Drei Stimmungsbilder demonstrieren die Lebendigkeit des Balletts ** Visionary Dances – Staatsoper

Blogheader Review Visionary Dances (c) Wiener Staatsballett_Ashley Taylor

Ein Ballettabend für Einsteiger*innen sowie Fans. Hier braucht es weder Vorwissen noch muss ein Programmheft gelesen werden, um einer Handlung folgen zu können. 

Im Rahmen von „Visionary Dances“, der jüngsten Produktion des Wiener Staatsballetts, begegnen sich mit den Arbeiten von Justin Peck, Wayne McGregor und Twyla Tharp drei wegweisende Werke der letzten Jahrzehnte. Ihre Visionen veranschaulichen, wie das Ballett im Heute verankert ist. Der zweieinhalbstündige Abend an der Wiener Staatsoper eignet sich wunderbar als Einstieg für jene, die bisher nur wenig in die Welt des Balletts eingetaucht sind.

Was die Werke des Abends verbindet, ist einerseits ihr Weiterdenken des klassische Repertoires, andererseits die Freude ihrer Urheber*innen an der Kollaboration. Peck, McGregor und Tharp setzen allesamt auf das Miteinander von Choreograf*innen, Designer*innen, Musiker*innen und Bildenden Künstler*innen.

Heatscape: Inspiration durch Street Art – eine bewegte Momentaufnahme

Justin Peck, dessen 2015 uraufgeführtes Werk „Heatscape“ den Beginn des Abends markiert, ließ sich vom Wynwood Arts District in Miami und seinen riesigen Wandgemälden inspirieren. Der von Straßenkünstler Shepard Fairey gestaltete Bühnenhintergrund ist einem solchen Gemälde nachempfunden und erinnert an eine Blume, eine Sonne, ein Mandala.

Vor ihm findet das Ensemble immer wieder zu Reihen und Trauben zusammen, aus denen einzelne Tänzer*innen mit Leichtigkeit ausbrechen, um quer über die Bühne zu laufen, Sprünge und Drehungen in den Raum zu zeichnen. Sie selbst werden Teil des Gemäldes und vermitteln eine pulsierende Hektik.

Es ist ein Stimmungsbild Wynwoods zu Bohuslav Martinůs Klavierkonzert Nr. 1 aus den 1920er Jahren. Als „visionär“ lässt sich das Werk weniger im Hinblick auf die Bewegungssprache, dafür aber mit Blick auf die Raumnutzung und das Aufbrechen ballettüblicher strukturierter Bewegungslinien beschreiben.

Visionary Dances (c) Wiener Staatsballett, Ashley Taylor

Yugen: Experimenteller Bewegungsfluss

Anders verhält sich das bei Wayne McGregors 2018 uraufgeführter Arbeit „Yugen“, in der sämtliche Bewegungen fließend ineinander übergehen. Das Werk zu Leonard Bernsteins „Chichester Psalms“ entstand zu Ehren des Komponisten anlässlich seines hundertsten Geburtstags.

Durch die Vertonung biblischer Verse, das minimalistische Bühnenbild mit Glaskuben (gestaltet von Edmund de Waals) und die Tänzer*innen, die in roten Kostümen den Raum und ihre Körper erkunden, entsteht eine fast heilige, „sakrale“ Stimmung. Für den heute 56-jährigen Briten McGregor ist die experimentelle Komponente im Tanz dabei besonders wichtig.

Seine Kollaborationsfreude spiegelt sich in der Interaktion der Tanzenden wider. Viele Formen entstehen erst durch Berührungen oder Hebefiguren, die wiederum Impulse für die folgenden Bewegungen geben. Arme und Beine initiieren Krümmungen, der Torso folgt. Pointiertheit und Schwung dominieren. Dass sich der Gesamteindruck dieser Darbietung nur schwer in Worte fassen lässt, ist wohl gewollt, zumal „Yugen“ in der japanischen Ästhetik genau für diese unübersetzbare innerweltliche Schönheit steht. 

Visionary Dances (c) Wiener Staatsballett, Ashley Taylor

In the Upper Room: Visionen, die fesseln

Als abschließendes Highlight des Abends holt das wohl visionärste der drei Werke – „In the Upper Room“ von Twyla Tharp – all jene, die sich in unbeschreiblicher Schönheit verloren haben, ins Hier und Jetzt zurück. Denn Tharps Fusion aus Ballett und Modern Dance, begleitet von Philip Glass’ minimalistischer, repetitiver Musik entfacht eine geradezu hypnotische Energie.

Und das, obwohl die Musik von Glass, anders als jene von Martinů und Bernstein, leider nicht live gespielt wird. Wahrscheinlich verträgt sich die Beleuchtung des Orchestergrabens nicht mit dem rein aus Lichtkegeln bestehenden Bühnenbild. Oder dem Nebel, aus dem die Tänzer*innen unvorhersehbar auftauchen. Auf die dadurch entstehende Spannung will man jedoch nicht verzichten.

„In the Upper Room“, uraufgeführt 1986, lebt von Dualitäten: Der Gegenüberstellung von roten und schwarzweißen Kostümen, Spitzenschuhen und Sneakers, Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit, statischen und reisenden Bewegungen. Doch diese scheinbaren Gegensätze können konkurrenzlos nebeneinander bestehen. Ihre Gleichzeitigkeit bietet Inspiration, wie Kontrastreiches in der Kunst zusammengeführt werden kann, ohne dass eine Hierarchie entsteht. Eine zukunftsweisende Vision, das steht außer Frage.

Visionary Dances (c) Wiener Staatsballett, Ashley Taylor

„Nobody Cares about Ballet“: Anscheinend doch.

Mit „Visionary Dances“ beabsichtigte Staatsballett-Direktorin Alessandra Ferri, die Lebendigkeit der Kunstform zu veranschaulichen. Die zeitliche Nähe der Premiere zu den viel diskutierten Aussagen Timothée Chalamets zum vermeintlichen Sterben der Opern- und Ballettszene mag ein Zufall sein. Doch Ferris Auseinandersetzung mit der Verankerung von Ballett im Heute erscheint vor diesem Hintergrund besonders relevant.

Für manche mag „Visionary Dances“ erst ein Türöffner zur Tanzkunst sein, Für andere ist dieser Ballettabend eine Bestätigung, dass ein geschätztes Kulturerbe eine Zukunft hat, die Tradition fortbestehen lässt, ohne dabei zu verstauben.

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