Lasst doch endlich diese Frau in Ruhe ** Elisabeth! – Burgtheater

Blogheader Elisabeth! (c)Tommy Hetzel

Ein grandioser Text, ein gewaltiger Monolog und eine einzige Frau auf der Bühne: das ist Elisabeth! Sehr intensives Theater, vielleicht zu intensiv. 

Es gibt Stücke, nach denen man inspiriert und beschwingt aus dem Theatersaal schwebt und das Leben aus einem ganz neuen Blickwinkel betrachtet. Und dann gibt es Aufführungen, nach denen man sich fühlt wie nach einem langen Arbeitstag und einfach nur ins Bett fallen möchte – face first

“Elisabeth!” im Burgtheater war für mich definitiv von der letzteren Sorte. Und das nicht, weil das Stück schlecht ist. Es ist super! Aber zu intensiv und mindestens eine halbe Stunde zu lang. 

Sisi – eine Feministin?

In der feministischen Inszenierung der Regisseurin Fritzi Wartenberg geht es um keine Geringere als Elisabeth, Sisi (ja, nur mit einem “s”!), die Kaiserin Österreichs und Königin Ungarns, gespielt von Stefanie Reinsperger. “Was ist nur mit mir geschehen?” klagt sie mehrmals zu Beginn. Und meint damit so gut wie alles, was nach ihrem Tod mit ihr angestellt wurde. Denn nach Sisis Beerdigung war noch lange nicht Schluss mit der Ausbeutung. 

Ihr Kopf wurde auf Kaffeebecher oder Jute-Taschen gedruckt. Souvenir-Shops verkaufen ihre Lieblingssüßigkeit – kandierte Veilchenblüten. Die “Sissi”-Filme (fälschlicherweise mit zwei “s”) mit Romy Schneider verklärten ihr Leben zur kitschig-romantischen Trilogie. Wenn sie nicht als Rabenmutter dargestellt wird, dann als Schönheitsideal oder gar als feministische Ikone. Was sie auch machte, war verkehrt und wurde bewertet, heute wie damals.

„Als Frau darfst du nicht mal in Ruhe tot sein.“

Alles Formen weiblicher Ausbeutung, wie Autorin Mareike Fallwickl in ihrem großartigen Text festhält. Dieser ist die Grundlage für das Stück. Die Ausbeutung machte auch vor Sophie Friederike von Bayer, der Mutter Kaiser Franz Josephs I., nicht Halt. Sie wird immer wieder als herrisch beschrieben, als “einziger Mann” am Hof, als das klassische Schwiegermonster. 

Pausenloser Monolog

Fallwickls Text erzählt aus Elisabeths Sicht von allen Vergehen, die die Gesellschaft an ihr begangen hat. Mit der fabelhaften und sympathischen Stefanie Reinsperger ist diese Rolle auch optimal besetzt.

Als Elisabeth brüllt sie ihre Verzweiflung heraus, poltert wutentbrannt über die Bühne und durch das Publikum oder stopft einer lebensechten Pferdepuppe Geldscheine in den Allerwertesten. Denn auch sie selbst wurde immer bloß als zierlicher, wertvoller Deko-Gaul ausgestellt, als Zuchtstute, die für Nachwuchs sorgen sollte, aber sonst nicht sonderlich viel zu melden hatte. Ein effektvoller Vergleich. 

Ausdrucksstarke Bilder auf der Bühne (c) Tommy Hetzel

Den zweistündigen, pausenlosen Monolog füllt die Schauspielerin mit beachtlicher Power und grenzenloser Energie aus. Sie wechselt rasant die Themen oder vom Dialekt ins Hochdeutsche.

Meine Energie verpuffte allerdings nach ungefähr einer Stunde. Mir hat im Stück die Abwechslung gefehlt. Außer Reinsperger gibt es keine Darstellenden auf der Bühne, abgesehen von der Band am Bühnenrand (Lilian Kaufmann, Elena Ulrich), die für die passende Musikuntermalung sorgt und manchmal schreiend zum Stück beiträgt. 

Toll als Text, für die Bühne zu viel

Der Text ist unfassbar stark, er reißt mit und macht wütend. Außerdem behandelt er alles, was uns auch heute noch beschäftigt. In zehn “Exerzierübungen” untergliedert, ist er auf Sisi-spezifische Themen fokussiert oder auf Frauen im Allgemeinen. Zum Beispiel kreist er um sexistische Vergewaltiger in Machtpositionen oder um den Prozess von Gisèle Pelicot. Es geht um den Shitstorm rund um die algerische Boxerin Imane Khelif, die einen Nachweis liefern sollte, um ihr “Frausein” zu belegen. Aber auch um Mary Vetsera, die von Kronprinz Rudolf umgebracht wurde, kurz bevor dieser selbst Suizid begann. 

Für eine Solo-Performance sind das allerdings ganz schön viele Themen, die meine Konzentration stark strapazierten. Zum Schauen gibt es wenig, zum Zuhören viel. Das Bühnengeschehen wiederholt sich schnell, wenn Elisabeth zum Beispiel nach und nach aus ihrem schwarzen, voluminösen Kleid mit der langen Schleppe steigt (Kostüme: Leonie Falke) und vom linken Rand der mit Spiegeln übersäten Bühne an den rechten wandert. Wenn sie sich erschöpft auf den Boden legt und die Beine in die Luft streckt oder ihren Frust in die Luft schreit. 

Lilian Kaufmann und Elena Ulrich steuern die Musik bei (c) Tommy Hetzel

Versteht mich nicht falsch, ich mag Wut im Theater! Vor allem Female Rage. Aber zwei Stunden lang immer wieder mit (berechtigter) Aggression und Frustration konfrontiert zu sein, ohne Ablenkung in Form von Dialogen zum Beispiel, ist mir irgendwann zu viel und zu intensiv. Daran hat auch die Szene, in der sich Elisabeth vom Publikum die langen Perückenhaare abschneiden lässt, nichts geändert. Dass sich Mädchen und Frauen als Zeichen der Emanzipation, Befreiung und Abgrenzung die Haare abschneiden, habe ich einfach schon zu oft gesehen. 

Doch andererseits passt das wiederum zu Sisis Leben. Vielleicht macht genau diese Intensität erlebbar, was Sisi ihr ganzes Leben lang erdulden musste. Und vielleicht bin ich auch einfach nicht der größte Fan von Bühnenmonologen.

Fazit

Die Message ist jedenfalls klar: Sisi war einfach eine Frau. Eine Frau, mit positiven und negativen Eigenschaften, die Fehler machte und der man gegen ihren Willen den Stempel “Kaiserin” aufdrückte. Ihr Leben war, verglichen mit dem von anderen Frauen im 19. Jahrhundert, zwar äußerst privilegiert, trotzdem hatte Elisabeth Kämpfe auszutragen, für die sie sich nicht immer freiwillig entschieden hat.

Jetzt ist sie schon über 120 Jahre lang tot und wird immer noch kritisiert, idealisiert oder verzerrt. Lasst doch endlich mal diese Frau in Ruhe!

Wenn Fallwickls Text in Buchform herauskommt, werde ich ihn mir auf jeden Fall zulegen. Er zeigt Elisabeth aus einer völlig neuen Perspektive, zerfetzt das einseitige Bild, das viele von ihr haben. Außerdem habe ich beim Lesen ausreichend Zeit, um alles in meinem Tempo zu verarbeiten. Als zweistündiges Solo-Theaterstück hat es für mich nicht so gut funktioniert.

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