The daily feminist – Evelyn Höllrigl Tschaikner ** Darf’s ein bisserl Gerechtigkeit sein?

Wenn eines gesellschaftlich zu kurz kommt, dann Gleichberechtigung. Diese Meinung belegt Evelyn Höllrigl Tschaikner mittels unzähliger Quellen eindrucksvoll in ihrem Buch „The Daily Feminist“. Aber keine Angst vor Untätigkeit, denn die Autorin liefert gleich „199 konkrete Handlungstipps für Gleichberechtigung im Alltag“.

Schonmal von Manslamming, Manspreading, Mansplaining, Manterrupting oder Bro-/Hepeating gehört? Geht man nur nach den ersten drei Buchstaben dieser Wörter, so kann es schnell so wirken, als könne Mann nichts richtig machen. Eine mittlerweile gerne und oft, meistens ziemlich laut, verbreitete Meinung. 

Dass es dabei jedoch nie um das Individuum an sich, sondern angelernte und sozial akzeptierte Verhaltensweisen geht, wird gerne übersehen. Und genau hier hakt Höllrigl Tschaikner ein. Was an manchen Stellen wie name dropping wirkt, hat Sinn: Sie zeigt auf, was hinter den Wörtern steckt, welche Auswirkungen diese Verhaltensweisen haben und wie, mikrofeministisch, mit ihnen umgegangen werden kann. 

„Auch auf symbolischer Ebene ist der Raum ungleich verteilt. In den 30 größten Städten Europas sind 91 Prozent der nach Personen benannten Straßen Männern gewidmet.“

Das macht sie dabei nicht nur in verständlicher Sprache, sondern wirklich unterhaltsam. Sie konfrontiert gängige Klischees mit statistischen, historischen und sozialkritischen Fakten und ist in ihrer Herangehensweise unglaublich vielfältig. Denn nicht nur spricht die Autorin verschiedenste Themen an, auch ihre praktischen Tipps reichen von simplen Nachfragen auf blöde Witze bis hin zu gekonnt schlagfertigen Gegenargumenten auf Aussagen wie: Wir sind doch eh alle gleichberechtigt. 

The Daily Feminist (2025, Kösel) von Evelyn Höllrigl Tschaikner (c) Myriam Frank

Feministisch auf allen Ebenen

Geht es nach Höllrigl Tschaikner, so ist es Mikrofeminismus: Auf Fotos den Kopf gerade, statt leicht geneigt zu halten oder laut und klar zu sprechen. Die Beine im Sitzen nicht zwangsläufig zu überschlagen, die Armlehne im Flugzeug oder der Bahn zu nutzen. Literatur von Frauen zu lesen und zu verschenken und bei Männern nicht von „investieren“ und bei Frauen nicht von „ausgeben“ zu sprechen. Männern Blumen zu schenken und ihnen den Koffer zu tragen, sowie auf die Anrede „junge Dame“ mit „alter Herr“ zu antworten. 

„Im Jahr 2025 beziehen sich nur 18,3 Prozent der dort [Wikipedia, Anm.] aufgeführten Biografien auf Frauen. 81,7 Prozent auf Männer. […] Nur 9 Prozent derjenigen, die regelmäßig Artikel schreiben und pflegen, sind weiblich.“

Soweit so offensichtlich (mikro-)feministisch. Dass insbesondere Aktionen wie die letzte, keine besonders angenehme Reaktion hervorrufen wird, ist vermutlich klar. Eine Nebenwirkung, wenn auf Missstände aufmerksam gemacht wird. Gerade das ist so wichtig, wenn die Kluft bis zur Gleichberechtigung noch so groß ist. Nicht umsonst macht dieses Buch auf die vielen Gaps aufmerksam, die teilweise absurd klingen. Noch absurder aber ist es, dass es sie tatsächlich gibt. Etwa den Gender Care Gap, den Gender Data Gap, den Gender Orgasm Gap, den Gender Pension Gap, den Gender Foto Gap und den Gender Health Gap.

Die Sache mit den Nachteilen

Bis hierhin ein tolles Buch. Allerdings kommt man als Leser*in nicht umhin, sich zu fragen, ob ein paar dieser Ansichten, nicht ein wenig weit hergeholt sind, um mikrofeministisch zu sein. So zum Beispiel, wenn Höllrigl Tschaikner schreibt, dass es Mikrofeminismus ist, Fragen wie „Woher kommst du wirklich?“ nicht zu stellen, Mode nicht in „schmeichelhaft“ und „unvorteilhaft“ zu unterteilen und Kinder zu ermutigen, Raum einzunehmen. Dies mag auf den ersten Blick verwirren und Menschen, die sich erst dem Thema Feminismus annähern, als übertrieben scheinen. Im schlimmsten Fall geschieht dadurch sogar dergegenteilige Effekt, alles als übertrieben anzusehen und augenverdrehend das Buch zuzuschlagen. 

Weitergelesen stellt man allerdings schnell fest, dass die Autorin auch hier gründliche Recherche betrieben hat. Was erst weit hergeholt und übertrieben wirkt, ist plötzlich logisch. Und was im Kapitel zu groß erscheint, wird am Ende des Kapitels in einer eigenen Infobox nochmals kurz in lockerer Sprache umrissen. Dies wirkt allerdings stellenweise willkürlich ausgewählt und beschreibt einzelne Schlagworte nur grob. 

Das Schlimmste an diesem Buch ist allerdings die Wahl der Hervorhebungsfarbe. So gut sie am Cover und in den Infotabellen auch aussehen mag, so katastrophal ist sie im Text zu lesen. Nicht in gut ausgeleuchteten Räumen. Wohl aber, wenn man abends bei warmem Licht im Bett liegt. Dies ist nicht nur schade, sondern leider auch nicht inklusiv, da Menschen mit Sehschwäche so wichtige Dinge außen vor bleiben.

Fazit 

Alles in allem ist „The Daily Feminist“ aber ein gutes Buch. Interessant für Menschen, die tiefer in das Thema eintauchen möchten, als auch für solche, die überhaupt erst einsteigen wollen. Eine klare Empfehlung für alle, die gut recherchierte und unterhaltsam aufbereitete Fakten und tatsächlich ausführbare Tipps lesen möchten.

Evelyn Höllrigl Tschaikner, „The Daily Feminist“. € 20,- / 272 Seiten. Kösel, München 2025.

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