Zwischen Muskeln, Manie und Me Too legt „Mundtot” die grausige Realität frei, die sich hinter der polierten Ästhetik des Leistungssports verbirgt. Ein lautes Stück über Survival und Solidarität im Frauensport.
Das Schauspielhaus Wien wird zum Handballfeld in dieser Uraufführung inszeniert von Christiane Pohle und geschrieben von Miriam Unterthiner. Vier Schauspielerinnen und ein*e Musiker*in klagen den Druck im Frauensport laut an und zeigen, dass das Spiel längst nicht mit dem Schlusspfiff endet. Geht das Stück hinaus über ein Manifest wütender Feministinnen?
Der erste Anblick: ein Spielfeld in Trümmern, als hätte ein Erdbeben es erschüttert. Der erste Ton: quietschende Turnschuhe auf Linoleumboden. Sofort stellt sich ein vertrautes Gefühl ein, eine kollektive Rückversetzung in den Schulsport. Das Echo von Jubeln und Rufen hallt durch den Sportsaal, doch die Spielerinnen haben eingefrorene Gesichter. Musiker*in Lens Kühleitner tritt inmitten des Schlachtfeldes, shreddet auf der E-Gitarre und vermittelt sofort: Hier geht es um Wut.

Auf der Suche nach der Sprache
Ihre Körper von Sport-Tape und Bandagen zusammengehalten, wandeln die Spielerinnen (Tala Al-Deen, Iris Becher, Florentine Krafft und Sophia Löffler) über das Feld. Die Handlung ist zersplittert: Kein gemeinsames Spiel, sondern eine Abfolge einzelner Monologe. Reihum rezitieren die geschundenen Handballerinnen Meditationen über Ungesagtes und Unsagbares.
Hier setzt „Mundtot” auf eine lückige Prosa: Viele Sätze lassen das Verb fallen, spiegeln so die fehlende Handlungsfähigkeit der Frauen. Die Sprache deutet schon darauf hin, dass hier etwas nicht stimmt. Etwas, das die jungen Frauen noch nicht begreifen, nicht benennen können.
Wie ein Schiedsrichter trennt Musiker*in Lens Kühleitner die Szenen voneinander, beschleunigt sie mit E-Gitarre, trommelt und klimpert auf Sportmedaillen, bringt den Moment dann zum Stillstand. Immer wieder kommt ein winzig kleiner Lautsprecher zum Einsatz, schickt leise ein Vogelzwitschern in die aufgeladene Stille hinein oder lässt Stimmenechos über die Bühne geistern.
Angetrieben vom Adrenalin als Droge ihrer Wahl taumeln die Figuren über das Feld: mal mit weit aufgerissenen Augen, mal robotisch und wie ferngesteuert. Ohne Anweisung ihres Trainers wirken sie orientierungslos, als dürften sie nicht für sich selbst denken. Der Trainer – hier gestaltlos, aber immer präsent – beherrscht nicht nur ihre Körper, sondern auch ihre Köpfe, erzählen sie. Elemente der Slam Poetry durchziehen den Text, Wortspiele wie „Körp-ER” sollen die patriarchale Macht über den Frauenkörper betonen. Ob hier gelacht werden soll, ist unklar, die Ironie trifft nicht ganz den richtigen Ton.
Iris Becher glänzt in ihrer großen Szene nicht nur im Paillettenkleid. Mit elektronisch verzerrter Stimme verspottet sie die mediale Obsession mit männlichen Sportlern, die wie Götter verehrt werden. Im Frauensport gilt dafür das Prinzip „Sex Sells”, in Interviews wird nach gemeinsamem Duschen gefragt. An dieser Stelle gelingt die Satire und ist gnadenlos.

Under Pressure
Auf den Trümmern ihres Spielfeldes verhandeln die Sportlerinnen den permanenten Druck zur Bestleistung und die Entfremdung vom eigenen Körper, der im Leistungssport zur Ware wird. Der thematische Bogen spannt sich bis hin zu Machtmissbrauch und #MeToo. Wenn auch untrennbar verbunden, wirkt der Konnex hier jedoch stellenweise überfrachtet.
Abseits von Frust und Anklage setzt das Stück einen leisen und einsamen Kontrastpunkt mit einem zaghaften Crush zwischen zwei Teammitgliedern. Schmerzhaft wird deutlich, worauf sich junge Frauen viel lieber konzentrieren möchten: Schmetterlinge im Bauch anstatt Kloß im Hals. Gerade nach dieser starken Szene verlieren die darauf folgenden Passagen an Intensität und bieten kaum Neues.
Wenn dein Körper nicht mehr deiner ist
Am Spielfeld wird der Körper zur Nummer, zur funktionierenden Einheit. Das Stück zeigt, dass es dabei nicht bleibt. Nicht nur körperliche Überanstrengung, ausbleibende Perioden, Schlafmangel, Atemnot oder Angstattacken sind reale Bedrohung, sondern ebenso Übergriffe, Machtmissbrauch und die Konsequenzen, die es haben kann, darüber zu sprechen. In einem eindrücklichen Moment durchbricht die Inszenierung die vierte Wand, Zeitungsartikel werden im Publikum verteilt: Berichte über Sportlerinnen, die nach gemeldeten Vorfällen zum Teil nicht Unterstützung, sondern den Rauswurf erfuhren.
„Mundtot“ ist ein mutiges und emotionales Stück, das um einen klaren Fokus ringt, dessen Wirkung aber nachhallt. Gerade weil es alles zugleich erzählen will, wird es niederschwellig in seiner Allgegenwärtigkeit, aber zugleich textlich erdrückend. Die dichten, langen Monologe häufen sich und lassen der Inszenierung kaum Raum zum Atmen. Größtenteils verharrt die Narrative in der Anklage, am stärksten überzeugt sie aber dort, wo sie leise wird, wo Nähe entsteht, oder wo auch kurz mal gelacht werden kann. Weniger Text und dafür mehr Raum für diese emotionalen Momente hätten der Inszenierung gutgetan.



