Wann habt ihr euch das letzte Mal geschämt? Wann war euch etwas richtig unangenehm? Habt ihr darüber gesprochen? Vermutlich nicht.
Wir sprechen nicht über Scham. Das Wort ist schon negativ. Scham, sich schämen, das klingt nicht gut. So soll es nicht bleiben, finden Caterina Vögel und Hannah Zauner. Gemeinsam performen sie BLUSH im Tanz*Hotel. Eine Performance, in der es so richtig ums Schämen geht. Anna Lu aus der kultur*knistern-Redaktion hat die beiden zum Interview getroffen.
Von Freundschaft zu Work-Besties
Wie ist es überhaupt dazu gekommen, dass ihr jetzt zusammen eine Performance macht?
Caterina: Nach einem Projekt mit der schallundrauchagency hat sich zuerst mal einfach eine Freundschaft entwickelt. Und dann war klar, wir sollten zusammenarbeiten.
Hannah: Es gab ähnliche Interessen, die Textaffinität und die Spielfreude, die Caterina im Clowning gefunden hat und ich mehr im Schauspielbereich. Wir haben musikalische Überschneidungen gesehen, wobei Caterina das professioneller macht.
Caterina: Ich wollte wieder mehr tanzen und Hannah wollte mehr Musik und da dachten wir, wir können uns gegenseitig befruchten.
Hannah: Im Prozess haben wir gemerkt, dass Caterina oft strenger bei der Musik ist und ich beim Tanz, weil das unsere jeweiligen Expertisen sind, was sehr bereichernd ist.
Knister*Wissen: Clowning ist zum einen eine darstellerische Kunstform, in der die Darstellenden Menschen durch Tollpatschigkeit zum Lachen bringen. Zum anderen ist Clowning ein Tanzstil, bei dem oft Masken und Gesichtsbemalungen genutzt werden.
Und wie ist dann Blush entstanden?
Hannah: Am Anfang war die Idee “Blame me.” Es war meine Ausgangsidee, etwas mit Scham zu machen. Aber die jetzige Form entstand durch viele Gespräche zwischen Caterina und mir. Es ging viel in eine persönliche Richtung. Wann schämst du dich? Wie gehst du mit Schamgefühlen um? Das haben wir dann auf gesellschaftliche Themen übertragen.
Wir alle kennen Scham.
Welchen Stellenwert hat denn das Gefühl Scham in unserer Gesellschaft?
Hannah: Wir haben darüber geredet, dass man sich für so viele Dinge schämt, speziell auch über soziale Unterschiede. In Hinsicht auf Privilegien schämt man sich oft, mehr als andere zu haben. Oder umgekehrt, man schämt sich dafür, kein Geld zu haben.Eigentlich sollte man sich vielleicht nur dafür schämen, dass man nicht darüber redet.
Caterina: Wir haben Scham auch als Notwendigkeit für die Sozialisierung oder Erziehung besprochen.
Hannah: Scham wird teilweise missbraucht, trägt aber auch dazu bei, dass wir in der Gesellschaft funktionieren und uns auf Regeln einlassen. Man lernt viel über das „Blamiert werden”.
Caterina: Ein weiterer Aspekt ist Scham als Humorthema. Wenn Leute etwas von sich preisgeben, hat das etwas sehr Verbindendes.
Hannah: Wir versuchen, uns mit dem Publikum in Verbindung zu setzen. Scham ist immer mit einem Blick von außen verbunden. Der Wunsch, gesehen zu werden, und gleichzeitig die Angst davor.
Caterina: Wir teilen persönliche Geschichten, die gleichzeitig etwas Universelles haben, um Verbindungen zum Publikum zu schaffen.

Persönliche Geschichten auf der Bühne
Wie geht es euch damit, persönliche Geschichten in eurer Performance zu teilen?
Caterina: Wir haben jetzt schon sehr viel verarbeitet. Von außen ist wahrscheinlich nicht mehr ganz klar, was genau die persönliche Geschichte ist. Ich glaube, wir haben uns im Prozess auch sehr viel geschämt. Das war spannend zu spüren, dass ich mich vor Hannah schäme.
Hannah: Aber das wird weniger, weil wir in einem Safe Space arbeiten.
Caterina: Wir wollten nicht, dass es therapeutisch wird, deshalb ist jetzt viel künstlerisch verarbeitet. Es ist eine Show, teilweise inspiriert von der Punk-Szene und dieser Scheiß-drauf-Attitüde.
Hannah: Ich bin keine Musikerin, aber ich mache Musik, weil ich Bock drauf habe, obwohl ich mich nach gesellschaftlichen Konventionen eigentlich dafür schämen sollte. Wir machen Livemusik selber, was sich sehr selbstermächtigend anfühlt.
Trial and Error
Ihr arbeitet jetzt schon ein paar Monate an dieser Performance. Wie schaut ihr auf die Entwicklung zurück?
Hannah: Extrem wichtig waren die “Outside Eyes”. Ohne Leute wie Kurator Bert Stettner, unsere Mentorin Dorothea Zeyringer, Marina Schütze (Kostüm) und Killian Chyba (Bühne) wäre das nicht gegangen. Am Anfang war viel Trial and Error.
Caterina: Wir haben am Anfang viel gesammelt: Texte geschrieben und Bewegungssequenzen aus Gefühlen heraus entwickelt. Wir haben uns nicht eingeschränkt und das finde ich im Nachhinein cool. Es wird jetzt viel mehr performt, als ich dachte. Es fühlt sich jetzt viel selbstermächtigender und stärker an.
Konzertfeeling mit Choreo: Wir sollten uns weniger ernst nehmen.
Was macht die Performance auch für Personen spannend, die sonst nie etwas mit Tanz oder Performance zu tun haben?
Caterina: Wir nennen das Format “Konzertperformance”. Es ist sehr direkt und frontal, ein bisschen wie eine Band. Man braucht kein Vorwissen.
Hannah: Wir nehmen sie an die Hand. Es geht um die Energie. Am Ende darf auch das Publikum aktiv werden und wir machen gemeinsam einen Trap-Track. Unsere Botschaft ist: Wenn wir darüber reden und es sichtbar machen, ist es verbindend. Scham führt oft zu Isolation, aber darüber Musik zu machen, kann schön sein.
Knister*Wissen: Ein Trap-Track ist ein Musikstück aus dem Genre Trap Music. Das ist eine Unterkategorie von Hip-Hop.
Caterina: Wir reden auch sehr direkt mit dem Publikum. Wir nehmen uns selbst nicht so ernst.
Hannah: Selbstironie und Humor sind uns wichtig. Wir sollten uns alle ein bisschen weniger ernst nehmen. Unsere Peinlichkeiten sind oft sehr ähnlich. Wenn wir transparenter darüber reden, merken wir das.
Caterina: Es braucht mehr Spaß am gemeinsamen Schämen.
Hannah: Liveperformance ist super. Man kommt in einem Raum zusammen. Wir haben extrem viel Spaß beim Songs-machen und es wäre cool, wenn andere das miterleben würden.
Blush ist eine Performance von Caterina Vögel und Hannah Zauner im Tanz*Hotel, wo jedes Jahr für das T*H Residenzprojekt Artist At Resort Künstler*innen ausgewählt werden, die einige Monate lang an ihren eigenen Performances mit Mentor*innen arbeiten dürfen. Am Ende gibt es eine Werkschau. Alles rund um Scham seht und hört ihr Do 19.3., Fr 20.3. und Sa 21.3. jeweils um 19:30 in den Tanz*Hotel Studios im 2. Bezirk.


