Das Schweigen der Wände ** Das Ferienhaus – Burgtheater

Eine Familie, ein architektonisches Juwel im Grünen, etwas mehr als 50 Jahre Lügen, Leiden und alles, was das Leben sonst noch zu bieten hat. Es wird geschrien, geflüstert, geschwiegen und am Ende geht alles in Flammen auf. Eine Abwärtsspirale der Sonderklasse.

Content-Warnings: Beschreibungen von häuslicher und sexualisierter Gewalt an Minderjährigen

Wie der Titel schon verrät, geht es um ein Ferienhaus. 1964 vom Architekten Carl Albrich gebaut und im Design seiner Zeit weit voraus. Beton statt Holz, riesige Glasfronten geben den Blick nach draußen frei und gewähren dem Publikum den Blick in sein Inneres. 

Kurz nachdem der Vorhang sich hebt und die Bühne sich dreht, fällt aber sofort auf: das Haus ist nicht zentriert und eiert beim Drehen etwas herum. Hier läuft was wortwörtlich nicht rund. Und so fehlt dem Haus schon von Beginn an eine wirklich entspannte Ausstrahlung.

Wie eine Festung

Das entgeht auch den Figuren nicht. Caroline, gespielt von Birgit Minichmayr, bemerkt trotz der lichtdurchfluteten Räume: „dieses Haus […], das ist doch wie eine Festung, die verbirgt doch was“

„Wir werden alle immer weiter einfach so tun, als wäre alles OK in dieser Familie.“

Das Programmheft verrät: Ein Familiengeheimnis, über das jahrzehntelang geschwiegen wurde, kommt hier an die Oberfläche. Doch das kommt nicht mal annähernd an die Anzahl der verheimlichten Tatsachen heran, die über den Abend verteilt aufbrodeln. Über Jahre hinweg wurden Geheimnisse aller Arten totgeschwiegen. Es wurde vertuscht, was ging, um allen den Schein der intakten Familie weiterhin vorzulügen. Selbst für langjährige Partner*innen und die eigenen Kinder gibt es keine Ausnahmen.  

Gnadenlose Transparenz (c) Marcella Ruiz-Cruz
Gnadenlose Transparenz (c) Marcella Ruiz-Cruz

Glasklare Intransparenz

Schonmal vorweg: Das Ferienhaus ist absolut kein Feelgood-Stück. Die Klüfte zwischen den Figuren werden nicht durch ein gutes Gespräch und eine Umarmung überwunden, im Gegenteil. Hier werden keine Traumata bewältigt oder verarbeitet. In diesem Haus werden sie vererbt, verbrannt und am Ende mit ins Grab genommen.

Das Stück zeigt beinahe klinisch, wie sich gewisse Strukturen in Familien nicht einfach ausschleifen, sondern sich von Generation zu Generation fester verbeißen. Es beginnt beim Zusehen mit einem unguten Gefühl. Bis im Verlauf des Stücks immer klarer wird, dass niemand wirklich unschuldig ist. 

„Ich habe dabei zugesehen, wie unsere kleine Familie in der Stille versunken ist.“

Wenn gegen Ende alles offengelegt wird und Katrin (Caroline Peters) wütend über ihre eigene Unwissenheit in einen mehrminütigen Schreikrampf ausbricht, spricht (oder brüllt) sie einem wirklich aus der Seele. Ein starker Gegenpol zum Rest der Familie. 

Erb-Laster

Ausräuchern (c) Marcella Ruiz-Cruz
Ausräuchern (c) Marcella Ruiz-Cruz

Im Lauf des Abends springt man zwischen den Jahrzehnten und wird zum stillen Zeugen der zweifelhaften Vorgänge im Ferienhaus. Die Schauspieler*innen müssen oft ihre eigenen Eltern in jungen Jahren spielen. Damit man hier nicht die Übersicht verliert, findet man im Programmheft einen Stammbaum. Also lieber auf die Namen der Figuren hören, anstatt sich von bereits bekannten Gesichtern in die Irre führen zu lassen.

Mit seinen fast vier Stunden ist das Stück keineswegs kurz, doch eine Geschichte von dem Ausmaß lässt sich kaum schneller erzählen. Im dritten Akt lässt der Regisseur Simon Stone Szenen aus verschiedenen Jahren gleichzeitig im Haus existieren. Jahrzehnte werden nur von einer Glaswand getrennt. Auch wenn sie nicht interagieren können, reicht ihr Einfluss dennoch bis ins Jetzt und über den Abend hinaus.

Man kommt ins Grübeln, wer vom Schweigen am Meisten profitiert. Wie oft man vielleicht sogar selbst Täterschutz betrieben hat – einfach, um einer unangenehmen Situation aus dem Weg zu gehen. Ganz egal ob in der eigenen Familie, am Arbeitsplatz oder in der Freundesgruppe. Man kaut noch länger am Stück herum. Trotzdem, oder vielleicht gerade deswegen, absolut sehenswert.

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