Vom sich selbst das Leben stehlen ** FOMO – Dunkelkammer Volkstheater

Blogheader FOMO (c) Apollonia T. Bitzan

In Angstschweiß getränkt, zitternd, zum Rampenlicht geneigt wie zur Sonne, die ihn am Leben hält. Immer am Handy, auf Instagram, auf Grindr, Kamera im Selfiemodus. Der Protagonist sitzt mit uns gemeinsam im Zuschauerraum, sieht sich nervös um, lächelt verlegen, aufgeregt. Er wird uns gleich mitnehmen auf seinen Samstagabend, der sein Innerstes nach außen kehrt und uns keuchend zurücklässt. Ein Stück für Menschen mit hoher Screentime.

Was ist FOMO?

FOMO – Fear of Missing Out – Die Angst, etwas zu verpassen. Diese moderne Malaise zwingt uns, auszugehen, wenn wir nicht wollen. Produkte zu kaufen, die wir nicht brauchen, uns so zu geben, wie wir gar nicht sind. Über den permanenten Angstzustand als junger Mensch mit großen Träumen klagt Solospieler Andrej Agranovski in diesem Stück von Ran Chai Bar-zvi

Ein bisschen wie Timothée Chalamet in Marty Supreme will er immer mehr. Er will der Beste sein, bettelt um Applaus. Das Stück fetzt rein wie eine zu lange Line Koks: schnell, belebend, aber auch schwitzig, stressig.

Die Welt auffressen

Andrej versteht, wenn wir eigentlich woanders sein wollen. Zum Beispiel einen Stock tiefer im Volkstheater, dort beginnt ja gleich die Traumnovelle. 800 Gäste drängeln sich in den weiten, prunkvollen Zuschauerraum unter uns, während wir eng zusammengedrängt auf unbequemen schwarzen Bänken im Dachbodenkammerl des Volkstheaters sitzen. Hier haben ca. 50 Menschen Platz. Auf der weiß ausgekleideten Bühne stehen Röhrenfernseher und Flatscreens, zu sehen sind alte Talentshows und Memes von den Muppets.

Vor so einem großen Publikum wie der Hauptbühne des Theaters könnte Andrej (Andrej Agranovski) sein Potenzial so richtig ausleben. Ehrfürchtig zeigt er uns auf seinem Handy Bilder von Theaterhäusern auf Google: roter Samt, Stuck, Engelsfiguren in allen Ausführungen. Wenn sie ihn doch nur auf die große Bühne ließen! Wie toll das wäre. Auf so einer Bühne in so einem Licht stehen. Wie hot und sexy er sein könnte.

Hot und sexy zu sein ist ein wichtiges Thema für Andrej, der keinen Tag ohne Grindr aushält. Sogar, wenn er mit seinen Freund*innen chillt, scrollt er durch die Dating-App. Einem heißen Typen, der ihn eher angelehnt lässt, schreibt er sofort zurück. Und schon ist er am Weg zum Treffpunkt. Um die soziale Situation zu meistern, schmeißt er sich in eine Ritterrüstung. Ausgestattet mit einem Holzschwert, das sowohl für die Vorfreude als auch die selbstbewusste Fassade stehen könnte, hastet er durch die Straßen. Er muss heute was erleben. Er hat so einen Durst.

FOMO (c) Apollonia T. Bitzan
FOMO (c) Apollonia T. Bitzan

“Wir waren grade voll in the moment, habt ihr gemerkt?”

Das romantische Rendezvous mutiert dann doch zu einer von Drogen angetriebenen Orgie. Als Außenseiter am Ende der Nahrungskette bringt der Homo-Hedonismus Andrej zum Straucheln. Der Spaß kommt nicht, egal, wie sehr er ihn forcieren will. Führt das alles irgendwo hin, diese ewige Jagd nach dem Höhepunkt? Machen wir Dinge jemals wirklich nur für uns selbst, oder für das Bild von uns selbst? Wohin geht die Kinderseele, wenn der Körper älter wird? Andrej sieht sich mit seiner Sterblichkeit konfrontiert, obwohl er beteuert, “alles egal, ich bin in the moment!” Solange wir Party machen, steht die Zeit still. Er will so viel machen, so viel werden, so viele Leben leben. Doch die Nacht der Jugend ist irgendwann vorbei, die Sonne geht auf, und er hat immer noch so einen Durst.

Einige Passagen erinnern an die viel gebrauchte Metapher des Feigenbaums von Sylvia Plath, welche auch immer wieder auf der poesie-affinen Seite von TikTok Niederschlag findet. Aus der schieren Vielfalt an Möglichkeiten als privilegierter junger Mensch wird eine Paralyse, die im Beispiel von FOMO schließlich dazu verleitet, die eigene Lebenszeit und -energie in alles zu stecken, nur nicht in das eigene Wohlbefinden. So fragt sich auch Andrej, wie viele Leben hat er sich selbst gestohlen?

Das Geschäft mit der Angst

FOMO ist ein cleveres Produkt des Kapitalismus. FOMO macht unsere Ängste zu Geld, ist ein Marketingtrick, zwingt uns zum Überkonsum. Drei zum Preis von einem, nur noch zwei Stunden läuft der Sale, deine große Liebe ist nur einen Swipe entfernt. Andrejs Trauerspiel mutiert zum Infotainment, zum Ted-Talk, zum TikTok. Bunte Lichter, flimmernde Screens, es fühlt sich alles an wie im Casino. Immer weiter, immer weiter. In der Performance erklärt er selbst:

“Ich will noch sowas reinbringen mit so ‘Fuck Kapitalismus’. Ich will, dass Kritiker*innen wissen, ich habe studiert, bin klug, habe recherchiert. Ich will endlich was Großes machen. Darum ja auch die Metaphern mit der Sonne und dem Durst”,

Das Ganze ist generell ein bisschen meta. Der Spieler, der denselben Namen wie der Charakter hat, bricht gerne durch die vierte Wand. Der Begriff FOMO steht übrigens unter einer Trademark, es gab auch eine Unterlassungsklage, behauptet Andrej. Das kann für das Stück erfunden sein, kann aber auch stimmen. Selbiges gilt für die Aussage, das Volkstheater – Intendant Jan Philipp Gloger saß übrigens auch im kleinen Publikum – würde die Dauer der Applause messen. Andrejs Rekord: 7 Minuten. Er bittet uns, den Rekord doch zu brechen.

FOMO (c) Apollonia T. Bitzan (2)
FOMO (c) Apollonia T. Bitzan

Generation Verzweiflung

Immer wieder reicht Andrej sein Handy durch das Publikum, bittet um Gefallen, “mach bitte ein Foto von mir”, “halt mal mein Schwert”. Seht mich an, hört mir zu, fühlt meinen Schmerz. Helft mir. Klatscht für mich. Aufnahmen aus Kindheitstagen flimmern über die Bildschirme. Andächtige Stille nimmt den Raum ein mit einer für die Generation Z – Geburtsjahre in etwa 1997 bis 2010 – unüblichen Verletzlichkeit, die sich gerne des trockenen Humors bedient, um über seelisches Leid zu reden. Die obersten Gebote: Cool aussehen, ohne dass es gestellt wirkt; ein reges Liebesleben führen, ohne verzweifelt zu erscheinen. Erfolg nachjagen, ohne an sich zu zweifeln.

Die Musik unterstreicht den emotionalen Höhenrausch und reicht von dramatischer Klassik in den Ritterszenen zu Techno und EDM. Der Wunsch nach Nähe und die gleichzeitige Angst davor klingen leise aus in einem nüchternen Mash-Up aus “I Want To Hold Your Hand” von den Beatles und “Better Off Alone” von Alice Deejay. Die Sonne geht auf, der Timer läuft, Doch der Applaus, um den Andrej so herzzerreißend bettelt, rauscht laut in den Ohren, lässt sein Grinsen fast vom Gesicht springen, und bricht schließlich die 7-Minuten-Marke.

FOMO ist ein mitreißendes Ein-Mann-Stück mit reduziertem Bühnenbild – no, na, net – und hohem Risiko der Existenzkrise. Der sympathische Andrej Agranovski ist so real und authentisch mit seinen verzweifelten Augen, der lauten Angst wie auch der leisen, und nimmt souverän den Raum ein. Mit Sicherheit könnte er dies auch auf einer größeren Bühne.

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