Tanzt die Orange – Jan Wagner, Norbert Hummelt ** Rilke neu lesen

Mit „Tanzt die Orange“ vereinen Jan Wagner und Norbert Hummelt 75 Lyriker*innen mit einer Gemeinsamkeit zwischen zwei Buchdeckeln: Sie alle kennen Rilkes Werk. So entsteht ein lebendiger Dialog in 100 Gedichten, zwischen Rilkes Original und Neuinterpretationen.

Um etwas Kluges über Lyrik zu schreiben, bedarf es Kenntnis und Fingerspitzengefühl. Etwas bei Lyrik zu verstehen, bedarf der Fähigkeit zu fühlen. Und das lässt sich bei diesem Band hervorragend tun. 

Das liegt zum einen an Rainer Maria Rilke selbst, dessen Geburtstag sich 2025 zum 150. Mal jährt und dem deshalb dieser Band gewidmet ist. Seine Lyrik zeichnet sich durch verspielte und dennoch klare Reime, existenzielle Fragen verpackt in kunstvoller Sprache und tiefgründige Nachdenklichkeit aus. Zum anderen tragen die verschiedenen Lyriker*innen mit ihren modernen Antworten zur Schönheit dieses Buches bei. Immerhin würde es ohne sie ja auch nicht existieren.

Eine Sammlung der Großen

Dieser Sammelband vereint nicht nur die Essenz Rilkes, seine schönsten, traurigsten, jedenfalls aber tief berührenden Gedichte, sondern auch jene Neuinterpretationen moderner Lyriker*innen. Die Liste aller Beitragenden liest sich wie das Who-is-Who der deutschsprachigen Gegenwartslyriker*innen. Um nur ein paar Namen zu nennen: Ulf Stolterfoht (Ernst-Jandl-Preis für Poetik 2025), Ferdinand Schmatz, José F. A. Oliver, Franz Josef Czernin, Sirka Elspaß, Yevgeniy Breyger, Nora Gomringer, Martina Hefter, Kerstin Preiwuß und Safiye Can.

Ihre Gedichte stehen „dem Original“ in nichts nach. Gerade aus dem Dialog zwischen Alt und Neu entsteht der Zauber dieses Buches. So antworten gleich vier Lyriker*innen – Titus Meyer, Ulrike Draesner, Bertram Reinecke und Cia Rinne – auf das wohl mitunter bekannteste Gedicht Rilkes: “Der Panther”. 

Und wie das so ist, wenn vier verschiedene Menschen auf eine Sache reagieren, gleichen sich die vier Gedichte nur in ihrer Antwort auf Rilke. Auffallend sind Draesners mehrsprachiges Gedicht „pant her“ und Rinnes „panterre“, das seine Wirkung in direkter Gegenüber- oder besser, Nebeneinanderstellung mit „Der Panther“ entfaltet. 

Insbesondere die Mehrsprachigkeit dieses Bandes ist es auch, das ihn auszeichnet. Ganze sieben Abschnitte sind Rilkes französischen Gedichten gewidmet, die in seiner Zeit in der Schweiz entstanden. Insbesondere die Gedichtzyklen „Vergers“ und „Exercises et évidences“ werden näher betrachtet.

Tanzt die Orange (2025, Hanser Berlin) herausgegeben von Jan Wagner (l.) und Norbert Hummelt (r.). (c) Nadine Kunath; Johanna Hummelt

Rilke – Deutsch

Bereits im Vorwort wird klar – dieses Buch ist keine reine Sammlung Rilke’scher Gedichte. Es ist eine Übersetzung, ein Versuch, Rilke ins Deutsche zu übersetzen. Was zunächst absurd klingen mag, schließlich war der besagte Lyriker deutschsprachig, erklärt sich wie folgt: Es ist keine simple Wort-für-Wort Rückübersetzung, sondern eine Übersetzung des Fremden (Rilkes Gedichte) in das Eigene (den Stil, den Ausdruck, die Haltung der Lyriker*innen). Anhand des Beispiels „Schluszstück“ stellt sich nämlich schnell heraus: Jede*r liest anderes hinein.

Der Tod ist groß. / Wir sind die Seinen / lachenden Munds. / Wenn wir uns mitten im Leben meinen, / wagt er zu weinen / mitten in uns.

Und so unterschiedlich die Lesarten sind, so divers sind auch ihre Antworten. Während manche Fußnoten setzen, bedient man sich an anderer Stelle an den Regeln der verschiedenen Gedichtformen und wieder woanders an grafischer Ausgestaltung. 

Ein Buch für alle Sinne

Es ist wirklich ein Genuss, durch diesen Band zu blättern und ihn mit allen Sinnen aufzunehmen. Besonders durch das laute Vorlesen kommen die Gedichte gut zur Geltung. Alles in allem ist dieser Sammelband unglaublich wichtig. Zum einen, weil er Rilke in seiner ganzen Vielfalt zeigt und zum anderen, weil eine so dichte Aneinanderreihung so starker Lyriker*innen immer ein Gewinn ist. 

Wo sonst tummelt sich sprachliche Vielfalt in all ihrer Brillanz? Klare Leseempfehlung für alle, die sich gerne mit Lyrik beschäftigen und denen ein schöner Band in ihrem Regal noch fehlt.

Jan Wagner, Norbert Hummelt (Hrsg.), „Tanzt die Orange“. € 28,80 / 240 Seiten. Hanser Berlin, München 2025.

Schau hier her → Look here → Buraya bak → Pogledaj ovde → Nézd ide → Guarda qui → انظر هنا → Podívej se sem → Spójrz tutaj → Посмотри сюда → Виж тук → Nhìn đây →

knisternde Beiträge:

"Kultur ist nachhaltig" vegan" lit oida" glutenfrei" neurodivergent" neutral" kulturell" nonbinär" geil" Hafermilch?" chaotisch" richtig" bunt" verständnisvoll" multi" direkt" ...FÜR ALLE"