Mit „Fuckgirl“ hat Bianca Jankovska einen unglaublich starken und klugen, ja doch auch provokativen Debütroman vorgelegt. Und das in Zeiten, in denen über die „male loneliness epidemic“ gesprochen und sich lauthals über den Wert von Frauen und ihrer Sexualität, ihr „Abnutzen“ und „Ausleiern“ und „zu hohen body counts“ ausgelassen wird.
„Boah, der ist einfach so ein arger Fuckboy.“ Wer sich im Dating-Kontext unterhält, kommt um diesen Satz beinahe nicht herum. Fuckboys gibt es wie Sand am Meer. Also Männer, die manipulativ sind, um unverbindlichen Sex zu bekommen, und dabei keine Rücksicht auf die Gefühle der anderen beteiligten Person(en) zu nehmen. Ghosting oder gefälschtes Interesse sind hier nicht weit. Dass Bianca Jankovska in ihrem Debütroman „Fuckgirl“ genau so eine Frau als Protagonistin vorstellt, ist naheliegend. Dem ist allerdings nicht wirklich so, wie einem beim Lesen nach und nach dämmert.
Female Revenge
Wirkt der Roman auf den ersten 40 Seiten noch, als lese man eine (Auto-)Biografie, so driftet er schon bald in eine überaus spannende Geschichte ab. Das Leben der Protagonistin, das zunächst scheint, als wäre es rein auf Sex ausgerichtet, erweist sich bald als etwas komplexer.
Ihre offene Ehe zu ihrem Mann bietet ihr genug Raum, um sich sexuell auszuleben. Dabei lernt sie auf Datingplattformen und „im wahren Leben“ Männer kennen und trifft sich mit ihnen. Die Regeln: Kein Verlieben und kein Verheimlichen. Um selbst so anonym wie möglich zu bleiben, gibt sie kaum (wahre) Dinge von sich preis. Das ist auch gut so, denn als sie Daddy kennenlernt und feststellt, dass er als verheirateter Vater seine Familie betrügt, beschließt sie, Rache zu üben. Für seine Frau.

Female Sexuality
„Fuckgirl“ ist wunderbar. Und das liegt an mehreren Dingen. Zum einen ist der Roman beinahe revolutionär, weil er etwas zeigt, das sonst eher verborgen bleibt: Die sprudelnde Sexualität einer 40-Jährigen. Jankovska betrachtet dabei allerdings nicht nur das Ausleben dieser (wohlgemerkt auch noch in einem anderen Setting als monogamer Ehe). Nein, sie stellt zudem die Frage nach dem Genügen klassischer heterosexueller Sexualität, indem die Protagonistin selbst damit hadert, ob ihr schlichter penetrativer Vaginalsex reicht. Jankovska geht damit höchst sensibel und dennoch sehr direkt um und scheut sich nicht, auch größere gesellschaftliche Themen anzusprechen. So etwa auch die Frage nach Schönheit von Frauen ab 40 (die zu stellen es eigentlich nicht bedürfen sollte).
Zum anderen liegt die Großartigkeit dieses Romans auch in der ungeschönten Darstellung des Graubereichs. Denn das titelgebende Fuckgirl verkörpert genau das – einen Graubereich. Ihre Taten sind zwar berechtigt, ja beinahe notwendig, das allerdings kann nur behauptet werden, weil durch den personalen Erzählstil das Innenleben dieser Protagonistin erzählt wird. Denn von außen betrachtet ist auch das Fuckgirl manipulativ und alles andere als mit Heiligenscheinen bestückt.
Female Life
Was Jankovskas Roman so erfrischend macht, ist die direkte Ansprache weiblichen Verlangens in einer Zeit, in der darüber zwar gesprochen, allerdings immer noch eine negative Konnotation mitschwingt.
Auf ihrer Website zitiert die Autorin „die schönste Amazon-Review, die [sie] jemals bekommen [hat]“: „Lässt sich einordnen zu Autorinnen wie Emilia Roig, also eher nichts eigenes entwickeln, sondern nur die Sachen anderer zum x-ten Male zusammenfassen.“ Dem muss an dieser Stelle bestimmt widersprochen werden. Denn dieser lockere, unterhaltsame, ja freie Blick auf weibliche Heterosexualität findet nicht oft Anklang in der Literatur (wenn auch öfter als weibliche Homosexualität).
Er wirkt bestätigend und beruhigend. Er zeigt, dass die eigene Lust nicht mit 30 abnimmt oder aufhört zu existieren. Er zeigt, dass es in Ordnung ist, sich „auszuleben“, vor allem aber auszuprobieren und die eigene Meinung auch wieder zu ändern. Er zeigt, dass die weibliche Lust alle etwas angeht und dass es mit dem Akt an sich noch lange nicht getan ist.
Jankovskas feine Beobachtungsgabe hält der Gesellschaft hier fast schon satirisch den Spiegel vor und lädt dazu ein, sich mehr mit weiblichem Zusammenhalt und der eigenen Lust auseinanderzusetzen. Danke dafür und bitte mehr davon.
Bianca Jankovska, „Fuckgirl“. € 26,90 / 296 Seiten. Haymon, Innsbruck 2026.


