Ein riesiger, duftender Misthaufen empfängt das Publikum. Anschließend erwartet die Zuschauer*innen noch riesigeres Sprachkino. Die riesigste Empfehlung für dieses Stück!
Getrocknetes Heu und frisch gemähtes Gras sind der Duft meiner Kindheit. Ich bin in Niederösterreich aufgewachsen, und manchmal fehlen mir diese natürlichen Gerüche in der Stadt. Auch die Protagonistin im Stück “Die Infantin trägt den Scheitel links“ wird auf dem Land groß.
Auf einem Bauernhof, umringt von Bergen, Kühen, Katholizismus, literweise Alkohol und zwei gemeinen Schwestern. Ihre Heimat stinkt nach Misthaufen, und dieser Gestank folgt ihr, egal wohin sie auch geht.
Theaterstück für alle Sinne
Dieser Misthaufen empfängt das Publikum bereits beim Eintreten in all seiner Pracht. Meterhoch ragt er in den Saal. Auch sein Geruch ist überpräsent. Allerdings nimmt man nicht die Exkremente von Nutztieren wahr, sondern Erde, Heu, Natur (Bühne: Aurel Lenfert). Ein Theaterstück für alle Sinne soll diese 85-minütige Darbietung über die gesamte Spieldauer bleiben. Vor allem die Ohren kommen voll auf ihre Kosten: Die Sprache ist einfach köstlich und wird nicht geschmacklos, egal wie lange man an ihr kaut.
Genauso ist es auch im gleichnamigen Roman der Autorin Helena Adler, die 2024 mit nur 40 Jahren verstorben ist. Ihr Buch diente Susanne Lietzow (Regie & Textfassung) als Grundlage für das Stück, das zusammen mit dem Kulturverein DIE FABRIC produziert wurde. Wesentlich verändert hat Lietzow den Text für die Uraufführung nicht. Sie ist genauso frech, sprachverspielt und aufsässig wie die Buchvorlage. Und rechnet genauso stark mit der Heimat ab.
“Ich bin allein auf meinem Heimatplaneten.”
Wir begleiten die Protagonistin chronologisch von ihrer Kindheit bis ins Erwachsenenleben. Das Ensemble (Klaus Huhle, Sebastian Pass, Lisa Schrammel, Martina Spitzer, Oliver Welter) spricht oft im Chor, teilt Rollen untereinander auf und verwandelt sich spielerisch vom Kind zum Greis. Erzählt wird nicht nur aus der Ich-Perspektive, die Stimmen wechseln zwischen dem Ich und Wir.

Puppen-Begräbnis und Geburt der „Infantin“
Wir erfahren auch vom Aufwachsen mit der übertrieben religiösen Mutter, dem alkoholkranken Vater, den Urgroß- und Großeltern und den gefürchteten Zwillingsschwestern, die die Protagonistin nerven und sekkieren, wo es nur geht. Später wird sich die gequälte Hauptfigur “Infantin” nennen und in ihr eigenes Leben ausbrechen. Davor muss sie aber noch den Hof in Brand setzen, den Klassenkampf im Gymnasium überstehen und ihren Platz in der Welt suchen.
Stellenweise wird die Protagonistin auch von einer Puppe gesprochen, die so wirkt, als hätte man sie dem allerschlimmsten Albtraum entnommen. Ein Symbol für eine fremdbestimmte Kindheit? Unter anderem wird die Schauspielerin Martina Spitzer dafür zur Puppenspielerin, zieht sich am Ende ihrer Performance mit den Zähnen den Puppenärmel vom Arm. Und als die “Infantin” schließlich kein Kind mehr ist, wird die Puppe gefühlskalt in das Grab unter dem großen Jesuskreuz geschmissen.

Humorvolles Staub-aufwirbeln
Das Stück kreist um Traumata, die von einer auf die nächste Generation übertragen werden und Gewalt (“Irgendwer muss auf einem Bauernhof ja verdroschen werden”). Es verhandelt Religion, Alkoholismus, traditionelle Werte und Heimatliebe, die über allem stehen. Und eine verlorene Kindheit. Schnell könnte man im Treibsand dieser lähmenden Themen stecken bleiben. Das Schauspiel bringt diese allerdings gekonnt locker, humorvoll und mit viel Sarkasmus auf die Bühne.
Trotzdem wirbeln die Darstellenden ausreichend Staub auf: Sie springen leichtfüßig um und über den Hügel und in die gatschigen Lacken, sodass es spritzt und ihre weißen Strumpfhosen in den Gummistiefeln irgendwann komplett dreckig sind. Aurel Lenfert schuf authentische, praktisch-funktionale Outfits, die genauso wirken, als hätte man sich schnell etwas übergeworfen, um den Stall auszumisten.
Dann sitzt das Ensemble missmutig nebeneinander und seufzt über das kindliche Unglück, schaut in den imaginären Fernseher (der schon zweimal aufgrund eines “Vorhofflimmerns notoperiert” werden musste), hinterfragt naiv, was eine Nachgeburt ist oder legt krasse Beichten ab. Bis man dann wieder den Vater sieht, der betrunken herumtorkelt und schließlich zum “menschengroßen Türstopper” wird.
Eine Sprechoper im besten Sinn des Wortes
Was das Stück besonders einzigartig macht, ist der grandiose Gesang! Passenderweise wird das Stück auch als “performative Sprechoper” beschrieben. Songs wechseln sich mit Gebeten ab, lieblicher Gesang wird von dröhnenden Störgeräuschen überlagert, Sprache wird zum Rhythmus und wiederholte Phrasen zum Beat. Auch ein selbstgebautes Horn kommt zum Einsatz.
Herausstechend ist Oliver Welters Performance: Er scheut sich nicht, seine stimmliche Range zu verlassen und die Tonleiter so hoch hinaufzuklettern, dass sein Gesang beinahe zu kopflastig wird. Als würde er eine dramatische Solo-Performance beim Kochen oder Duschen abliefern.
Aber das macht den Charme aus. Es ist menschlich. Und diesen Eindruck vermittelt das gesamte Stück. Es ist liebenswertes Theater, das man vor allem deshalb so liebt, weil es den allzu ernsten Anspruch an Perfektion auf den Misthaufen wirft. Den Spaß merkt man dem Ensemble an. Auch in Szenen wie diesen: Als der Großvater stirbt, legt sich Klaus Huhle auf den Hügel, nimmt seine schwarzhaarige Perücke ab und ist fortan tot. Die anderen bewerfen ihn mit Erde. Dennoch atmet er sehr auffällig und meldet sich noch ein paar Mal zu Wort, murmelt im Hintergrund.

Was ist Heimat?
Einprägsam ist das Stück vor allem auch durch seine Eindringlichkeit, die vom Humor und der Komik nicht überschattet werden kann. Was ist die Heimat wert, wenn man dort nicht willkommen ist? Aber auch sonst nirgendwo? Wenn man sich überall einen Platz erkämpfen muss und doch immer wieder auf die alte Heimat zurückgeworfen wird? Was kann Heimat noch sein?
Und es fragt auch nach Privilegien: Nach “feinen Pinkeln” aus gutem Hause, die nur “wild tun”. Während Menschen, die tatsächlich aus der “Gossenpfütze” kommen, ständig um Anerkennung ringen müssen. Und ihr negatives Image nicht loswerden, wie eine Fliege hinter dem Ohr, die ständig summt und an die wahre Herkunft erinnert.
Eine unbedingte Sehempfehlung!
Das Stück spielt noch bis 27. März im Kosmos Theater.


