Eine Performance, die queere Erfahrungen aus verschiedenen Generationen zwischen Pop, Politik und persönlichen Erinnerungen vielstimmig auf die Bühne bringt.
„Love Me Tender, Love Me Queer“ der Blind Date Collaboration basiert auf 24 Interviews mit in Wien lebenden queeren Personen zwischen 21 und 84 Jahren. Auf Grundlage dieser Interviews schaffen Marie-Christin Rissinger, Johann Brigitte Schima, Rajarshi Sarkar und Persson Perry Baumgartinger gemeinsam mit den Performer*innen eine multiperspektivische Performance.
“Cut” – und wir hören zu.
Der Abend beginnt mit einem filmischen Bruch: „Ruhe bitte. Und Cut.“ – und wir hören zu. Noch bevor die eigentlichen Geschichten beginnen, werden die Fragen offengelegt, die den Interviews zugrunde liegen. Fragen wie:
Wie fühlt sich queere Liebe im öffentlichen oder halböffentlichen Raum an?
Was bedeutet queere Sichtbarkeit?
Welche Bilder prägen unser Verständnis von Beziehung?
Dieser Einstieg wirkt fast nüchtern – und genau deshalb stark. Er macht klar: Hier geht es um reale Erfahrungen, nicht um dramatische Zuspitzung.
Vier Performer*innen (Nora Jacobs, Frederik Marroquín, Lara Sienczak, Florian Tröbinger) wechseln zwischen diesen Stimmen. Sie verkörpern keine festen Figuren, sondern bewegen sich durch reale Aussagen, Erinnerungen und Haltungen. Manchmal antworten sie einander (in)direkt, manchmal stehen die Geschichten einfach nebeneinander, denn queere Erfahrungen sind nicht linear, sondern ein Geflecht aus Widersprüchen und verschiedenen (politischen) Realitäten.

Generationen im Dialog
Besonders eindrücklich sind die Spannungen der Generationen. Ältere Interviewpartner*innen sprechen von Orten der Zuflucht, von improvisierten Räumen. Sie sprechen etwa von einem Sexshop in Berlin, der von einer queeren Frau – Laura Meritt – in ihrer Wohnung gegründet wurde und der bis heute existiert. Oder von der Bar in Wien, in der sich die Gays getroffen haben und bevor die Polizei gekommen war, schnell gegenseitig als Hetero-Paare ausgaben. Es geht um Zeiten, in denen Behörden teils (rechtswidrig) kooperierten, um queeren Personen zu helfen. Diese Erzählungen machen deutlich, auf wessen Schultern heutige Freiheiten stehen.
Gleichzeitig taucht die Gegenwartsdiagnose auf: Rechtsruck, gesellschaftlicher Backlash, das Gefühl, Errungenes verteidigen zu müssen. Fortschritt erscheint nicht als stabile Gerade, sondern als fragile Bewegung. Diese Spannung wird besonders spürbar, wenn heutige queere Sichtweisen – etwa zu Sichtbarkeit, Identität und Allyship – auf historische Erfahrungen treffen.
„They walked so we could run. Und ja, also, dass meine Eltern zum Beispiel irgendwie so chillig darüber sind, dass ich queer bin. Das haben ja die Queers in ihrer Generation mühevoll erarbeitet. Und ja, ich finde, das vergisst man halt oft.“ – 21 Jahre, sie/ihr
Dieses Zitat verdeutlicht, wie sehr heutige Freiheiten auf den Kämpfen früherer Generationen beruhen – und wie wichtig es ist, diese Errungenschaften bewusst wahrzunehmen und weiterzudenken.
Aber auch innergemeinschaftliche Dynamiken werden verhandelt: historische Solidaritäten zwischen schwulen Männern*, lesbischen Frauen* und trans* Personen. Auch Fragen zu den Selbst-Zuschreibungen sind Thema oder wie man mit nicht queeren Personen über das Queer-Sein spricht und wie sich die Reaktionen darauf anfühlen.

Queer und religiös?
Die Szene, die queeres Dasein und Religion berührt, macht deutlich, dass auch innerhalb der Community Spannungen existieren: zwischen individuellen Überzeugungen, gesellschaftlichen Normen und historischen Kontexten. Lara Sienczak verkörpert in einem kostümierten Anspiel auf Mutter Maria Selbstbestimmung, während Frederik Marroquín Jesus darstellt.
Lara erzählt singend-liturgisch über die Erfahrung als queere Person christlich zu sein und wie dies in der Queer-Community aufgegriffen wird – nicht unbedingt in a good way. Die Performance ist so lustig, dass wir alle im Raum lachen mussten.
Und weil diese “religiöse Szene“ ihren Konter braucht, wird uns das auch sofort geliefert. Plötzlich wird es laut und die Performance mit dem Song „It’s a Sin“ startet, in der visuell Themen wie sexuelle Selbstermächtigung und queeres Ausleben gefeiert werden.
Pop, Emotionen und queere Umschreibungen
Popkulturelle Ikonen fungieren als emotionale Marker. Als von Coming-out-Momenten erzählt wird, in dem die US-Sängerin Melissa Etheridge zur Identifikationsfigur wurde, folgt eine Live-Performance von Nora Jacobs mit einem Song von Melissa Etheridge. Später wird Lady Gagas „Born This Way“ performativ aufgegriffen. Diese Momente sind nicht nur Referenzen, sondern kollektive Erinnerungsräume für queere Geschichte (in der Popkultur). Pop wird hier zum Archiv und Ort der Begegnung.

Die Kostüme wechseln schnell und spiegeln die Vielstimmigkeit queerer Identitäten: mal Blusen mit Hosen, mal Anzüge, mal Kleider, mal bewusst Outfits, die normative Kleidungs-Codes aufbrechen.
Jede Veränderung unterstützt die Bewegung zwischen Generationen, Erfahrungen und Emotionen – ein visuelles Spiegelbild der Vielseitigkeit, die das Stück thematisiert. Die Kostüme machen die Übergänge zwischen Vergangenheit und Gegenwart sichtbar, zwischen persönlichen Erinnerungen, politischen Kämpfen und popkulturellen Referenzen. In Kombination mit Musik, Licht und Bewegung entsteht ein lebendiger Raum, in dem Identität performativ wird (eine Referenz zu Judith Butlers‘ Gender Troubles gibt es auch).
Knister*Wissen:
Judith Butler sagt mit ihrem Konzept der Performativität, dass Geschlecht nichts Festes oder Natürliches ist, sondern durch unser Verhalten entsteht: durch das, was wir immer wieder tun, sagen und zeigen („doing gender“). Weil wir diese Handlungen ständig wiederholen, wirkt Geschlecht wie etwas Natürliches – tatsächlich wird es aber durch gesellschaftliche Regeln und Erwartungen immer neu hergestellt.
Bühne als Zwischenraum
Die Bühne ist mit fransigen Vorhängen ausgestattet. Die Performer*innen verschieben die Vorhänge, verstecken sich oder bauen diese anderweitig in die Performance ein. Das Visuelle bleibt ständig in Bewegung, genau wie die Identitäten, von denen erzählt wird.
Inhaltlich reicht das Spektrum von erster queerer Verliebtheit über sexuelles Ausprobieren bis hin zu Community-Konflikten und politischen Kämpfen. Auch schwere Erfahrungen – wie gesellschaftliche und auch familiäre Kontrolle – werden nicht ausgespart. Gerade für jüngere Zuschauer*innen öffnen sich hier historische Dimensionen, die sonst nicht unmittelbar gehört werden (können).

Immer wieder werden die Szenen durch Videosequenzen „gecuttet“. Die filmischen Cuts arbeiten mit Ironie und queerer Umschrift. Eine “Titanic”-Referenz wird zur polyamoren Liebesgeschichte. Andere Bilder mit starkem Schwarz-Weiß-Kontrast, hart geschminkten Gesichtern und fast geometrischen Kostümen erinnern ein bisschen an die Avantgarde oder die 80er-New-Wave-Ästhetik. Die Videos – meistens mit Musik unterlegt – sind auch Erweiterungen der Performances. Oder auch Erläuterungen: es wird zum Beispiel der Begriff Othering erklärt.
Am Ende erweitert sich der dokumentarische Rahmen noch einmal: In einer Videoinstallation sieht man Mitglieder der Blind Date Collaboration in einem Studio an einem Tisch sitzen. Sie essen, tanzen, lachen. Dieser private Moment wirkt wie eine Einladung: Community ist nicht nur Thema, sondern Praxis. Das gemeinsame Essen, das Zusammensitzen, das Teilen von Raum wird zur politischen Geste. Es ist ein Einblick in Arbeitsweise und Beziehungsgeflecht – und gleichzeitig ein schönes Bild von Fürsorge und Verbundenheit.
Fazit
„Love Me Tender, Love Me Queer“ ist keine abgeschlossene Erzählung, sondern eine vielstimmige Montage. Informativ und politisch, ohne Parolen. Emotional, ohne in Sentimentalität zu kippen.
Die Performance zeigt: Queere Geschichte ist kein lineares Fortschrittsnarrativ, sondern ein andauernder Aushandlungsprozess. Und vielleicht liegt genau darin ihre Kraft: in der Offenheit, in den Brüchen, im gemeinsamen Sprechen. Ein Abend, der überwiegend überzeugt – weil er zuhört, auch wenn er erzählt.


