgesamt ist der ganze Abend etwas zäh. Das liegt vielleicht einerseits daran, dass Dolezal einen – nennen wir es “raunzigen” – Tonfall pflegt, bei dem das Zuhören etwas anstrengend ist. Und andererseits an den Inhalten. Nicht nur einmal frage ich mich: Warum genau erzählt er uns das jetzt? Und es ist bezeichnend, dass er ganz am Anfang seine Tante Pepi zitiert. „Christian, du woarst liab. Aber genierst du di net?“ Die gute Tante Pepi hätte er gerne öfter einbauen können. Vielleicht hätte es dem Programm gutgetan.

„Herr Dolezal, ich liebe Sie. Aber kennenlernen will ich sie nicht.“

Nach diesem Abend verstehe ich auch ein bisschen die Dame, die Dolezal seiner Erzählung nach obige Nachricht an der Kassa hinterlassen hat. Allerdings hoffe ich schon, dass er privat dann doch ein bisschen anders ist als seine Bühnenfigur.

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