Ein Stück Realität ** Portrait: Theater am Werk

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Ein Keller unter dem Trubel der Wiener Innenstadt: Wie das Theater am Werk gesellschaftliche Themen fühlbar macht. Ich habe das Theater bei einer Eigenproduktion begleitet und beobachtet, wie hier politische Stoffe zur Bühnenrealität werden.

Mitten im ersten Wiener Bezirk. Zwei Cafés stehen dicht nebeneinander. Zwischen ihren Tischen: eine unscheinbare Glastür, hinter der eine Stiege nach unten führt. “Theater am Werk” steht mit weißer Schrift auf dem Glas geschrieben. Vor der Tür steht eine Frau: Ausgekämmte schwarze Locken schmücken das Gesicht, zwischen dem knalligen Lippenstift steckt eine Zigarette, die erfolgreich der roten Farbe trotzt. Hannah Egenolf ist leitende Dramaturgin am Theater am Werk in Wien. Und das bereits seit vierzehn Jahren. 

Das Theater am Werk ist ein junges, experimentelles Haus mit deutlichem gesellschaftspolitischen Anspruch. 2023 hieß es noch Werk X, heute bespielt das Theater am Werk zwei Standorte: Am Petersplatz im historischen Zentrum und im urbanen Entwicklungsgebiet Kabelwerk in Meidling. Es versteht sich als ein Ort für vielfältige, zeitgenössische Erzählformen jenseits von konventionellen Schubladen.

Das Theater fördert Experimentierfreudigkeit, gibt insbesondere jungen Künstlern und Künstlerinnen Raum zur Entfaltung und engagiert sich stark für die freie Theaterszene. Im Mittelpunkt steht dabei, Menschen erzählen zu lassen und so einen Raum für die Geschichten dieser Stadt zu schaffen

Kunst unter der Oberfläche

Die Stiege hinter der Glastür wird von blauen Wänden begleitet und endet mit einigen Fahrrädern, die abgesperrt am Rand stehen. Ein Blick nach rechts zeigt, über eine zweite Stiege, den Rest der blauen Farbe: Ein minimalistisch gehaltener Raum streckt sich hier in die Länge, in dessen Mitte das Blau durch Rot ersetzt wird. Dazwischen nicht weniger als ein Garagentor. Die Lichter tauchen alles, was durch den Raum läuft, blau oder rot.

Ein kleines architektonisches Theaterwunder mitten in der Innenstadt. (c) Anika Skubacz

Zunächst fehlt vom Theater jede Spur. Hinter einer großen weißen Tür verschwinden dann die auffälligen Farben. Als ob von einem schwarzen Loch erfasst, sind die aufgereihten Stühle wie in dunkle Farbe getunkt. Sie verschmelzen optisch mit dem Boden und den Wänden. Alle Augen und Scheinwerfer richten sich nach vorne. Ein roter Teppich ziert das Bühnenbild und reißt die Aufmerksamkeit auf sich. 

Inmitten von Tourismus und Konsum verspürt man am Standort in der Innenstadt eine ganz besondere Atmosphäre. Als Kellertheater liegt es unauffällig direkt unter den meistbesuchten Läden und Cafés in Wien, eingebettet in das alltägliche Treiben. Die Geräusche der Stadt dringen bis in den Probenraum: Der Bohrer einer Baustelle und der mittlerweile altbekannte Fleischklopfer eines Restaurants erinnern immer wieder an das Leben an der Oberfläche. Kunst und Alltag fließen ineinander.

Tagsüber ist es ein Ort des gesellschaftlichen Trubels, abends wird genau das auf die Bühne gebracht. Wien ist eine Theaterstadt, deren Charakter nicht nur vom imposanten Burgtheater bestimmt wird, sondern auch von all den kleineren Theatern, welche den Menschen näher sind. Sie sind Herzstücke der Stadt, die Wien so lebendig machen. 

Theater unter der Erde: Garagenflair und Politik. (c) Anika Skubacz

Politik zum Spüren

Als Dramaturgin prägt Hannah Egenolf die künstlerische Handschrift des Theaters mit. Sie ist verantwortlich für die inhaltliche Ausrichtung der Produktionen und hilft, einen Text auf die Bühne zu bringen. So wirkt sie auch bei der Wahl des Stücks “aufstiegskörper. ein fühlversuch.” mit. Dieses Stück ist alles andere als ein Zufallsfund, sondern das Ergebnis eines gezielten Entwicklungsprozesses.

Entstanden ist der Text im Rahmen des „Drama Lab“ der WIENER WORTSTAETTEN: Einem Autorenlabor, das fünf junge Schreibende eine Spielzeit lang bei der Entwicklung neuer Theatertexte begleitete. Die entstandenen Arbeiten wurden im Spätsommer 2024 erstmals szenisch gelesen. Anschließend wählte das Theater am Werk einen der Texte für eine Eigenproduktion aus, um das Stück zur Uraufführung zu bringen. Die Entscheidung fiel auf Lena Riemers “aufstiegskörper”. 

“Uns war sofort klar, dass es dieser Text wird. Nicht, weil die anderen nicht gut sind, sondern weil wir glauben, dass man die Geschichte jetzt erzählen sollte.” – Hannah Egenolf über “aufstiegskörper. ein fühlversuch.”

Szene aus „aufstiegskörper. ein fühlversuch.“ (c) Mathias Heschl

Egenolf glaubt, dass “Bildungsgerechtigkeit ein Thema ist, das uns immer mehr beschäftigen sollte, weil es das aktuell nicht ausreichend tut”. Solche Produktionen sind ein gängiger Teil des Konzepts und typisch für das Selbstverständnis des Theaters: gesellschaftliche Themen, die zum Denken anregen. 

Zwei Tage vor der Uraufführung wagt sich das Theaterteam das erste Mal an eine Probe mit einigen neuen Zuschauern. Zuvor wurde das Stück wochenlang einstudiert und perfektioniert. “Wenn man nach dem typischen Theaterverlauf geht, dann müsste es heute richtig gut und morgen bei der Generalprobe wieder ganz schlecht laufen”, erklärt Hannah Egenolf ganz gelassen.

Die Zigarette hat mit dem letzten Zug ihren Zweck erfüllt und schließt sich den anderen im Mistkübel an. Viele ihrer Art werden heute noch dort landen. Nervosität hängt in der Luft und wird immer wieder von Rauch verdrängt. 

Der erste Testlauf

Neun Menschen verteilen sich auf die schwarzen Stühle, um ein Publikum zu simulieren. In der Mitte die Regisseurin Christine Eder, Hannah Egenolf in der letzten Reihe. Notizblock und Stift bereit, gibt die Regie das Startwort und ein perfekt abgestimmtes Zusammenspiel aus fünf Schauspielern beginnt. Es läuft wie von Egenolf prophezeit: Der erste richtige Durchlauf war ein Erfolg. Die Aufregung sackt wie kalte Luft nach unten und lässt wieder Platz zum Atmen des Zigarettenrauchs. 

Das Theater am Werk will eine Stimme innerhalb des gesellschaftlichen Diskurses sein. Die Stimme der Bevölkerung. Das Einfangen gesellschaftspolitischer Themen, die ganz aktuell sind oder trotz Relevanz zu wenig beleuchtet werden. Das Stück “aufstiegskörper. ein fühlversuch.” soll ein Augenmerk auf den Bildungstrichter in Österreich werfen. Ein Aussieben von Menschen, deren Aufstiegschancen nicht an Leistung, sondern an Rahmenbedingungen scheitern – zum Beispiel, weil der Weg ins Gymnasium früh versperrt war. 

Das Problem soll angesprochen werden. Doch nicht nur das, denn Zahlen kann jeder im Internet nachschauen. Der Fokus ist hier: fühlen. Fühlen wie es ist, alles Mögliche zu tun und nichts zu erreichen. Ein Gefühl, das viele Menschen durch ihr Leben begleitet.

Und genau das ist wichtig. Das Theater am Werk zeigt keine Märchen, von denen man nachts träumt und sich sehnlichst wünscht, selbst zu erleben. Das Theater am Werk nimmt einen auf eine Reise durch die Realität vieler mit. Die Realität, die uns tagtäglich umgibt. Eine Realität, derer sich viele dennoch nicht bewusst sind. 

Der Abend der Wahrheit

Der große Moment steht bevor: Die erste Aufführung. Es werden noch viele mehr folgen, doch wer will schon einen schlechten ersten Eindruck machen? Selbst bekannte Gesichter aus Wiener Schauspielschulen mischen sich unter das Publikum. Lachen hallt durch den bescheidenen Raum und übertönt die Musik. Hannah Egenolf  schlängelt sich mit einem strahlenden Gesichtsausdruck von Gruppe zu Gruppe. Von den Geräuschen der Stadt sind schon lange keine mehr zu hören.

Alle wollen heute einen unvergesslichen Abend erleben, ob sie es erwarten oder darauf hoffen, spielt keine Rolle. Von den Fahrrädern im Eingang ist auch keine Spur mehr. Die Tür öffnet sich und die Sitzreihen füllen sich, bis selbst der letzte Platz besetzt ist. Es gilt: freie Platzwahl. Die erste Reihe zahlt nicht mehr als die hinterste Ecke. Ein kleines Detail, jedoch ein großer Unterschied zum Großteil der anderen Theater. Zudem ist die Bühne nicht klar abgegrenzt. Wer hier in der ersten Reihe sitzt, steht wortwörtlich selbst noch im Rampenlicht. 

Der Warteraum füllt sich mit dem Publikum. (c) Anika Skubacz

Die erste Schauspielerin, Birgit Stöger, tritt hervor und steht unmittelbar vor der ersten Sitzreihe. Das Publikum lebt mit. Lachen ertönt im Saal und das nicht gerade selten. Und das, obwohl es kein lustiges Stück ist. Eine Reaktion auf die Absurdität der Realität, die so stark normalisiert ist? Ganz besonders bei diesem Stück ist es die Art des Spielens. Jeder soll das Gefühl bekommen, im Kopf der Charaktere zu sitzen. Alle Gedanken werden ausgesprochen, was dem Ganzen eine außergewöhnliche Nähe bringt. 

“Das ist so wahr, aber man redet nicht so darüber.” 

Eine klare Aussage, die exakt wiedergibt, wofür das Theater am Werk steht. Das Publikum wurde erreicht, das Ziel erfüllt. Der erste Eindruck wurde gelegt, doch der Stress ist noch nicht vorbei. Hannah Egenolf läuft diesmal angespannt durch den Raum und bahnt sich schnell einen Weg zwischen den Gruppen hindurch. Die Vorstellung ist vorbei, doch das Event noch nicht: Die Bar wird eröffnet und der soziale Austausch ist in vollem Gange. Das Lob wird einkassiert und den Kommentaren interessiert zugehört. Kunst soll schließlich gefühlt werden und Emotionen anregen. 

Heute schwebt besonders viel Freude im Raum. Nicht trotz, sondern wegen der Schwere des Stücks. Doch das wirkt nicht niederdrückend, sondern scheint vielmehr etwas freizusetzen: Das Gefühl, endlich eine Stimme zu haben. Einige wenige verabschieden sich und verlassen das Theater mit oder ohne diesen neuen Gefühlen, doch der Großteil bleibt und geht dem Rede-Bedürfnis nach.

Und genau darum geht es dem Theater am Werk: einen Raum zu schaffen, in dem gesellschaftliche Themen nicht enden, wenn der Vorhang fällt, sondern weitergetragen werden. Zigarettenrauch hüllt den Ausgang ein und verschlingt die restliche Aufregung des Abends.

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