Der Wortspiel-Architekt ** Nachverdichtung – Ludwig W. Müller

Blogheader Ludwig W. Müller (c) Tom Garrecht

Ungarische Schüttelreime und Instagram-Kritik im Dreieck München-Kitzbühel-Wien zeugen von der Sprachverliebtheit des Kabarettisten und Juristen.

Eigentlich erstaunlich, meint Ludwig Wolfgang Müller am Beginn seines neuen Soloprogramms, dass Menschen freiwillig zwei Stunden lang nichts sagen und nur zuhören. Und dafür auch noch 25 Euro bezahlen! Tja, eine Kabarettbühne ist halt kein Instagram-Kanal. Erfolgreich ist Müller inzwischen in beiden Welten. Weil aber die Schnittmenge zwischen Insta-Fans und Kabarett-Publikum nicht allzu groß sein dürfte, wie eine Blitzumfrage des Künstlers im Saal ergibt, hat er keinen Genierer, sich auf der Bühne über Social Media lustig zu machen.

Die Zeit ist reif für eine Seniorensprache

Dabei stellt Müller unter anderem fest, dass Instagram die deutschen Klassiker abgelöst hat. Während andere deshalb vor dem Untergang der deutschen Sprache warnen, ist Müller weniger kulturpessimistisch. Man stelle sich nur vor, Goethes junger Werther würde heute seine Lotte anbeten. Sie würde ihn zwar ebenfalls abwimmeln, aber wahrscheinlich wären seine Leiden wesentlich weniger schlimm. 

Und Werther könnte sich ja mit lauter lustigen Reels ablenken, auch welchen von Ludwig W. Müller. Der hat übrigens vorgesorgt und greift ganz tief in die deutsche Sprachschatzkiste. Die Jüngsten könnten sich da ein bisschen schwertun, alles zu verstehen, wenn der Sprachartist Begriffe aus dem vorvorigen Jahrhundert hervorkramt. Aber sie können ja in der Pause ChatGPT fragen. Schon nach wenigen Minuten Programm ist klar: Heute Abend wird die Sprache gefeiert und mit ihr herumgespielt, sodass es eine Freude ist. Und zwar nicht nur mit der deutschen Sprache in verschiedenen Dialekten. Müller steigt auch immer wieder ins Ungarische hinüber.

Dem Juristen und Kabarettisten, der sich im Dreieck München-Kitzbühel-Wien bewegt, hat es die Sprache der Pannonischen Tiefebene besonders angetan. Und so gibt es Schüttelreime, Identreime mit Homonymen und Limericks nicht nur auf Hochdeutsch, Tirolerisch, Oberösterreichisch und Bayrisch, sondern auch auf Ungarisch. 

Ludwig W. Müller (c) Tom Garrecht

Die Welt ist voller Content für Pointen

Die Reaktionen darauf zeigen, dass die Schnittmenge zwischen analogen und Online-Fans doch etwas größer sein dürfte als zuvor vom Künstler behauptet. Vor allem das erfreute Johlen bei der Ankündigung von bereits auf Instagram veröffentlichten Poetry-Nummern deutet darauf hin. Groß ist auch der Jubel, als er sich kurz der Jugendsprache widmet, um dann festzustellen: Die Zeit ist reif für eine Seniorensprache.

Und die präsentiert er prompt auf der Bühne, zur Freude der Fans. Hier regiert der Wortwitz, wie bereits der zweideutige Programmtitel „Nachverdichtung – Erbauliche Maßnahmen“ erahnen lässt: Die Nachverdichtung kennt der gebürtige Tiroler, der seit langer Zeit in München lebt. Einerseits aus dem dortigen Wohnbau-Unwesen, wo noch das letzte Stückerl freie Fläche unerschwinglichen Immobilien weichen muss. Andererseits braucht es gerade als Kabarettist oft eine gewisse Nachverdichtung.

Denn die Welt ist voller Content für gute Pointen, aber den muss er halt auf einen Abend komprimieren. Und erbaulich ist das, was da bei Ludwig W. Müller herauskommt, auf jeden Fall.

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