Keine Musikhochschule, kein Notenpapier: Der 25-jährige Filmkomponist hinter Kommissar Rex 

Blogheader Interview Ratka (c) ORF, Julia Schwarz

Man muss keine Musikhochschule besucht haben, um für einen absoluten Kultfilm die Musik zu komponieren. Tobias Alexander Ratka ist 25, hat sich das Komponieren großteils selbst beigebracht und hat gerade sechs Stunden Musik für die Rückkehr von „Kommissar Rex“ geschrieben. Sechs Folgen, sechs Genres. Von Hard Rock bis Symphonieorchester. Wir haben ihn gefragt, wie das eigentlich geht.

Filmmusik läuft immer mit. Wenn in einer Szene die Spannung steigt, wenn jemand stirbt, wenn zwei Figuren endlich zusammen kommen: Die Musik macht das erst so richtig spürbar. Aber wer schreibt das alles? Und wie sieht dieser Berufsweg aus, der nicht über Studium und Stipendien führt, sondern über GarageBand, YouTube und eine Obsession für Film?

„Musik kann nicht gut oder schlecht sein. Sie kann im Kontext passen oder nicht passen.”

Tobias Alexander Ratka aus Baden bei Wien ist einer, der das weiß. Mit 13 hat er sein erstes Hörspiel vertont, mit 19 die neue Signation der ORF-Doku-Reihe „Universum“ komponiert, mit 21 „SOKO Linz“. Und irgendwann zwischendurch hat er mit Hans Zimmer zusammengearbeitet. Jetzt ist er 25. Und ab dem 13. April 2026 läuft sein bislang größtes Projekt im TV: die sechs neuen Folgen von „Kommissar Rex“, jede in Spielfilmlänge, jede mit einem eigenen Sound. Kein schlechter Start.

Ein Österreicher, sechs Genres, sechs Folgen: Wie geht das?

Ein Raum mit warmen Licht, Ziegelwänden, vielen Teppichen am Boden und noch mehr Star Wars-Zeug in den Regalen: Wir sitzen in Ratkas Studio in der Nähe vom Bahnhof Meidling. Auf seinem Schreibtisch steht ein großer Bildschirm, der das Soundprogramm mit vielen Tonspuren zeigt, an der Wand ist das passende Bild zur Musik zu sehen. In der Schublade liegt so ganz nebenbei ein Keyboard – der wohl loyalste Mitarbeiter ever. 

„Ein Filmkomponist erzeugt Emotionen.” Er lacht kurz. „Nein – im Endeffekt komponiere ich die Musik zu den einzelnen Szenen in einem Film oder einer Fernsehserie. Es beginnt meistens mit einem Gespräch mit der Regie und der Produktion: Was soll die Musik aussagen, wie soll sie klingen, welche Instrumente kommen in Frage? Wir entwickeln die Ideen dann anhand von Moodboards und mit Hilfe der Drehbücher.“

Bevor der eigentliche Kompositionsprozess beginnt, läuft in den meisten Produktionen erst einmal ein sogenannter Temp Track. Also Musik, die provisorisch unter den Schnitt gelegt wird, um Stimmung und Tempo zu simulieren. Für manche Komponist*innen ist das eine Einschränkung. Ratka sieht es pragmatisch.

„Ich nutze sie meistens als Inspiration. Ist der Temp Track düster, weiß ich: Okay, es soll düster sein. Klingt jetzt sehr banal, aber so ist es manchmal.” 

Tobias Alexander Ratka in seinem cozy Studio nähe Wien Meidling. (c) Julia Schwarz
Tobias Alexander Ratka in seinem cozy Studio nähe Wien Meidling. (c) Julia Schwarz

Das Schicksal ist ein Hund namens Kommissar Rex.

Noch wichtiger als der Temptrack ist für ihn aber die sogenannte Spotting Session: „Da schaut man gemeinsam mit Regie, Produktion und manchmal auch dem Schnitt den Film durch, schreibt sich Timecodes auf. Zum Beispiel ‘Von Minute fünf bis Minute sieben und dreißig Sekunden brauchen wir ein Stück Musik’. Dann wird diskutiert, was alle hören wollen.”

Dass Ratka nun ausgerechnet für „Kommissar Rex” vor dem Bildschirm saß, fühlt sich für ihn fast wie Schicksal an. Die Kultserie kehrt mit sechs neuen Fällen in Spielfilmlänge zurück und jede Episode hat einen eigenen Score, ein eigenes Genre.

„Kommissar Rex hat absoluten Kultstatus, es ist eine gigantische Ehre, das machen zu dürfen. Ich habe seit einigen Jahren ein Tattoo einer Hundepfote auf dem Arm. Als ich gefragt wurde, ob ich die Filmmusik für Rex komponieren möchte, habe ich dann doch ein bisschen mehr an das Schicksal geglaubt.“

Insgesamt hat Ratka für die sechs Folgen rund sechs Stunden Musik komponiert. Die erste Episode wurde mit dem ORF Radio-Symphonieorchester aufgenommen. Die zweite mit einem Streichquartett. Und dann?

„Ich höre privat sehr viel Rock, Hard Rock, Metal und ich durfte diese Wurzeln auch einfließen lassen. Ich habe sehr viele E-Gitarren und Drums eingebaut. Das war musikalisch mein Traumprojekt – von allem ein bisschen was drin. Von Synthesizern bis zu Flöten und Orchester.

Der Arbeitsprozess: Vom leeren Bildschirm zum fertigen Score

„Stift und Notenpapier ist nicht mehr die Realität. Die ganze Arbeit passiert im Computer – in meinem Fall mit Logic Pro. Ich habe hier ein MIDI-Keyboard, spiele die einzelnen Spuren ein, fange zum Beispiel mit den ersten Geigen an. Das nennt man einen Mock Up. Also man simuliert das Orchester zunächst digital, bevor es mit echten Musiker*innen aufgenommen wird.“ 

Dass er dabei selten mit klassischen Fachbegriffen arbeitet, hält ihn nicht auf. „Ich habe absolut keine Ahnung von Fachbegriffen – aber meine Musiker*innen verstehen es trotzdem immer.“ Der kreative Einstieg beginnt mit dem anschauen der Szene anschauen. Dazu wird improvisiert – auf dem Klavier, der Gitarre, was auch immer gerade greifbar ist. Dann Ideen aufnehmen, weiterspinnen, überlagern. Und manchmal ist das Schwierigste dabei, die eigene Gefühlslage beiseite zu legen.

„Ich betrachte Komponieren ein bisschen wie Schauspielern. Es gibt nichts Schwierigeres, als wenn du ausnahmsweise mal super happy bist – und dann musst du eine Todesszene schreiben, bei der alle am Bildschirm zu weinen beginnen. Das ist manchmal die größte Herausforderung für mich.“

Was braucht man also wirklich, um Filmkomponist*in zu werden? Ich glaube, es hilft, wenn du ein bisschen im Einklang mit deinen Emotionen bist – so cringe, wie das gerade klingt. Musik kann nicht gut oder schlecht sein. Sie kann im Kontext passen oder nicht passen. Und was man am meisten braucht, ist eine Leidenschaft und einen gewissen Drive.“ Akademisches Wissen? Nicht zwingend. Ratka lacht: 

„Ich bin kein Akademiker und habe keine Ahnung, wovon die reden. Natürlich habe ich den größten Respekt vor allen, die das können, aber es geht zum Glück auch ohne. Für mich ist Komponieren eine Art des Ausdrucks – wie für andere tanzen, basteln oder zeichnen.“

Den Startschuss für diese Leidenschaft gab übrigens ein Klassiker: Der Soundtrack zum 2009er „Star Trek“ von Michael Giacchino. „Das habe ich nach dem Kino zu Hause in GarageBand nachgebaut. Da habe ich gemerkt, dass es einfach witzig ist, Orchester-Samples zusammenzubasteln.“ Von GarageBand zum ORF Radio-Symphonieorchester. Mit 25.

Maximilian Brueckner, Rex und Ferdinand Seebacher (c) ORF
Maximilian Brückner, Rex und Ferdinand Seebacher (c) ORF

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