Helmut Lang im MAK ** Mode als Haltung

Blogheader MAK Helmut Lang (c) kunstdokumentation.com MAK

Das MAK hat dem Künstler und Modeschöpfer Helmut Lang zum ersten Mal eine Ausstellung gewidmet. 

Mit Séance de travail 1986-2005 hat das MAK eine umfassende Ausstellung entwickelt, die sich dabei bewusst gegen das klassische Format der Mode-Retrospektive entscheidet. Statt nur Kleidung und Ikonen-Status auszustellen, kann man in Helmut Langs Kopf hineinsehen – dieser wird hier räumlich erfahrbar gemacht. Die Ausstellung versteht Mode nicht als Objekt, sondern als System aus Raum, Körper, Medien und Wahrnehmung. 

Schwarze Kuben wie in den Helmut Lang Flagship-Stores (c) kunstdokumentation.com MAK
Schwarze Kuben wie in den Helmut Lang Flagship-Stores (c) kunstdokumentation.com MAK

Der Raum als Interface

Gleich zu Beginn wird klar: Diese Ausstellung will sich positionieren. Der erste Raum greift die Logik von Helmut Langs (Flagship-)Stores auf. Schwarze, modulare Kuben strukturieren den Raum und verbergen mehr, als sie zeigen. Sie zwingen Besucher*innen zur Bewegung, den Blick zu verändern und in das Verborgene der Kuben zu blicken. Architektur wird hier zum Medium, nicht zum Rahmen.

Pläne, Fotografien, Entwürfe der Stores und Werbekonzepte – wie das Taxischild – sind in diesen Kuben untergebracht. Diese rechteckigen Formen bzw. Kuben sind auch in den Fotografien der Stores zu sehen, die Lang selbst entwarf. Diese räumliche Strenge wirkt kontrolliert, fast kühl und nichts ist dekorativ – passt aber zu Langs Essentialismus. Diese Leere (des Raums) ist dabei kein Mangel, sondern die Voraussetzung für Konzentration – man soll schließlich das Wesentliche erkennen.

Taxischild von Helmut Lang (c) MAKChristian Mendez
Taxischild von Helmut Lang (c) MAK Christian Mendez

Mode als soziale Situation

Der zweite Raum markiert einen klaren Bruch mit der Modeästhetik der 1980er-Jahre. Mit seiner Séance de Travail definierte Helmut Lang die Modenschau neu – als Arbeitsprozess, nicht als Spektakel. Statt erhöhter Laufstege und glamouröser Inszenierung: ein ebenerdiger, quadratischer Laufsteg, der multidirektional und offen ist. Im Ausstellungsraum wird diese Idee überzeugend dargestellt.

Der originale Laufstegplan ist im Maßstab 1:1 auf den Boden gedruckt, inklusive Sitzordnung, Backstage-Bereich und Namen der eingeladenen Journalist*innen und Gäste. Man steht dort, wo Mode als kollektive Erfahrung gedacht war – nicht als Show, sondern als Begegnung. Eine großformatige Videoinstallation einer Helmut Lang Fashion Show aus den frühen 2000ern verstärkt diesen Eindruck. Damen- und Herrenmode verschmelzen in Langs Shows und Geschlechtshierarchien lösen sich auf. Gleichzeitig bleibt die Präsentation bewusst passiv. Die Emotionalität entsteht nicht durch Dramaturgie, sondern durch die Vorstellung, Teil dieser Situation gewesen zu sein. 

Ausstellungsraum im 1:1 Laufstegkonzept (c) kunstdokumentation.com MAK
Ausstellungsraum im 1:1 Laufstegkonzept (c) kunstdokumentation.com MAK

Medien, Materialien, kulturelle Präsenz

Im nächsten Abschnitt öffnet die Ausstellung einen Blick nach außen. Plakate, Lookbooks, Kleidungsstücke, Accessoires und eine Vielzahl medialer Berichterstattungen zeigen, wie präsent Helmut Lang in der Pop- und Kulturlandschaft der 80er, 90er- und frühen 2000er-Jahre war. Briefe von Quentin Tarantino, Uma Thurman und Ethan Hawke werden nicht als Celebrity-Relikte ausgestellt, sondern als Belege für Langs Vernetzung über die Mode hinaus. Mode ist hier die kulturelle Schnittstelle zwischen Film, Kunst, Musik und Medien. 

Auch der Fokus auf Langs Interesse zur Materialität wird in diesem Ausstellungsraum spürbar. Die Stoffe und Kleidungsstücke zeigen Langs Interesse an Fragilität und Struktur. Essentialismus bedeutet hier zwar Reduktion auf das Wesentliche, jedoch bei gleichzeitiger Irritation. Die Kleidung bleibt funktional, verweigert aber Konformität. Was man hier sieht, sind die Details und die Dekonstruktionen, die sich von “normalen” Kleidungsstücken unterscheiden. 

Wiederholung und Variation ziehen sich dabei als roter Faden durch die Regale, in denen Plakate, Zeitungs- und Zeitschriftenartikel uvm. zu sehen sind. Motive und Bildformate kehren (anders) zurück. Das bedeutet aber nicht, dass Langs Designs stagnieren, sondern dass diese nicht abgeschlossen sind – alles bleibt offen für Weiterentwicklung.

Plakate und Berichterstattung (c) kunstdokumentation.com MAK
Plakate und Berichterstattung (c) kunstdokumentation.com MAK

Der Ursprung (s)einer Ästhetik

Ein weiterer schwarzer Kubus als Nebenraum beinhaltet einige Bildschirme mit Videos von Modenschauen und Interviews. Die Menge an Material ist überwältigend – fast überfordernd. Die (textbasierte) Informationsdichte ist generell hoch und kann daher die Orientierung etwas erschweren. Wer Zeit, Lese- und Sehvergnügen mitbringt, wird eine tolle Erfahrung haben. Wer nicht, bleibt an der Oberfläche, die schnell “abgearbeitet” werden kann. Die Entscheidung, alles gleichwertig zu präsentieren, passt zwar zu Langs Haltung, erschwert aber den Zugang. Man bekommt dafür aber einen detaillierten Einblick in jeden Bereich des kreativen Prozesses.

Der letzte Raum widmet sich dem Backstage der 90er und 2000er und damit einem fotografischen Stil, der heute wieder all over Instagram zu sehen ist – Digi-Cam (Backstage-)Fotografien. Die Fotografien von Jürgen Teller u.a. zeigen Models, Stylist*innen und Momente vor und zwischen den Shows. Unmittelbar und nicht inszeniert. Was heute oft nostalgisch auf Instagram (geposed) dargestellt wird, ist hier wie der Ursprung einer Ästhetik. Diese Bilder waren kein Stilmittel, sondern Ausdruck einer Haltung: Mode als Teil des Lebens, nicht als künstlerische Schöpfung.

ausgestellte Kleidungsstücke (c) kunstdokumentation.com MAK
ausgestellte Kleidungsstücke (c) kunstdokumentation.com MAK

Fazit

Die Ausstellung im MAK ist keine Wohlfühl-Retrospektive, die schnell abgearbeitet werden kann. Sie fordert Aufmerksamkeit, Geduld und Bereitschaft zur Auseinandersetzung. Gerade für Personen, die keine Berührungspunkte mit kreativen Arbeitsprozessen haben, kann diese Ausstellung neue Sichtweisen öffnen. Gleichzeitig bleibt aber Helmut Lang als Person eher fern. Es werden Langs Haltung, Denken und Struktur vermittelt, aber wenig Intimität. 

Helmut Lang hat Mode nicht neu dekoriert, sondern neu gedacht. Das MAK hat diesen Anspruch ernst genommen. Wer sich darauf einlässt, verlässt die Ausstellung nicht (nur) mit Bildern, sondern ist vielleicht sogar motiviert, eigene kreative Projekte umzusetzen.

Die Ausstellung ist noch bis zum 03. Mai 2026 im MAK zu sehen.

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