Auf dem diesjährigen Diagonale-Filmfestival wurde von dem Kurationsduo ein subversiver Akzent in der Rubrik Filmgeschichte gesetzt. Unter dem Titel „Girls will be boys” explorierten drei Filme, wie viel Freiheit in der Hosenrolle steckt.
Auf meiner ersten Diagonale dieses Jahr war ich vom vollen Filmprogramm gleich mal überfordert. Ich habe mich dann entschieden, einfach die ganze Rubrik „Filmgeschichte” unter die Lupe zu nehmen. Gelandet bin ich dann in Schwarz-Weiß-Filmen aus den 1930er-Jahren: flackerndes Bild, Tonaussetzer, allerhand Akzente und vielleicht auch ein queerer Subtext?
Rein ins Gefecht
Gekoppelt mit dem Eröffnungsfilm „Rose” (2026), in dem Sandra Hüller – in aller Munde spätestens seit ihrer Oscarnominierung 2024 für „Anatomie eines Falles” – als falscher Soldat vom Krieg zurückkehrt und sich ein Erbe erschleicht, stellt sich in den 30er-Jahren wie auch heute die Frage, wie Frauen das Patriarchat austricksen können.
„In der Hose war mehr Freiheit. Es war doch nur ein Stück Stoff. Ich habe mir das gestattet” – Rose (2026)
Etwas weniger ernst gehen „Peter, das Mädchen von der Tankstelle” (1934), „Der Page vom Dalmasse-Hotel” (1933), „Viktor und Viktoria” (1933) das Thema an: Drei Komödien in Schwarz-Weiß, in denen junge Frauen sich aufgrund von Arbeitslosigkeit als Männer ausgeben. Es folgen wilde Verwechslungen, ausgiebiger Slapstick und kitschige Romanze. Natürlich habe ich diese Filme aus einer modernen, queeren Linse geschaut. So queer die Thematik auch auf mich wirkte, war das Statement dann doch ein ganz anderes, rohes, kämpferisches.

Warten, bis es gay wird
Die drei Werke aus der Filmgeschichte-Rubrik verfolgen einen sehr ähnlichen Plot: Frustriert von abgelehnten Bewerbungen schmeißt sich Friedel in Der Page vom Dalmasse-Hotel in einen Herrenanzug, um sich für einen Job als Page zu bewerben.
Mit ihrem Charme brilliert sie beim Vorstellungsgespräch wie auch im Arbeitsalltag: Damen wie auch Herren bleiben peinlich berührt zurück, nachdem der feminine Page sie augenzwinkernd serviciert.
Viel frecher und einfach richtig gschert ist Peter, das Mädchen von der Tankstelle. Eva ist eine waschechte Trickbetrügerin und lügt sich ihren Weg durch die Welt. Auch sie bekommt dank Burschenkleidung eine Anstellung als Tankwart und ist fortan Peter. Wird sie einmal ohne ihren Anzug erwischt, hat sie plötzlich eine „Zwillingsschwester”.
Der Arzt, mit dem sie immer wieder kollidiert, weiß gar nicht, wer es ihm mehr angetan hat: Eva oder Peter. Hier muss ich leider spoilern: Es gibt sogar einen Kuss zwischen ihm und der als Mann verkleideten Eva, also Peter. Das ist zumindest ein bisschen gay.
In Viktor und Viktoria ist die Genderverwirrung noch größer. Susanne ist Schauspielerin, oder möchte es zumindest sein. Sie trifft auf Viktor, zwar besser gebucht als sie, aber dennoch nicht besonders erfolgreich. Sein Side Hustle: Als Drag Queen Viktoria in Revuelokalen auftreten. Als Susanne für ihn einspringt, wird ihnen klar, dass sie eine viel bessere Drag Queen ist als er.
Nun ein absoluter Megastar, verdreht Susanne out of Drag und dafür im Frack – also immer noch in Drag, als Mann halt, ja, es ist etwas verwirrend – den Frauen wie auch den Männern in London den Kopf. Nach vielen Verwechslungen soll sie schließlich in diversen Tests ihre Männlichkeit beweisen: Rasieren und Pfeiferauchen. Die ultimative Genderperformance.

Ein bisschen Historie & Butch Lesbian Swag
Aufgrund der Weltwirtschaftskrise in der Zwischenkriegszeit herrschte eigentlich überall Arbeitslosigkeit, speziell für Frauen. Nachdem sich in den 1920er-Jahren das Bild der Frau verändert hatte, konnten auch Frauen einer Erwerbstätigkeit nachgehen. Die ihnen vorbehaltenen Berufe waren aber unsicher und schlecht bezahlt. Ab 1933 wurde das Frauenbild wieder konservativer, also hieß es für viele: back to Hausfrau und Mutter.
Ein Handlungsstrang durchzieht alle drei Filme: Sowohl Frauen als auch Männer verfallen dem Charme der Protagonistinnen. Ihr keckes Auftreten als frecher Tankstellenwart, schüchterner Page, weltgewandter Revue-Künstler überzeugt. Noch viel wichtiger ist aber: In ihren Hosenrollen erlangen die jungen Frauen eine neue Art der Selbstbestimmung.
Als Bedienstete der High Society sind sie aufmüpfig, nehmen den Raum ein, spielen mit ihren Reizen, klimpern mit den Wimpern und haben immer einen frechen Spruch auf den Lippen. Pomade in den Haaren, Schiebermütze und Dreiteiler machen das Bild komplett. Da schlägt das Herz schon höher. Was kam zuerst: Butch Franziska Gaál in „Peter, das Mädchen von der Tankstelle” oder Repräsentation von maskulinen Frauen (und Lesben) im Mainstream?
Knister*Wissen: Sogenannte Hosenrollen – also Männerrollen, die von Frauen gespielt werden – sind übrigens kein reines Filmphänomen, sondern haben eine lange Tradition im Theater, insbesondere im Musiktheater. Dabei übernehmen Frauen die Rollen junger männlicher Figuren. Diese Praxis ist weniger eine Frage des Alters als der Stimmfarbe: Da jugendliche Männerstimmen im Opernrepertoire oft eine höhere Lage verlangen, werden sie von Frauen mit Sopran- oder Mezzosopranstimmen gesungen. Gleichzeitig entsteht durch diese Besetzung ein bewusstes Spiel mit Geschlecht. Auf der Bühne tritt dieser Effekt oft in den Hintergrund, im Kostüm und vor allem aus der Ferne erkennt man die Darstellenden oft ja sowieso nicht.
Was die Protagonistinnen so unwiderstehlich macht, ist unweigerlich ihre Femininität. Mussten sie im Heranwachsen schon immer soziale Hierarchien navigieren, erlangten sie so ein besonderes Verständnis für Nuance.
So sind der Page, der Tankstellenwart und der Revue-Künstler besonders sensibel und aufmerksam, lesen den Damen jeden Wunsch von den Lippen und spielen noch dazu mit ihren Blicken. Gewieft übertrumpfen sie die Herren und ergaunern sich noch dazu viel Trinkgeld. Hier muss ich nichtmal meine queere Linse aufsetzen: Frauen sind wohl eben die besseren Männer.
Aber ganz im Ernst…
Zurück zu „Rose“ von Regisseur Markus Schleinzer, der nun bald ins reguläre Kino kommt: Rose will das, was andere schon haben. Als Mann steht ihr die Welt offen: Sie erhält Rechte, Besitz, Respekt, Eheweib. Ihr Mannsein wird erst hinterfragt, als irgendwie kein Kind daherkommt.
Wie einfach das mit der Selbstermächtigung zu sein scheint, deutet auch Roses Ehefrau Suzanna an, die im Notfall in die Rolle der Hausherrin tritt. Sofort steigt mit der sozialen Macht auch ihr Selbstbewusstsein. Laut Rose besteht die revolutionäre Geste darin, so zu agieren, als wäre man schon frei. Wenn wir also einfach Respekt einfordern, wird er uns dann auch gezollt? Und weil es so schön ist, noch eine Zeile aus Rose:
„Heute habe ich gedacht, wir sind gar nicht von Gott. Wir haben uns nur ausgedacht und uns erfunden.”
Wie wir uns geben, ist künstlich, Gender ist von uns konstruiert. Hier wird auch Judith Butler in Erinnerung gerufen, die meinte, Gender ist eine Performance. Wer als Mann agiert, ist also auch ein Mann. In allen vier Filmen erfüllen die Frauen die Rollen des Mannes ohne Weiteres. Solange die Täuschung funktioniert, ist der soziale Aufstieg garantiert. Ganz so einfach ist das alles dann aber doch nicht. Jede Maske muss irgendwann fallen, sonst wär’ es ja ein fader Film.
Über Schwarz und Weiß hinaus
Wie viel Wahrheit dann wirklich in der Täuschung steckt, bleibt offen. Beim Schauen habe die ganze Zeit gewartet, dass eine der Frauen äußert, sich in der Männerrolle wohl, gesehen und echt zu fühlen. Das ist aber nie passiert. Jede der Protagonistinnen lamentiert an einem gewissen Punkt, lieber wieder Frau sein zu wollen.
Diese Vermischung von Genderdysphorie und erzwungener Tarnung auszulassen, war aber absolut die richtige Entscheidung. Der Fokus liegt nicht auf dem Queersein, sondern auf dem Umgehen der Genderrollen, nach denen gelebt wird, als wären sie festgeschriebene Gesetze.

Als Kinofan „Rose” zu verpassen, wird ohnehin schwierig, denn schon vor österreichweitem Kinostart wird Sandra Hüller einmal mehr als Gay Ikone gehuldigt. Ob sie das selber weiß, sei jetzt mal dahingestellt. Die Queer Community – oder zumindest meine queere Gen Z Bubble – wurde jedenfalls von einer Woge der Freude mitgerissen, als rauskam, dass sie nun endlich in einer (semi-)queeren Rolle zu sehen ist. Empfehlung geht jedenfalls raus.
Nicht zu verschmähen ist aber auch heute noch das deutschsprachige Kino der späten Weimarer Republik. Viele dieser Filme passten nicht in das ideologische Raster der Nationalsozialisten: Emanzipierte Frauenfiguren, das spielerische Ausloten von Geschlechterrollen, queere Subtexte oder die Beteiligung jüdischer Filmschaffender waren unerwünscht.
Zahlreiche Künstler*innen wurden verdrängt oder zur Emigration gezwungen und arbeiteten in den Nachbarländern Deutschlands und Österreichs weiter, so auch die jüdische Schauspielerin Franziska Gaál, zuvor großer Filmstar der Berliner und Wiener Szene. „Peter, das Mädchen von der Tankstelle” mit Gaál in der Hauptrolle entstand etwa in Ungarn. Rückblickend wird diese Ära oft als „unerwünschtes Kino der 1930er-Jahre“ bezeichnet.
Antike Perlen
Im Kinosaal war ich vor allem davon überrascht, dass die drei Filme auch nach fast 100 Jahren noch für so viel Gelächter sorgen konnten. Die Witzeleien auf Kosten traditioneller Geschlechterrollen wirkten fast zeitgenössisch. Der bedrückende Kontext macht dieses nonchalante Augenzwinkern umso eindrucksvoller.
Ich bin definitiv keine Filmhistorikerin. Mein dopamin-abhängiges Gehirn ist von Schwarz-Weiß-Filmen schmerzlich unterstimuliert. Und bis vor einer Weile habe ich noch stolz verkündet, ich schaue keinen Film, der vor den 80ern rausgekommen ist.
Alte Filme sind oft ultra anstrengend für die moderne queere Feministin: Bestehen nie den Bechdel-Test, alle sind weiß und heterosexuell, am Ende fahren sie unbeschwert mit dem Käfer in den Sonnenuntergang. Wenn mich auch der Gedanke an einen uralten, verstaubten Film im ersten Moment abturnt, habe ich festgestellt, dass so etwas erstaunlich frisch sein kann. Also mein Appell an euch: Gebt auch alten Streifen eine Chance. You may be surprised.


