Das Politischste, was ein Körper heute sein kann, ist ein dicker Körper, weil er den gesellschaftlichen Erwartungen widerspricht.
“Fat Business” von Bobby Herrmann-Thurner nimmt diese Abweichung ernst. Nicht als ästhetische Frage oder als individuelles Schicksal, sondern als strukturelles Problem. Das Buch argumentiert: Dicke Menschen sind nicht das Problem. Problematisch sind die politischen, medizinischen und wirtschaftlichen Systeme, die sie dazu machen.
Was “Fat Business” so erfrischend macht, ist gerade das, was es nicht ist. Kein Buch darüber, wie man lernt, den eigenen Körper „richtig“ zu lieben. Kein Appell zur Selbstakzeptanz als Endpunkt. Stattdessen ein Buch, das beharrlich fragt, warum dicke Menschen überhaupt in diese Position gedrängt werden und wer davon profitiert.
Ein Alltag, der selten benannt wird
Besonders eindrücklich sind jene Passagen, in denen Herrmann-Thurner alltägliche Situationen beschreibt, die viele dicke Menschen kennen, aber selten als das benennen, was sie sind. Arztbesuche, bei denen Beschwerden konsequent auf das Gewicht zurückgeführt werden. Begegnungen im öffentlichen Raum, in denen Beschimpfungen oder herabwürdigende Kommentare beiläufig fallen. Momente, die oft zu klein wirken, um sie zu erzählen und gerade deshalb so tief sitzen.
Die Autorin beschreibt diese Erfahrungen nicht als Einzelfälle, sondern als Muster. Immer wieder geht es um die gleiche Bewegung. Erst wird der Körper problematisiert, dann das Erleben entwertet. Was bleibt, ist Scham. Viele der geschilderten Situationen wirken traumatisierend, nicht im klinischen Sinn, sondern im alltäglichen. Das Buch macht deutlich, wie sehr sich diese Erfahrungen einschreiben und wie selten sie gesellschaftlich als Gewalt anerkannt werden. “Fat Business” gibt ihnen keinen therapeutischen Rahmen, sondern einen politischen.

Sprache ist nicht willkürlich
Diese politische Haltung zeigt sich besonders deutlich in der bewussten Wortwahl der Autorin. Herrmann-Thurner spricht konsequent von „Mehrgewicht“ oder „Hochgewicht“ und nicht von „Übergewicht“. Diese Entscheidung ist kein sprachlicher Nebenaspekt, sondern Teil der Argumentation. Das Präfix „über“ markiert Abweichung, impliziert ein Zuviel, ein Überschreiten der Norm. Sprache wird so selbst zum Instrument der Bewertung.
Indem die Autorin in “Fat Business” Begriffe offenlegt und hinterfragt, zeigt sie, wie stark medizinische und mediale Sprache Körper normiert und pathologisiert. Auch die bewusste Verwendung des Wortes „fett“ als Selbstbezeichnung wird im Buch nicht provokativ eingesetzt, sondern als Akt der Rück-Aneignung.
Das eigentliche Problem heißt Anpassung
Ein zentraler Gedanke des Buches ist, dass dicke Menschen nicht deshalb leiden, weil sie dick sind, sondern weil sie ständig zur Anpassung aufgefordert werden. Diese Anpassung hat viele Namen: Diät, Lebensstiländerung, medizinischer Eingriff, Ozempic. Herrmann-Thurner beschreibt detailliert, wie die Diätindustrie und zunehmend auch pharmazeutische Lösungen davon leben, dass das Problem am Körper selbst verortet wird.
Besonders deutlich wird das an Stellen, in denen sie ihre eigene Diätgeschichte beschreibt. Sie spricht von einer endlosen Abfolge von Versuchen, von Verzicht und Selbstdisziplin. Hermann-Thurner beschreibt dadurch intensiv den Wunsch, irgendwann akzeptabel zu sein.
“Fat Business” legt offen, wie früh diese Logik greift und wie schwer sie sich wieder abstreifen lässt. Nicht der Körper steht hier im Zentrum, sondern der permanente Versuch, ihn gesellschaftlich passend zu machen.
Warum dieses Buch berührt
Als dickere Person hat mich “Fat Business” nicht deshalb berührt, weil ich mich in jeder Szene wiedergefunden habe. Sondern weil das Buch Dinge ausspricht, die viele nicht einmal für sich selbst formulieren. Erfahrungen, die oft mit so viel Scham verbunden sind, dass sie sprachlos machen. Herrmann-Thurner schreibt darüber, ohne sie zu therapieren oder zu individualisieren.
Dass dieses Buch kein „Lern, dich zu lieben“-Narrativ bedient, wirkt dabei befreiend. Es verschiebt Verantwortung dorthin, wo sie hingehört. Gleichzeitig bleibt ein Spannungsfeld: „Fat Business“ wird vermutlich vor allem von jenen gelesen werden, die diese Erfahrungen bereits kennen oder ernst nehmen. Das ist keine Schwäche des Buches, sondern ein Hinweis darauf, wie viel strukturelle Arbeit noch nötig ist.
„Fat Business“ ist kein angenehmes Buch. Aber es ist eines, das benennt, was sonst verschwiegen wird. Und genau darin liegt seine Kraft.


