In La Clemenza di Tito geht es um große Seelenqualen, Reue und folgenschweres blindes Gehorchen.
Anfangs wirkt die Storyline durch die vielen Figuren etwas komplex. Schließlich geht es dann eh um Freundschaft, Liebe, Enttäuschung, Rache und Vergebung. Oper eben. Aber wir starten mit den Figuren.
Der gütigste Kaiser der Welt?
Kaiser Tito will heiraten. Am liebsten heiraten würde er seine Geliebte Berenice, faszinierend inszeniert von Nikola Majtanova. Das geht nicht wegen Pflichten eines Kaisers und so. Als nächstes fragt er Servilia (Florina Ilie), die Schwester von Sesto. Diese ist verliebt in Annio und will nicht. Das akzeptiert Kaiser Tito, denn er ist gütig und nett.
Die Bösewichtin der Geschichte ist Vitellia (Hanna-Elisabeth Müller), die Tochter des gestürzten Kaisers. Sie will den Thron und die Krone. Dafür zwingt sie Sesto, der sehr verliebt in sie ist und der beste Freund des Kaisers, mit einem Attentat den Kaiser Tito vom Thron zu stürzen. Mit dem Attentat endet der 1. Akt. Dieses wird szenisch unglaublich toll dargestellt mit einer transparenten Leinwand und einer Kamera von oben, welche gleichzeitig die Handlung auf der Bühne filmt. Für die Oper eigentlich sehr modern.
Im 2. Akt geht es hauptsächlich um die Reue und Seelenqualen von Sesto (dem Dude, der wegen einem Girl seinen besten Freund töten wollte). Die erste erfreuliche Nachricht: Der Kaiser ist doch nicht tot. Die zweite: Sesto wird von ihm begnadigt und somit nicht umgebracht. Die dritte: Selbst Vitellia zeigt sich reflektiert und gesteht die Idee und Planung des Attentats. Erst ganz am Schluss, nachdem Sesto sich bereits seit einer Stunde nur noch mit schmerzverzogenem Gesicht liegend auf der Bühne befindet. Naja. Die Oper endet mit der großen Vergebung: Einem Schlussbild mit dem Chor, den Darstellerinnen und Kaiser Tito in der Mitte.

Happy Musik und spannende Besetzung
Die Musik ist Mozart. Das heißt: heiter, klar, trotzdem tiefgehend und etwas zu präzise. Die großen Banger findet man in dieser Oper nicht. Jedoch begleitet sie sehr schön durch die Geschichte. Auch das Orchester performte gut. Die musikalische Leitung übernahm Pablo Heras-Casado.
Was an der Besetzung sehr positiv hervorzuheben ist: Eigentlich männlich geschriebene Figuren werden von Frauen gespielt. Sesto wurde mit Bravour von Emily D´Angelo gesungen. Sie war auch durch ihre schauspielerische Leistung der Star des Abends. Auch der römische Patrizier Annio wird von der Mezzosopranistin Cecilia Molinari auf die Bühne gebracht. Den Kaiser Tito verkörpert der Tenor Katleho Mokhoabane. Gut, jedoch im Vergleich zu den hohen Stimmen nicht ganz so durchdringend.
In der Inszenierung von Jan Lauwers spielt vor allem der Tanz eine große Rolle. Die Ouvertüre (also gleich das erste Musikstück) beginnt mit der getanzten Darstellung von Berenice, die immer wieder gewaltvoll vom Kaiser entfernt wird. Diese Geschichte wird in der Musik und dem Text der Oper nur nebenbei erwähnt. Der Tanz eröffnet hier eine neue Storyline, die sonst szenisch nicht dargestellt werden würde. Ansonsten dient der Tanz der Visualisierung der Gefühlswelt der Figuren. Dies war in manchen Momenten fast etwas zu viel und hat den Fokus zu sehr von den Figuren genommen.

Reue ist größer als Hass
Subtext und Nebenstränge werden auch durch die Konzeption des Bühnenbilds ermöglicht. In der Mitte steht eine große Holzplattform, die von langen schwarzen Vorhängen umgeben ist. Zwischen der Plattform und den Vorhängen passieren die Nebenstränge der Erzählung – oft durch die oben beschriebenen Tanzeinlagen. In einer Szene singt Sesto wieder über sein Leid und seine Schuld, während sich Tito einmal rund um die Haupthandlung (=Holzplattform) bewegt. So wird der Verarbeitungsprozess von diesem schlau dargestellt.
Es ist nicht schwer, die Politik in dieser Kunst zu finden. “La Clemenza di Tito” war bereits bei der Uraufführung politisch. Mozart schrieb die Oper nach der Französischen Revolution und wollte mit ihrem Inhalt den Monarchen etwas Güte beibringen. Die Oper kann bis heute als große „Liebe ist stärker als Hass“ Sache interpretiert werden.
Ein bisschen weniger christlich ist, über das Motiv der Reue nachzudenken: Sesto ist das große Opfer dieser Erzählung. Er fühlt sich durch seine Liebe gezwungen, den Kaiser zu töten, obwohl dies gar nicht seiner eigenen Überzeugung entspricht. Er wird blind für die Konsequenzen seiner Handlungen und vor allem für sein eigenes Leiden.
Spannender als Vergebung finde ich eigentlich die treffende Darstellung des Bereuens, nachdem man sein eigenes Denken und Hinterfragen aufgrund einer einnehmenden Ideologie aufgibt.


