Der deutsche Puppenspieler hat ein neues Programm im Gepäck. Mit bitterböser Satire, viel Spontanität und noch mehr Publikumsbeteiligung.
Es gibt Puppenspieler wie Sascha Grammel oder Tricky Niki. Die legen Wert darauf, dass ihre Bauchrednerei perfekt ist und ihre Programme für die ganze Familie geeignet sind. Und dann gibt es Michael Hatzius. Dem Mann mit der Echse ist beides völlig wurscht.
Ihm geht es darum, seine Botschaften möglichst scharfzüngig seinem Publikum zu vermitteln. Und sein Werkzeug dafür ist eben seit 15 Jahren die Echse. Erfahrungen als Puppenspieler hat der 45-jährige Berliner freilich schon viel länger. Schon als Jugendlicher wirkte er in der Jugendtheatergruppe Helle Weiten im Weiten Theater für Puppen und Menschen mit. Und seit 2006 hat er sogar ein Diplom für sein Metier.
Sein künstlerisches Schaffen dreht sich aber seit 2011 hauptsächlich um die Echse, weshalb nun ein Spezialprogramm angesagt ist. In „Echsklusiv“ darf sich das Reptil nicht nur standesgemäß mit Berliner Schnauze auskotzen, sondern auch mit gewohnt trockenem Humor in der Vergangenheit wühlen.
Schließlich war die Echse – die so uralt ist, dass sie offenbar auf sämtliche Konventionen pfeifen kann und auch im Jahr 2026 mit Zigarre auf der Bühne sitzt – bei so gut wie jedem Ereignis der Weltgeschichte seit dem Urknall dabei.
Frustrierte Zecke, brutale Karotte
Aber sie ist nicht allein, denn Hatzius hat wieder einmal einen ganzen Tierpark mit. Eine von Grillen frustrierte Zecke dient ihm als Vehikel für aktuelle politische Beobachtungen von der Migration bis zum Arbeitsmarkt. Ein hochnäsiges Einhorn besteht auf korrektes Gendern und eröffnet mit seiner aufgesetzten Wokeness eine neue gesellschaftliche Debatte. Und mit diesen beiden entspinnt Hatzius ein spontanes (?) Märchen auf Publikumszuruf.
Am sympathischsten ist eigentlich sein extrem schüchternes Huhn – das seinerseits die Echse als Handpuppe spielt. Die coolste Socke im Stall wiederum ist eine Security-Karotte, die brutal zupackt. So richtig entlarvend wird es, als Hatzius ein Schweinepaar auf die Bühne setzt, das schon sehr, sehr lange zusammen sein muss. In dieser Szene einer (toxischen) Ehe geht es ganz tief ans Eingemachte. Das Publikum, das hier befreit auflacht, erkennt zugleich vieles aus eigener, mitunter leidvoller Erfahrung wieder.

Mitarbeit aus dem Publikum erwünscht
Apropos Publikum: Das kommt an diesem Abend im Wiener Stadtsaal ordentlich dran. Nachdem Hatzius den Österreicher*innen ihre Sprache vorgehalten hat (Jo, derf denn der Piefke des überhaupt?!), lässt er sie den Rest des Programms fröhlich mitgestalten. Hier gilt nicht nur der alte Grundsatz: Wer in der ersten Reihe sitzt, ist selber schuld.
Auch die übrigen Reihen kommen gut dran. Bei den diversen Einlagen mit Publikumsinteraktion beweist Hatzius viel Spontanität und auch ein bisschen Boshaftigkeit. Spätestens als die Echse ein Handy einkassiert, mit dem ein verbotenes Video gemacht wurde, kommt kurz Unsicherheit auf: Ist der Herr Hatzius jetzt wirklich angepisst?
Oder hat er nur wieder einmal eine gute Gelegenheit für eine gemeine Pointe beim Schopf gepackt? Und vor allem: Was wird er jetzt mit dem Handy anstellen? Antwort: Wenig bis nichts, weil – zum Glück der Besitzerin – alles auf Russisch ist. Ob es bei der Rückgabe nach der Show eine Standpauke gab, ist nicht überliefert.
Dass Hatzius im Einspieler zu Beginn darauf bestanden hat, keine Ton- und Bildaufnahmen zu machen, erweist sich nach der Pause als gerechtfertigt. Denn plötzlich, ohne dass Hatzius es geplant hätte, bekommt der ganze Saal durch eine weitere Interaktion aus dem Publikum eine kleine Nachhilfe in Sachen KI-Deepfakes und Social Media.
Mehr über den Betroffenen, der sich hier auf offener Bühne als Online-Betrüger geoutet hat, wird an dieser Stelle nicht verraten. Denn: Was im Stadtsaal geschieht, das bleibt im Stadtsaal. Eines steht jedenfalls fest, der Puppenspieler hat damit definitiv nicht gerechnet. Eine solche Gelegenheit darf er sich aber natürlich nicht entgehen lassen. Tja, das passiert eben, wenn man die Zuseher*innen so intensiv miteinbezieht wie Hatzius.
Alle seine Entlein
Überhaupt nicht improvisiert, aber um nichts weniger lehrreich ist die Stelle mit dem größten Tieraufkommen. Er lässt ein Rudel Gummienten aufmarschieren, mit denen er Klimawandel und (Geo)Politik behandelt. Spätestens hier ist das Programm nicht mehr jugendfrei. Und Hatzius läuft zur Hochform auf, wenn er eine entsprechend adjustierte Ente nach der anderen auf den Tisch stellt und dazu seine Geschichte erzählt.
Und die gute Nachricht zum Schluss: Wer die Wien-Premiere von „Echsklusiv“ versäumt hat, kann sich auf Oktober freuen. Da kommt Hatzius erneut nach Österreich.


