Rosen, Pralinen, eine schöne Karte, vielleicht ein Gedicht: Am 11. Mai erhalten Mütter Dankbarkeit und süße Aufmerksamkeiten. Dabei wären Wertschätzung oder Erleichterung auch zwischendurch mehr als angebracht – Stichwort: Care Work und Mental Load. Diese fünf Romane in diesem Listicle werfen einen differenzierten Blick auf die Leben verschiedener Mütter. Sie zeigen die Anforderungen, die an sie gestellt werden, die Erwartungen, denen sie gerecht werden sollen und all die unsichtbaren Pflichten, die sie zu erfüllen haben. Schockierend, manchmal niederschmetternd, aber nie hoffnungslos.
„Die Wut, die bleibt“ von Mareike Fallwickl
Mittlerweile ein Klassiker, oder besser gesagt: einer, der es sein sollte. Mutter Helene begeht in diesem Roman bereits auf der ersten Seite Suizid und lebt ab dann durch ihre Abwesenheit sowie in Erinnerungen und Rückblenden weiter.
Was führte zu diesem Schritt, was hat sie so stark ermüdet? Wie soll das Zahnrad „Familie“ ohne ihre Fürsorge, Organisation und Arbeit weiter laufen? Und vor allem: Welche Schlüsse zieht ihre Tochter Lola daraus, wie wird es das Aufwachsen der jungen Frau beeinflussen? Ein großer Roman über alles, was Frauen im Patriarchat zugemutet wird und Female Rage. Ein Must Read!
Rowohlt, Taschenbuch, 14,-

„Lügen über meine Mutter“ von Daniela Dröscher
Diesen Roman werde ich nie vergessen. Er handelt von einer Frau, die absolut jeden Tag unter der Fuchtel ihres Mannes steht. Für ihn ist sie nie gut genug, vor allem aber zu dick. In seinen Augen soll sie abnehmen – so schnell wie möglich und um jeden Preis. Ihr Übergewicht steht seinem beruflichen Glück im Weg, ist er überzeugt.
Mit einer gläsernen Waage reibt er seiner Frau regelmäßig ihr „Versagen“ unter die Nase. Er manipuliert auch die kleine Tochter Ela, sodass sie sich auch irgendwann für das Gewicht ihrer Mutter schämt. Im heimlichen Frustessen findet diese Trost, bis sie es irgendwann schafft, sich von dem fragilen Tyrannen in ihrem Leben zu trennen. Doch das bleibt nicht ohne langfristige Konsequenzen für ihre Gesundheit.
Der Roman ist aus Elas Sicht geschrieben. Sie erzählt – abwechselnd als Kind und Erwachsene – die Geschichte einer Frau, die sicherlich nicht unfehlbar ist (was zum Beispiel gewisse Erziehungsmethoden anbelangt), geht aber auch mit viel Mitgefühl und Verständnis auf die Entbehrungen und Folgen der Erniedrigung ein.
Kiepenheuer & Witsch, Taschenbuch, 14,-

„Auf allen Vieren“ von Miranda July
Wahrscheinlich würde man Miranda Julys Roman nicht unbedingt in einem Listicle wie diesem erwarten. Mutterschaft steht darin nicht im Fokus, sondern ist nur eines von vielen Themen.
Eigentlich geht es um Sex, um verborgene Begierden und Sehnsüchte bzw. um eine moderne Frau, die sich jenseits der 40 auf die Suche danach macht und ihr Lebensmodell hinterfragt. Sie versucht jeden Tag, den Spagat zwischen ihren verschiedenen Rollen als Ehefrau, Mutter und Künstlerin zu meistern und beschließt irgendwann, sich auf einem Selbstfindungs-Road-Trip von LA nach New York neu zu entdecken.
Die Reise führt sie allerdings bloß ins nächstgelegene Kaff, wo sie sich in einen Twenty-Something verliebt und ihren Bedürfnissen auf die Schliche kommt, die lange im Verborgenen schlummerten.
Kiepenheuer & Witsch, Taschenbuch, 15,-
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„Dem Mond geht es gut“ von Paulina Czienskowski
Dieses Buch steht schon länger auf meiner Lese-Liste: Paulina Czienskowski widmet es einer jungen Mutter, die nach der Geburt ihres ersten Kindes viele Gefühle hat – und diese analysiert. Auch den Muttergefühlen der eigenen Mutter und Großmutter geht sie auf die Spur und erkennt darin Parallelen, Zündstoff, Sprachlosigkeit – Dinge, die man sich als Mutter nicht traut, laut zu sagen.
Blumenbar, Hardcover, 22,-

„Mama“ von Jessica Lind
Magische Traumbilder und Realität gehen in diesem Roman Hand in Hand. Jessica Lind erzählt darin von Amira und Josef, die sich sehnlichst ein Kind wünschen. Doch es klappt nicht. Erst in einer Waldhütte erfüllt sich ihr Traum von der eigenen Kleinfamilie.
Mit Amiras wachsendem Bauch entstehen aber auch Sorgen und Ängste. Wird sie eine gute Mutter sein? Wie sehr wird sich ihr Leben verändern? Und: Darf sie überhaupt verunsichert sein? Schmälert das nicht die bedingungslose, aufopferungsvolle Mutterliebe? Mit jeder Seite, die man umblättert, gerät man tiefer in eine Geschichte, die von Mal zu Mal unheimlicher wird. Ein kleiner Vorgeschmack:
„Amira weicht zurück. Ihr Magen ist ein Muskel, der sich ganz fest zusammenzieht. Sie will ihre Hände auf ihren Bauch legen. Ihre Hände greifen ins Leere. Sie blickt an sich hinab. Der Bauch ist fort.“
Auch, wenn es bei mir schon etwas länger her ist: Die Stimmung des Romans hat sich tief bei mir eingebrannt.
Kremayr & Scheriau, Hardcover, 20,-

Die Geschichte des Muttertags
Der Muttertag hat seine Ursprünge in den USA. Die Lehrerin und Frauenrechtlerin Anna Marie Jarvis setzte sich 1907 erstmals für einen offiziellen Ehrentag für Mütter ein. Sie persönlich gedachte damit ihrer verstorbenen Mutter, die sich ebenso für soziale Belange eingesetzt hatte. 1914 erklärte der US-Kongress den zweiten Sonntag im Mai zum nationalen Feiertag – dem Mother’s Day. Die Idee verbreitete sich rasch in vielen westlichen Ländern, darunter auch Deutschland und Österreich.
Dass sich der Muttertag zunehmend zu einem konsumorientierten Event entwickelt, war nicht im Sinne seiner Initiatorin – Jarvis kritisierte das und kämpfte sogar wieder für dessen Abschaffung. Sie war der Überzeugung, dass materielle Geschenke die Aufopferung von Müttern nicht ausreichend würdigen. Weil sie auch Veranstaltungen anlässlich des Muttertags störte, wurde sie für kurze Zeit verhaftet.
Erstmal gings nur um Blumen
In Deutschland wurde der Muttertag erstmals 1923 gefeiert und vom Verband der deutschen Blumenhändler unterstützt – um den Blumenverkauf anzukurbeln. In Österreich zelebrierte man den ersten Muttertag ein Jahr später. Eine zentrale Figur war die Grazer Frauenrechtlerin Marianne Hainisch, die Mutter des späteren Bundespräsidenten Michael Hainisch. Sie setzte sich stark für Frauenbildung und soziale Anliegen ein und unterstützte die Idee eines Muttertags nach dem Vorbild von Anna Jarvis in den USA.
Unter der NS-Diktatur (ab 1933) wurde der Tag jedoch ideologisch aufgeladen und zum nationalen Feiertag erklärt. Die Nationalsozialisten instrumentalisierten den Muttertag zur Verherrlichung der „deutschen Mutter“ im Sinne ihrer Bevölkerungspolitik. Mütter mit vielen Kindern wurden ausgezeichnet (beispielsweise mit dem „Mutterkreuz“). Mutterschaft wurde zur nationalen Pflicht erklärt, und der Muttertag diente der Propaganda für das idealisierte Frauenbild im Nationalsozialismus. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Muttertag entpolitisiert und wieder zum familienbezogenen, kommerziell geprägten Tag.
Im Gegensatz dazu steht der 8. März, der Internationale Frauentag. Er entstand Anfang des 20. Jahrhunderts aus der sozialistischen Frauenbewegung und wurde erstmals 1911 begangen – unter anderem in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Ziel war der Kampf für Gleichberechtigung, das Frauenwahlrecht und bessere Arbeitsbedingungen.
Und heute?
Heute wird der Frauentag als feministischer Kampftag begangen, an dem gegen Diskriminierung, Gewalt und strukturelle Benachteiligung von Frauen protestiert wird. Anders als der Muttertag feiert er nicht die Rolle der Frau als Mutter, sondern fordert Rechte und Gleichstellung für alle Frauen, unabhängig von ihrer familiären Situation. Auch heute gibt es die Aufforderung, den Muttertag zum feministischen Aktionstag zu machen und etwa auf die immer noch vorherrschende unfaire Aufgabenverteilung aufmerksam zu machen oder Altersarmut bei Frauen – durch lange Teilzeit-Arbeit – zu thematisieren.


