Wie geht Selbstverteidigung? ** Repertório N.1 – Wiener Festwochen 

Blog Header Repertório N.1 (c) Genevieve Reeves

Mit „Repertório N.1“ vervollständigen Davi Pontes und Wallace Ferreira ihre Performance-Trilogie der Selbstverteidigung und zeigen bewegten Widerstand. 

Schon die Platzwahl im MAK war für viele bei Repertório Nr.1 eine Herausforderung. Im Viereck wurden jeweils zwei Stuhlreihen positioniert und in der Mitte waren zwei kniehohe Podeste. Anstatt die Kunst auf das Podest zu stellen, entschieden sich die zwei brasilianischen Choreograf*innen Davi Pontes und Wallace Ferreira dazu, diesen Raum auch dem Publikum zu überlassen, und bewegten sich stattdessen zwischen den Menschen. In ihrer Performance treten sie mit dem Publikum in Interaktion und explorieren Aktion und Reaktion. 

Emotionale Standbilder

Dass Ferreira und Pontes bildende Kunst und Performance fusionieren, merkt man dem Stück an. Die langsamen und schnellen Tanzbewegungen werden immer wieder von abrupten Standbildern unterbrochen. Es wechseln sich Positionen der Macht mit Unterwerfung ab. Dabei bedienen sie sich typischer Gesten wie dem Peace-Zeichen und der Fingerpistole, um Krieg und Frieden darzustellen. Aber am eindrucksvollsten sind die Sequenzen, in denen Pontes & Ferreira im Blickkontakt miteinander verweilen. Es wirkt wie ein stilles Ausverhandeln der weiteren Performance, ein kurzer Check-in mit dem Gegenüber und dem eigenen Empfinden. Eine klar gewählte und bewusste Pause zum Erhalt der Gemeinschaft.

Die 40-minütige Performance kommt ohne musikalische Elemente aus, stattdessen spielt sie mit der Stille. Nur reine Muskelkraft durchbricht sie. Immer wieder kommt es zu lautem Stampfen. Es ist ein schmaler Grat zwischen Erotik und Militanz. Aber vor allem ist es eine schweißtreibende Angelegenheit für die beiden Performenden, was auch zur Aushaltprobe für das Publikum wird, da sich Pontes und Ferreira durch die Stuhlreihen bewegen und gelegentlich auch dazwischen Platz nehmen. 

Davi Pontes und Wallace Ferreira legen gesellschaftlich angezogene Schichten ab. (c) Genevieve Reeves
Davi Pontes und Wallace Ferreira legen gesellschaftlich angezogene Schichten ab. (c) Genevieve Reeves

Gelebte Demokratie?

Repertório N.2“ und „N.3“ wurden in vergangenen Jahren beim ImPulsTanz Festival bejubelt, „Repertório N.2“ gewann zudem den Young Choreographers’ Award 2022. Das lange unvollendete Werk „Repertório N.1“ komplettiert die Trilogie, die als künstlerische Antwort auf das Leben in Brasilien unter Jair Bolsonaro entstand. Selbstverteidigung war als Gegenbewegung zum feindseligen Umgang mit Menschenrechten in aller Munde. Doch wie geht Widerstand? 

Diese Frage muss jede Person für sich selbst beantworten, aber eindeutig ist, dass im Widerstand für eine Haltung eingestanden wird und dafür muss man sich selbst offenbaren. Aktuelles Geschehen wird zerlegt und die eigenen gesellschaftlich angezogenen Schichten abgelegt. Durch das Bekennen von Farbe zeigt man sich und wird gleichermaßen durch die Beurteilung von Außen weiter ausgezogen. Die Nacktheit im Programm liegt somit auf der Hand, sodass Ferreira und Pontes die Performance in pinken langen Socken und ebenso pinken Turnschuhen antreten. 

Debattenkultur & alltägliches Miteinander

In den letzten Tagen machten die Wiener Festwochen auch große Schlagzeilen um ihre Debattenkultur. Repertório N.1 greift das Thema in seiner Essenz an und zeigt einen spannenden Ansatz auf: Es werden dem Publikum Gegenstände entwendet und umverteilt, neu positioniert und ausgetauscht. Im Spiel mit dem Publikum ist es schwer erkennbar, ob die Performer*innen um Erlaubnis bitten oder den Zuseher*innen drohen. 

Ein Eingriff in ein bestehendes System und die Zuseher*innen entscheiden, wie sie damit umgehen: Sich verweigern oder den eigenen Besitz anbieten? Während dem Stück etwas zurückholen oder am Ende? Etwas Wertvolles dem Gegenüber ganz überlassen? Die Chance für den Austausch und Verbindung nutzen oder den Gegenstand in der Mitte des Raumes zur Abholung deponieren? Es sind Entscheidungen, zu dem das Publikum gedrängt wird, die ganz intuitiv getroffen werden, aber genauso etwas preisgeben, wie es die Performenden tun. Es eröffnet sich die Chance für den demokratischen Austausch, denn ganz oft findet dieser nicht auf den großen Bühnen statt, sondern im Kleinen, im ganz alltäglichen Miteinander. 

Schau hier her → Look here → Buraya bak → Pogledaj ovde → Nézd ide → Guarda qui → انظر هنا → Podívej se sem → Spójrz tutaj → Посмотри сюда → Виж тук → Nhìn đây →

knisternde Beiträge:

"Kultur ist nachhaltig" vegan" lit oida" glutenfrei" neurodivergent" neutral" kulturell" nonbinär" geil" Hafermilch?" chaotisch" richtig" bunt" verständnisvoll" multi" direkt" ...FÜR ALLE"