Die spanische Schriftstellerin Eva Baltasar hat mit „Mammut“ einen Roman geschrieben, der definitiv im Gedächtnis bleibt. Und das nicht nur wegen seines schönen Einbands.
Ursprünglich 1959 erschienen, wurde „Mammut“ vom Schöffling Verlag 2025 erstmals auf Deutsch in einer Übersetzung aus dem Katalanischen von Petra Zickmann veröffentlicht. Oh, was dem deutschen Buchmarkt hier doch entgangen ist.
Die namenlose Protagonistin will ein Kind. Und an ihrem 24. Geburtstag soll die Zeugung geschehen. So will sie das zumindest. Als ihr Vorhaben scheitert, kündigt sie ihren Job an der Universität und zieht ins Landesinnere, stets auf der Suche nach dem, der sie endlich schwängert.
Ihr Weg nimmt viele Abzweigungen, bis sie schließlich in einem abgelegenen, schwer erreichbaren Haus zur Ruhe kommt. Dort lebt sie ein Leben, das in keinem größeren Kontrast zu dem Leben in der Stadt stehen könnte. Die einzige menschliche Interaktion findet sie in einem Schäfer, der ein paar hundert Meter entfernt wohnt. Und dann nimmt die Geschichte ihren Lauf.

Zeitlose Absurdität
Man kann diesem Roman vieles vorwerfen. Dass er sprunghaft und etwas wirr ist, beispielsweise. Dass er zu lange dauert, langatmig oder langweilig ist hingegen ganz und gar nicht. Im Gegenteil. Baltasar hat mit dieser Protagonistin eine starke Figur geschaffen, die ganz genau weiß, was sie will und wann sie es will.
Sie lebt stets im Hier und Jetzt und setzt Grenzen, dass es nur so scheppert. Ihre Geschichte zu verfolgen, ist ein rasanter Genuss. Gerade dann, wenn man meint, den Plot herausgefunden zu haben, biegt die Story ab. Und dort, wo man als Leser*in nicht mehr damit rechnet, geht es wieder auf den gedachten Weg zurück.
Der Ausstieg aus der Hektik des städtischen Alltags und vermeintlicher Lebensträume sind beliebte Themen in der Literatur. Baltasar schafft es jedoch, diese Geschichte absolut zeitlos aufzubauen. Mutig ist die Wahl der Queerness der Protagonistin, schließlich erschien der Roman im faschistischen Franco-Spanien, in dem Queerness, insbesondere Homosexualität, als moralische Verderbtheit galt.
„Wir trinken Kaffee, […] und währenddessen kann ich den Blick nicht von ihr wenden. Der Mund einer Frau hat Macht, er kann dich ins Lot bringen, dich befreien. Ihr Mund ist die Arterie, die den Körper zur Ordnung ruft. Ich kann mich nicht entziehen.“
Poetische Rohheit
Baltasars Stil schwankt zwischen poetisch verschnörkelt und roh, ist dabei aber immer eines: treffsicher. Sie bringt Gedanken präzise auf den Punkt und erweckt Umgebungen so zum Leben, als sei man selbst vor Ort. Schafstall- und Ziegengeruch inklusive. Zeitgleich entzieht sie der Protagonistin tiefe Gefühle und schreibt ihr Abgebrühtheit zu. Das jedoch ermöglicht es, existenzielle Fragen mal offensiv, mal zwischen den Zeilen zu stellen, ohne in enorme Schwere zu verfallen.
Ein schaler Beigeschmack bleibt bei aller Unterhaltung jedoch nicht aus. Denn die Abgebrühtheit und das um jeden Preis erwünschte Ergebnis – eine Schwangerschaft – sind es auch, die dieser Protagonistin jeglichen Weitblick nehmen. So zieht sie zwar klare Grenzen für sich selbst, vergisst dabei allerdings auf andere. Die dadurch entstehenden Situationen grenzen teilweise an Missbrauch, sind mehr Schwarz als Graubereich. Zwar ist der Sex einvernehmlich, aber dann verschwindet plötzlich das Kondom. Oder es kommt gar nicht zu einer Verhütung und die Protagonistin wir eigentlich zur Täterin.
„Sie verschönerten sich ihren Lebensabend mit Vivaldi-Konzerten und Bach-Suiten, schienen aber schon tot zu sein, als würde ihr Herz aus purer Gewohnheit weiterschlagen.“
Hart zu Lämmern
Alles in allem ist Mammut ein absolut lesenswerter Roman. Gerade weil er so herrlich schräg und schnell ist. In seiner Skurrilität ist er einzigartig und gleichzeitig ein guter Read für Zwischendurch. Einzig wer Lämmer mag, wird hiermit nicht sonderlich glücklich werden.
Eva Baltasar, „Mammut“. € 20,60 / 112 Seiten. Schöffling & Co., Frankfurt am Main 2025.


