Was vermissen wir jetzt schon? Was wollen wir nicht missen? Im Theaterstück „End to Begin“ von Gloria Benedikt bekommen wir Besuch aus der Zukunft. Der liefert zwar keine großen Antworten, aber stellt die richtigen Fragen.
“Und da kam eben der Gedanke: Warum kann das Theater eigentlich nicht ein Ort sein, an dem wir gemeinsam darüber nachdenken, was wir schon verloren haben? Aber auch, wie wir da wieder rauskommen, was uns wichtig ist und wie wir leben wollen?” – Regisseurin Gloria Benedikt
Wenn wir geliebte Menschen verlieren, begraben wir sie. Das tun wir nicht nur, um zusammenzukommen und den Toten die letzte Ehre zu erweisen, sondern auch, um zu trauen. Dieses Ritual hilft weiterzuleben. Hilft, wieder anzufangen.

Zwischen Ritual, Tanz und Trauer
Diese Überlegung war gewissermaßen der Auslöser für das dokumentarische Theaterstück End to Begin von Gloria Benedikt, welches vom 26.- 29. Jänner im Rahmen eines Pilotprojektes primär für Schulklassen im Odeon Theater Wien wieder aufgenommen wurde. Der Plot ist schnell erzählt: Menschen aus dem Jahr 2075 wollen wissen, warum sie leben, wie sie leben und reisen dafür in unsere Gegenwart.
Sie schicken einen Wissenschaftler, eine Diplomatin, eine Philosophin, einen Aktivisten und drei Zeremonienmeister*innen ins Wien des Jahres 2026, um in Erfahrung zu bringen, was die Menschen gedacht, gewusst, gehofft, wovor sie sich gefürchtet und von was sie geträumt haben. Doch das, was sie in Erfahrung bringen, kann mit jeder Vorstellung variieren. Denn sie befragen nicht nur Botschafter*innen wie die Klimaexpertin und Aktivistin Katharina Rogenhofer oder der Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber, sondern auch das Publikum.
“Gibt es Dinge, die ihr in den letzten Jahren schon verloren habt oder Erfahrungen, die ihr vermisst?”
Bereits die erste Frage trifft ins Schwarze. Stumm gleiten die Namen von untergegangen oder (aus)gestorben Gletschern, Inseln, Tieren, Pflanzen und Flüssen über die Bühnenleinwand. Währenddessen haben die Zuschauer*innen die Möglichkeit, ihre Antworten auf Karten zu kritzeln. Ob der Pizol-Gletscher († 2019, Schweiz) , 5 Salomoneninseln († 2011-2014, Südsee), die Pinta-Riesenschildkröte († 2012, Ecuador) oder das Dickwurzelige Löffelkraut († 2010, Österreich): Es ist offensichtlich. Überall verschwindet Landschaft, Flora und Fauna. Doch was vermissen wir Menschen? “Pulverschnee, Schmetterlinge, der positive Blick in die Zukunft, ein Leben ohne Wetterextreme”, lauten einige Antworten der Zuschauer*Innen.
“Die Kunst ist am Kraftvollsten, wenn sie alle ihre verschiedenen Elemente einsetzt. Es gibt Momente, wo man das, was passiert ist, nicht in Worte fassen kann. Mit den Tänzern kommt die Emotion ins Stück. Sie können mit ihrem Körper ausdrücken, was vielleicht viele spüren.” – Regisseurin Gloria Benedikt
Briefe, Gründe & Abschied
Obwohl End to Begin zwischen geprüftem Wissen, gelebten Erfahrungen, zwischen Tanz, Interaktion, Gesang und Theater hin und her wechselt, ist der Ritual-Charakter des Stückes unverkennbar. Für die Karten werden Körbe durchgegeben. Statt Geld werden Verluste und Vermisstes gesammelt. Währenddessen riecht es überall nach Lavendel. Und im Anschluss tanzen die Zeremonienmeister*innen. Ihre Bewegungen treffen ins Herz und wühlen zusätzlich auf. Schnell wird klar, dass die besondere Kombination der künstlerischen Ausdrucksformen eine ganz eigene Sprache für die Trauer in der Gesellschaft findet.

Neben den Fragen sind es Briefe aus der Gegenwart, die auf ganz unterschiedliche Weise Einblicke in derzeitige Lebensrealitäten geben. Ergänzt werden sie durch die bereits erwähnten Botschafter*innen aus der Wissenschaft, die per Video dazu geschaltet werden. Immer wieder kehrt die Generation der Zukunft zur Frage zurück, warum noch immer so wenig im Angesicht der ökologischen Krise getan wird, obwohl sie mittlerweile auch in Österreich am eigenen Leib zu spüren ist.
Fragt man den Klimapolitik-Professor Reinhard Steurer, sind die Gründe vielschichtig und komplex. Die verkürzte Antwort lautet wohl zum einen “das Streben nach Macht, Geld, die Interessen einiger Weniger”. Zum anderen die “bequeme Ohnmacht der Mehrheit”. Eine Mehrheit, die ihre Gewohnheiten nicht ändern möchte und ihre Verantwortung anderen zuschiebt. Angesichts dessen, scheint es umso wichtiger, zu fragen:
“Gibt es etwas, wovon ihr euch gerne verabschieden würdet oder gibt es Dinge, von denen ihr denkt, dass ihr sie eigentlich nicht braucht?”
Viele Ausdrucksformen, kompliziertes Thema
Diese Frage ist ein smarter Move. Denn keine politische Partei punktet, wenn sie beispielsweise fordert, weniger Fleisch zu konsumieren. Mit mehr Bürgerbeteiligung könnte es vielleicht auch ohne explizite Verbote gehen, zeigen die Antworten des Publikums. “Überkonsum und Tierleid” werden zum Beispiel per Handzeichen von der Mehrheit des Publikums als nicht länger haltbar befunden.

End to Begin ist nicht nur so besonders, weil es viele künstlerische Ausdrucksformen in sich vereint. Auch das Thema stellt die Künstler*innen vor ganz neue Herausforderungen, erklärt Benedikt.
“In der Kunst gibt’s die Tradition, die Vergangenheit aufzuarbeiten, wie z.B. den Zweiten Weltkrieg. Keine Tradition gibt es für Geschichten, die die Zukunft erzählen. Science Fiction fängt zwar mit Wissenschaft an, lässt der Fiktion und Fantasie jedoch freien Lauf. Was bisher fehlt, sind Geschichten für die Zukunft, die auf Wissen basieren.“ – Regisseurin Gloria Benedikt
Leider sind laut Regisseurin Gloria Benedikt darstellende Künstler*innen scheu, die ökologische Krise zum Thema ihrer Kunst zu machen. Es gäbe kaum Förderungen. Kulturredaktionen hätten nach wie vor große Berührungsängste, über solche Kunst zu berichten. Das Hauptproblem sei, dass die “ökologische Krise noch immer als Wissenschafts- und nicht kulturelle Krise begriffen wird.” Dabei verändert sie schon jetzt das Leben auf diesem Planeten radikal.

Wiederaufnahme durch Engagement
“Der Homo Sapiens ist 40.000 Jahre alt. Seit 80 Jahren sind wir mächtig genug, um uns selbst abzuschaffen. Noch wissen wir nicht, in welche Richtung wir uns entwickeln.” – Regisseurin Gloria Benedikt
Neben allen Herausforderungen und großer Verantwortung, sollten wir nach Benedikt nicht vergessen, dass wir “in wahnsinnig interessanten Zeiten leben. Aber als Gesellschaft müssen wir nicht hinnehmen, dass wir gerade so viel verlieren.“ Ins Tun kommen ist ein gutes Stichwort. Denn die Wiederaufnahme des Stückes ist dem Engagements eines Lehrers geschuldet.
Er kontaktierte Benedikt nach der Premiere am 14. Oktober 2024 in der Überzeugung, dass das Stück jede Schüler*in in Österreich sehen sollte. Doch leichter gesagt als getan. Die Stadt Wien lehnte die beantragte Finanzierung ab, weil für Wiederaufnahmen nur wenig Geld zur Verfügung steht. Finanziert werden die 4 Schulvorstellungen unter anderem von der deutschen Dorothea Laura Janina Sick Umweltstiftung . Sie wollen das Stück in Deutschland übernehmen, wenn die Testphase gut läuft. Zwar steht das Feedback der Lehrer*innen noch aus, doch die Nachfrage ist groß. Die erste Vorstellung hatte eine Auslastung von 95%. Ohne die vielen zusätzlichen freiwilligen Helfer*innen wäre das nach Benedikt allerdings nicht möglich gewesen.
Trauer, was dann?
Nach der Phase der Trauer ist es Zeit, nach vorne zu blicken. So lautet die letzte Frage, welche an die Zuschauer*innen gerichtet wird:
“Was ist euch wichtig, was hofft ihr in Zukunft nicht zu verlieren? Gibt es Dinge, von denen ihr denkt, dass ihr sie auch 2075 noch haben oder erleben solltet?”

Gerade weil die Besucher*innen bei dieser Vorstellung jünger sind, als das “normale” Theaterpublikum, berühren ihre Antworten: “Leitungswasser, Hoffnung, persönliche Freiheit, Jahreszeiten, Regenwälder, gute und frische Luft, Spaziergänge im Wald…”
Die anfängliche Sorge Benedikts, dass die Ästhetik durch die interaktive Gestaltung des Stückes gebrochen werden könnte, ist unbegründet. End to Begin ist ein großartiges Theaterstück. Nicht nur weil es Teilhabe und Dialog gekonnt in Kunst integriert, sondern auch weil es sich traut, größer zu denken und zu fühlen. Es zeigt, wie die unüberwindbar erscheinenden Gräben zwischen bloßer Information und durchlebter Emotion überwunden werden können. Wie leicht verständliches (hier aufgrund der Fülle unmöglich ausführbares) Wissen über die ökologische Krise auf engstem Raum um und im Tanz, Gesang und erzähltem Wort Platz finden kann.
“Ich wollte dem Publikum eine Stimme geben.”– Regisseurin Gloria Benedikt
End to Begin ist keine Science Fiction. Hier erfährt man von der zukünftigen Generation nichts darüber, wie ihr Leben in 50 Jahren aussieht. Das Schauspiel lenkt den Blick immer wieder auf das Hier und Jetzt und darauf, was wir daraus machen. Noch ist die Zukunft nicht in Stein gemeißelt.
Das Stück zeigt, dass der Austausch mit den Zuschauer*innen über das Ende des Stückes hinausgehen darf und sollte. Im Anschluss jeder Vorstellung findet ein Q&A mit jeweils einem eingeladenen Gast aus der Wissenschaft und aus den Medien statt, die für Fragen aus dem Publikum zur Verfügung stehen. Aus End to Begin geht man ein klein wenig leichter raus. Das liegt auch daran, dass der Wunsch nach einer gesunden, gerechten und lebenswerten Zukunft im Publikum ein geteilter zu sein scheint.
Die Karten mit den Antworten des Publikums werden eingesammelt – für was sie verwendet werden, kann an dieser Stelle nicht verraten werden. Stattdessen bleibt folgender Satz offen:
“In einer gelungenen Welt würde…”

Gloria Benedikt ist Autorin, Choreographin und Regisseurin des Stückes “End to Begin”. Sie ist Absolventin der Ballettakademie der Wiener Staatsoper und der Harvard-Universität. Sie arbeitete als Tänzerin in mehreren Ensembles in Europa und den USA und leitete das Science and Art Project am Internationalen Institut für Angewandte Systemanalyse (IIASA). Dort erforschte sie, wie Künstler*Innen und Wissenschaftler*Innen zusammenarbeiten können, um die ökologische Krise zu fassen und die Nachhaltigkeit-Transformation zu unterstützen.


