United By Fans: The Secret Heroes of Eurovision ** Mehr als nur ein Musikwettbewerb

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Schrille Kostüme, eingängige Pop-Hymnen und das große Finale an einem einzigen Abend im Mai: Das ist für viele das Bild des Eurovision Song Contest. Doch für die wahren Fans des ESC ist die Veranstaltung viel mehr.

Wenn du an den Eurovision Song Contest denkst, woran denkst du dann als erstes? An Conchitas Sieg von 2014? An Andi Knolls Stimme? Oder an Philipp Hansas EQUALITY T-Shirt? Tatsächlich sind bei einem Event wie dem ESC extrem viele Leute involviert, von denen wir als Zuseher*innen überhaupt nichts mitbekommen. Und dennoch tragen sie einen großen Beitrag dazu bei, dass der Eurovision so über die Bühne läuft, wie wir ihn dann am Ende sehen. 

Genau über diese Menschen möchte ich bis zum Finale des ESCs mehr herausfinden: Diese Woche habe ich mich gefragt, wie es ist, ESC-Fan zu sein.  Dafür habe ich mich mit Manuela, Nicolas und Michael getroffen. Alle drei verbindet ihre große Leidenschaft zum Song Contest. Sie sind nicht nur Teil des offiziellen ESC-Fanclubs, der OGAE Austria, sondern sind dort auch im Vorstand tätig.

OGAE 2023 (c) OGAE Webseite
OGAE 2023 (c) OGAE Webseite

Wie die Leidenschaft entfacht wird

Der Weg zum eingeschworenen ESC-Fan ist selten ein geplanter Prozess. Vielmehr beginnt er mit einem einzigen, prägenden Moment, der so individuell ist wie die Fans selbst. Bei vielen ist es eine Kindheits- und Jugenderinnerung, die das Feuer der ESC-Hyperfixation entfacht. So auch bei Manu, die von einer Erzählung ihrer Mutter berichtet. 

“Als ich ein paar Monate alt war sind sie [meine Eltern] in die neue Wohnung gezogen. Außer zwei Sessel und einem Fernseher war nichts drinnen. Also haben sie in dieser ersten Nacht den Fernseher aufgedreht und es lief der Eurovision Song Contest. Es war auf jeden Fall ein Nährboden für meine Faszination,” 

Bei Nicolas war es der Auftritt von Eric Papilaya 2007, der den Weg für seine Eurovision-Liebe ebnete. Und bei Michael war es tatsächlich die akademische Laufbahn, denn er kam über sein Musikwissenschaftsstudium zum Fandom.

In einer Vorlesung ist es tatsächlich um den Song Contest gegangen„, erzählt er. Die analytische Auseinandersetzung mit der Struktur und Komposition von ESC-Songs offenbarte die Komplexität hinter den oft als simpel abgetanen Popsongs und zeigte, dass der ESC auch aus musiktheoretischer Sicht ein spannendes Feld ist. 

Ein weiterer prägender Moment war für alle jedoch der Sieg von Conchita im Jahr 2014, der den ESC für viele im eigenen Land plötzlich “greifbar” machte. Ein Ereignis, das auf einmal nicht “nur” im Fernsehen stattfand, sondern in der eigenen Stadt Realität wurde und eine neue Magie entfaltete.  

Conchita Wurst (c) Albin Olsson
Conchita Wurst (c) Albin Olsson

Patriotismus ist optional

Auch wenn Conchita ein prägender Moment für sie alle war – und auch wenn es ein Nationen-Wettbewerb ist – geht es nicht primär um den Nationalstolz. Fans jubeln nicht zwangsläufig für ihr eigenes Land. Die Karten werden jedes Jahr neu gemischt und die Favoriten werden basierend auf der Qualität des Songs, der Inszenierung und der persönlichen Verbindung zur Musik gewählt. 

So bezeichnet sich beispielsweise Nicolas ganz selbstverständlich als “Team Schweden”, weil ihn die musikalischen Beiträge dieses Landes über Jahre hinweg am meisten begeistern. Diese Haltung ist kein Einzelfall, sondern ein Kernprinzip der Community: Die Leidenschaft für einen guten Song wiegt schwerer als die Nationalität des Künstlers. 

Im Kern des ESC-Erlebnisses steht nicht nur die Musik, sondern vor allem die Gemeinschaft. Für unzählige Fans bietet der Contest eine soziale Heimat, die auf gemeinsamen Werten wie Offenheit, Vielfalt und gegenseitigem Respekt beruht. Diese Bubble ist der eigentliche Motor, der die Leidenschaft antreibt. 

JJ - Johannes Pietsch ist der Gewinner des ESC 2025 (c) ORFEBUCorinne Cumming
JJ – Johannes Pietsch ist der Gewinner des ESC 2025 (c) ORFEBUCorinne Cumming

Das Herz des Fandoms ist die Gemeinschaft

Die Essenz der ESC-Community lässt sich in drei zentralen Aspekten zusammenfassen: 

1. Ein sicherer Hafen: Fans beschreiben die Community einstimmig als Safe Space oder gar als Familie. Sie ist ein Ort, an dem Vielfalt nicht nur toleriert, sondern aktiv zelebriert wird. Hier ist es vollkommen egal, woher man kommt, wen man liebt oder wie man aussieht. Dieser inklusive Geist schafft Atmosphäre des Ankommens und Sich-Zuhause-Fühlens. 

2. Internationale Freundschaften: Die soziale Dimension des Fandoms ist enorm. Der ESC wird zum jährlichen Treffpunkt, bei dem internationale Freundschaften entstehen und gepflegt werden. Manu erzählt: “Ich habe eine Gruppe von jungen türkischen Fans kennengelernt, die, obwohl die Türkei nicht mehr bei dem Song Contest ist, dem Song Contest jedes Jahr nachreisen.” Solche Begegnungen formen ein globales Netzwerk, das weit über die Musik hinausgeht. 

3. Strukturierte Gemeinschaft durch Fanclubs: Offizielle Fanclubs wie die OGAE bieten die formale Architektur, die eine saisonale Begeisterung in ein ganzjähriges Hobby verwandelt. Sie füllen die Lücke zwischen den Wettbewerben.  Mit Public Viewings, Preview-Partys und Konzerten mit ehemaligen Acts schaffen sie verlässliche Anlaufstellen und helfen, die von Fans gefürchtete “Post Eurovision Depression” zu überwinden. 

Public Viewing am Wiener Rathausplatz (c) www.hans-leitner.com
Public Viewing am Wiener Rathausplatz (c) www.hans-leitner.com

Vielfalt vs. Viel Spaltung

Auch ich bin seit Jahren großer Eurovision Fan. Länder und Kulturen aus aller Welt, sowie Popmusik haben mich immer schon interessiert. Der Gedanke daran, dass so viele Menschen rund um den Globus am selben Tag zur selben Zeit genau das gleiche Programm im TV schauen, fand ich von Klein auf faszinierend und hatte immer etwas Verbindendes für mich. 2015 war mein erstes Jahr in Wien. Der ESC damals hat mir geholfen, mich in dieser Stadt wohl und akzeptiert zu fühlen. Ich habe Menschen aus aller Welt kennengelernt und mit ihnen Musik gefeiert. Seitdem sehne ich mich nach diesem Gefühl wieder einen ESC in “meiner” Stadt erleben zu dürfen. 

In wenigen Monaten wird dieser Traum nach 11 Jahren wahr werden und dennoch fällt es mir heuer schwer, meine Vorfreude auf den bevorstehenden Mai auszuleben. Darf ich mich in der jetzigen politischen Lage auf ein Event wie den ESC freuen? Kann ich den ESC genießen, wenn ich weiß, was in der Welt abgeht und wie viele Länder heuer nicht am Contest teilnehmen, weil Israel teilnehmen darf? Wie ist es möglich, dass eine Show so vielfältig ist und gleichzeitig so krass spaltet? Ist es möglich, ein Event zu feiern und gleichzeitig seinen Veranstalter, die EBU, für diverse Entscheidungen zu kritisieren? 

Auch für Nico ist klar: 

“Es ist ein gewisser Safe Space. Und auch wenn mir bewusst ist, dass es gewisse Themen gibt, die das Ganze in Gefahr bringen könnten, wollen wir da trotzdem vielleicht ein bisschen naiv sein und sagen: „Okay, wir sind in unserer Welt, und es ist einfach geil.“”

Die Freude auf den ESC fühlt sich heuer nicht unbeschwert an, sie ist begleitet von Zweifeln, Widersprüchen und der Frage nach Verantwortung. Vielleicht liegt die Wahrheit darin, diese Ambivalenz auszuhalten: den ESC zu lieben, ohne ihn zu idealisieren; sich auf das Gemeinschaftsgefühl einzulassen und gleichzeitig kritisch zu bleiben. Fan zu sein heißt dann nicht, alles gutzuheißen, sondern bewusst Teil eines komplexen Ganzen zu sein.

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