Voice Killer – Theater an der Wien ** True-Crime auf der Bühne

Ein Horrorfilm über eine wahre Begebenheit, aber auf der Bühne mit wahnsinnig schräger Musik: Das war „Voice Killer“ am Theater an der Wien 

Es gibt Menschen, die hören in ihrer Freizeit gerne True Crime-Podcasts. Dann gibt es mich, die nicht einmal Horrorfilme schaut und selbst bei Krimis die erfundenen Geschichten bevorzugt. Und plötzlich sitze ich in „Voice Killer“ von Miroslav Srnka – eine sehr Oper, die die wahre Geschichte eines Serienmörders erzählt. 

Gleich vorab, ich bin kein Fan von moderner „klassischer“ Musik und noch weniger von Thriller oder True Crime-Podcasts. Doch ich muss hier klar zwei Dinge trennen: Subjektiv war es nicht meins. Ich gehe gern in die Oper, um etwas Schönes zu sehen. Mord, Intrigen und Totschlag gehören zwar zur klassischen Opernhandlung, sind aber immer (oder meistens) fiktiv und in schöne Musik verpackt. That being said, es war großartig. 

Wer ist am Ende schuld? (c) Karl Forster

Worum geht’s? 
Im Mai 1942 ist der US-Soldat Edward J. Leonski in Australien stationiert – und bringt drei Frauen um. Nach dem dritten Mord wird er endlich gefasst. Leonski sagte nach seiner Festnahme, dass die Stimme der Opfer ihn entzückt hätte. Er wollte sie sich „aneignen“. Die Oper zeigt drei Frauen im Jahr 2025, die ein Museum besuchen, Leonskis Geschichte lesen – und sich darin wiederfinden. 

Die gesangliche sowie schauspielerische Qualität aller Darsteller*innen war enorm. Das Orchester (Klangforum Wien unter der Leitung von Finnegan Downie Dear), Arnold Schönberg Chor und die Statisterie des TadW haben die perfekte Stimmung geschaffen. Die Inszenierung (Cordula Däuper) war simpel, aber beeindruckend. Mit wenigen Mitteln aber sehr durchdachten Bühnenelementen (Friedrich Eggert, Franz Tscheck) und Kostümen (Sophie du Vinage) wurde hier ein Film auf die Bühne gebracht, bei dem die Zuschauer*Innen mittendrinnen statt nur dabei sein konnten. 

Wild, crazy, angsteinflößend – und echt.

„Voice Killer“ ist ein Horrorfilm mit schräger Musik und einer noch schrägeren Stimmung. Leonski kommt aus einer „kaputten“ Familie. Sein Vater ist gewalttätig, er findet als Kind seine Mutter tot auf. Als Erwachsener sucht er quasi „die Stimme“ seiner Mutter, die ihm immer vorgesungen hat – und findet sie in seinen drei Opfern. Aber let’s start from the top. 

Schon während dem Saaleinlass tut sich was auf der Bühne. Es ist ein Teil eines Museums zu sehen, wo ein Strick in einer Vitrine zu sehen ist. Daneben hängt das Bild von Edward J. Leonski. Tourist*Innen gehen vorbei, schießen Selfies mit dem „feschen“ Serienmörder. Es sind fast absurde Szenen, die wir alle aus Museen wiedererkennen. Drei Frauen lesen seine Geschichte nach und durchforsten das Beweismaterial. Eine durchsichtige Leinwand, die sich über die ganze Bühne erstreckt, wird genutzt, um alle Fakten aufzuzeigen. Man liest Ausschnitte aus dem Polizeibericht und weiß sofort: Das könnte heftig werden. 

Gänsehaut-Momente & Ur-Ängste

Und tatsächlich, die Gänsehaut lässt nicht lang auf sich warten. Leonski (Seth Carico) fällt von Anfang an schon fast unangenehm auf. Übertriebenes Grinsen und Lachen, ein fehlender Ernst im Alltag. Das erste Opfer löst in mir schon alle Zustände aus: Sie wird bei der Straßenbahnstation von ihm angesprochen und erwürgt. Not gonna lie, es ist eine meiner (und wahrscheinlich von vielen) größten Ängste beim Heimgehen. Diese Angst so direkt und live auf der Bühne zu sehen… sagen wir, es hat viel gebraucht, um nicht aus dem Raum zu flüchten. 

Remember their Names: Ivy, Gladys & Pauline (c) Karl Forster

Spannend ist vor allem die Dynamik und das Verhalten der Opfer. Ivy (Caroline Wettergreen) ist vorsichtig und ängstlich, sie erkennt die Gefahr an der Straßenbahnstation um 02:00 Früh recht schnell. Pauline (Holly Flack) ist das krasse Gegenteil: Sie ist auf Aufriss, vom charmanten Soldaten begeistert und will ihn mit heimnehmen – bis sie vor ihrer Haustüre ermordet wird. Gladys (Nadja Stefanoff) hingegen ist zwar vorsichtig und ängstlich, will sich jedoch nicht in ihrem Leben einschränken lassen.

„Es ist die Aufgabe des Monsters, die Finger von mir zu lassen.“ – Gladys in einem Brief an ihren Vater

Wer ist schuld?

An einem Punkt wird ein Schild zum Publikum und zur Bühne gehalten: „SCHULD„. Kein Statement, keine Frage, aber effektiv. Denn man wird als Zuschauer*in plötzlich aufmerksamer. Wie schnell schieben wir jemand anderem als dem Täter die Schuld zu? „Er hatte eine schwere Kindheit“. „Sein Vater war gewalttätig“. „Er hat seine Mutter tot aufgefunden“. „Gladys hätte aus der Stadt ziehen können und hätte überlebt“. „Pauline hätte ihn nicht mit nach Hause nehmen müssen“. „Was fährt Ivy um 02:00 auch alleine und öffentlich nach Hause“.

Das Stück endet auch mit einer großen und wichtigen Message: Während Leonski am Strick hängt, erinnert uns seine Mutter (Jacqueline Macaulay) an das eigentliche Problem:

„Wir erinnern uns an Menschen, vor denen wir Angst haben… mehr als an diejenigen, die uns leidtun. Jeder wird wissen, wer du bist. Wie waren nochmal ihre Namen?“ – Momma von Leonski.

Ivy McLeod, Pauline Thompson, Gladys Hosking. Erinnert euch an ihre Namen.

True Crime im Museum: Nadja Stefanoff (Gladys), Holly Flack (Pauline), Caroline Wettergreen (Ivy) (c) Karl Forster

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