Schon vor dem Kinostart sorgt die neue Verfilmung von Wuthering Heights von Emerald Fennell mit Margot Robbie und Jacob Elordi für Diskussionen. Whitewashing, Schmuddelfilm, Themenverfehlung: Das sind nur einige der Vorwürfe, die derzeit online kursieren. Unter dem Namen „Wuthering Whites“ spotten viele, als Anspielung auf das weiße Hauptdarstellerduo. Doch worum geht es bei dieser Debatte eigentlich wirklich?
Was ist die aktuelle Kontroverse?
Die neue Verfilmung von Emerald Fennell wird bereits vor dem Kinostart heftig diskutiert. Kritisiert werden vor allem der Ton und das Casting. Viele empfinden die Inszenierung als zu sexy, zu glatt und zu sehr auf eine große Liebestragödie zugeschnitten. Fennell selbst hat betont, dass ihr Film keine werkgetreue Adaption sein soll. Schon der Titel „Wuthering Heights“ steht bei ihr in Anführungszeichen – als Hinweis darauf, dass es sich eher um eine lose, persönliche Interpretation handelt. In Interviews sagte sie, sie wolle sich vor allem auf die leidenschaftlichen, sadomasochistischen Aspekte der Beziehung zwischen Catherine und Heathcliff konzentrieren, so wie sie den Roman als Teenager empfunden habe: sinnlich und überwältigend.
Genau hier beginnt die Kontroverse. Viele Zuschauer*innen stören sich nicht nur am erotisch aufgeladenen Ton, sondern auch am Casting von Jacob Elordi als Heathcliff. Seit der Ankündigung wird darüber diskutiert, ob die Figur im Roman überhaupt als weiß gelesen werden kann. Während einige argumentieren, es handle sich um Fennells persönliche Adaption und sie könne die Figur frei interpretieren, verweisen andere auf die Textstellen, in denen Heathcliff als „dark-skinned“ beschrieben wird.
Dahinter steckt jedoch eine größere Frage. Im Roman ist Heathcliff kein romantischer Leading Man, sondern eine ambivalente, oft grausame Figur, deren Leben von Ausgrenzung, sozialem Abstieg und Rache geprägt ist. Wenn diese Aspekte in den Hintergrund treten und die Geschichte vor allem als erotische Liebestragödie erzählt wird, verändert sich der Kern des Stoffes. Für viele stellt sich deshalb weniger die Frage, ob die Adaption frei sein darf, sondern was von Wuthering Heights übrig bleibt, wenn genau diese zentralen Konflikte verschwinden.

Heathcliff: Seit Jahrzehnten weiß besetzt, aber ist er das überhaupt?
Dabei deutet der Roman selbst immer wieder darauf hin, dass Heathcliff kein weißer Engländer ist. Brontë beschreibt ihn mehrfach als „dark-skinned“. Außerdem wird er als möglicher „Lascar“ bezeichnet, ein Begriff, der damals für Seefahrer aus dem indischen Subkontinent verwendet wurde.
Auch der Ort, an dem er gefunden wird, ist aufschlussreich: Liverpool war im 18. Jahrhundert ein Zentrum des transatlantischen Sklavenhandels. Dass Heathcliff als namenloses, heimatloses Kind genau dort aufgegriffen wird, hat viele Deutungen geprägt, die ihn in einem kolonialen Kontext verorten. Wie fremd er seiner Umgebung erscheint, zeigt schon seine erste Beschreibung.
„a dirty, ragged, black-haired child“; “it repeated over and over again some gibberish that nobody could understand”. (auf deutsch: „ein schmutziges, zerlumptes, schwarzhaariges Kind“, das nur unverständliches Gebrabbel von sich gab)
Heathcliff wird also nicht einmal selbstverständlich als Junge wahrgenommen, sondern wie ein fremdes Objekt beschrieben. Diese Entmenschlichung zieht sich durch seine Kindheit und prägt auch seine Selbstwahrnehmung. In einer Szene vergleicht er sich mit dem blonden, hellhäutigen Edgar Linton und sagt:
„I wish I had light hair and a fair skin… and a chance of being as rich as he will be!“ (auf deutsch: Ich wünschte, ich hätte helles Haar und eine helle Haut … und die Chance, einmal so reich zu sein wie er.)
Helle Haut, Reichtum und gesellschaftlicher Status gehören für ihn zusammen. Seine Erscheinung wird damit zum sozialen Nachteil. Nicht nur in den Augen der anderen, sondern auch in seinem eigenen Selbstbild. Sein Status ist also nicht einfach der eines Außenseiters. Sondern einer Figur, die mit rassistischer Abwertung und sozialer Ausgrenzung konfrontiert ist. Genau das bildet den Kern seiner Geschichte.

Fazit: Eine verpasste Chance
Heathcliff war schon immer eine ungewöhnliche Figur. Kein klassischer romantischer Held, sondern ein Außenseiter, dessen Herkunft unklar bleibt und der von seiner Umgebung als fremd markiert wird. Genau diese Fremdheit prägt seine Geschichte und treibt viele der Konflikte im Roman an.
Fennell hat angekündigt, eine moderne Interpretation des Stoffes zu erzählen. Gerade im Zuge der Ankündigung dieses Projekts wurden jedoch Begriffe wie Whitewashing und „Erasure“ laut, also der Vorwurf, dass zentrale Aspekte einer Figur bewusst ausgeblendet oder gelöscht werden.
Das Mutigste wäre hier nicht eine radikale Neuinterpretation gewesen, sondern erstaunlich simpel: Einen Schauspieler of Color für eine Rolle zu besetzen, die seit Jahrzehnten weiß gelesen und weiß besetzt wird, obwohl der Text selbst etwas anderes nahelegt. Das hätte weder die Handlung noch Fennells ästhetischen Zugriff eingeschränkt, aber es hätte dem Roman und dem aktuellen Zeitgeist gleichermaßen entsprochen.
Natürlich dürfen Adaptionen kreativ sein. Serien wie Bridgerton zeigen, dass man historische Stoffe modern erzählen kann, ohne ihren Kern zu verlieren. Kreative Freiheit bedeutet aber nicht automatisch, zentrale Konflikte einfach auszublenden. Denn Heathcliff ist im Roman kein romantischer, düsterer Traumtyp, sondern eine ambivalente, oft grausame Figur, deren Handlungen von Rache, Verletzung und sozialer Ausgrenzung geprägt sind. Wenn man diesen Kontext reduziert und die Geschichte vor allem als sinnliche Liebestragödie erzählt, verliert sich der Fokus deutlich.
Am Ende bleibt also weniger die Frage, ob diese Adaption „richtig“ oder „falsch“ ist, sondern ob sie den Kern des Romans trifft. Der Roman legt nahe, dass Heathcliff kein weißer Mann, sondern ziemlich wahrscheinlich eine Person of Colour war. Ihn heute wieder weiß zu besetzen, wirkt deshalb weniger wie kreative Freiheit als wie eine bewusste Ignoranz gegenüber diesem zentralen Aspekt der Figur. Gerade für männliche Schauspieler of Color, für die solche ikonischen, komplexen Hauptrollen noch immer selten sind.

Worum geht es in Wuthering Heights überhaupt?
Emily Brontës Roman erschien 1847 und gilt bis heute als Klassiker der englischen Literatur. Oft wird er als große, leidenschaftliche Liebesgeschichte vermarktet. Tatsächlich ist er deutlich düsterer.
Im Zentrum steht Heathcliff, ein Findelkind, das auf dem abgelegenen Gut Wuthering Heights aufgenommen wird. Niemand weiß, woher er kommt. Er spricht eine fremde Sprache, wirkt anders als die anderen Kinder und wird auch so beschrieben. Gleich zu Beginn heißt es, er sei „dark-skinned“. An anderer Stelle wird er als möglicher „little Lascar, or an American or Spanish castaway“ bezeichnet, also als indisch gedachter Seemann oder jemand aus Übersee.
Seine Herkunft bleibt unklar, doch eines ist eindeutig: Für seine Umgebung ist er ein Fremder. Genau das prägt sein Leben. Heathcliff wächst gemeinsam mit Catherine Earnshaw auf. Die beiden entwickeln eine intensive, fast unheimliche Verbindung. Trotzdem entscheidet sich Catherine später gegen ihn und für den wohlhabenden Edgar Linton. Der Grund ist kein romantischer, sondern ein sozialer. In einem berühmten Geständnis sagt sie:
„ It would degrade me to marry Heathcliff now; so he shall never know how I love him…“ (Es würde mich erniedrigen, Heathcliff jetzt zu heiraten; deshalb soll er niemals erfahren, wie sehr ich ihn liebe)
Catherine wählt also Status statt Liebe. Heathcliff verschwindet, kehrt Jahre später zurück und beginnt einen Rachefeldzug, der beide Familien über Generationen hinweg zerstört. Am Ende stehen Tod, Besessenheit und eine Kette aus Gewalt. Wuthering Heights ist deshalb weniger Liebesgeschichte als düstere Gesellschaftstragödie über Klasse, Ausgrenzung und soziale Hierarchien.


