Blut, Körper und (sprachliches) Chaos ** Krankheit oder Moderne Frauen – Volkstheater Wien

Blogheader Krankheit oder Moderne Frauen (c) Marcel Urlaub

Ein Theaterabend, der nicht erklärt, sondern überrollt – und genau dadurch seine Wirkung entfaltet.

Die Inszenierung von Claudia Bauer basiert auf Elfriede Jelineks Stück “Krankheit oder Moderne Frauen” (1984). Einem Text, der sich jeder klassischen Erzählstruktur entzieht. Statt einer “normalen” Handlung, wie wir es im Theater gewohnt sind, gibt es Übertreibung, Brüche und eine radikale Auseinandersetzung mit Körper, Geschlecht und gesellschaftlichen Rollenbildern. Bauer bringt diesen Text nicht nur auf die Bühne. Sie übersetzt ihn in eine visuelle, sprachliche und körperliche Überforderung, die konsequent durchgezogen wird.

Die Bühne als Körper: Gebärmutter und Ursprungsraum

Schon beim Reinkommen ist klar: Das wird kein neutraler Raum. Die Bühne ist schon offen und wirkt für mich sofort wie eine Gebärmutter. Ein Innenraum, der gleichzeitig Ursprung, Schutzraum und Ort von Kontrolle ist. Dieses Bild zieht sich durch den ganzen Abend. Aber bleiben wir noch am Anfang: Bevor die Handlung einsetzt, tritt Nick Romeo Reimann als Conferencier/Märtyrerin auf und unterläuft das Theater selbst: 

„Ich will nicht schauspielern“. 

Ein Bruch, der das Publikum direkt adressiert und zugleich verunsichert. Die vierte Wand existiert hier nicht als Grenze. Sie wird durchlässig gemacht, verschoben und kommentiert. So bewegt er*sie sich zwischen Bühne und Publikumsraum und ist Teil des Schauspiels und gleichzeitig das auflösende Mittel. Denn: “ohne Zuschauende würde das Schauspiel, das Theater nicht existieren.“

Was folgt, ist ein sprachlicher Dauerzustand. Der Text ist wahnsinnig schnell. Es gibt kaum Pausen, kaum Momente zum Nachdenken. Die Figuren sprechen in einem ununterbrochenen Strom, Metaphern werden aufgebaut und sofort wieder zerstört. Gleichzeitig liegt darin eine enorme Leistung des Ensembles, das diese Textmassen nicht nur bewältigt, sondern mit körperlicher Präzision und Witz auflädt. 

Unterstützt wird das Stück durch chorische Elemente mit dem Schmusechor. Er schafft eine tolle und passende Atmosphäre und wird schließlich in das feministisch-vampirische Geschehen integriert. Vieles an dem Text wirkt aber zunächst nicht stimmig und überladen. Die Bedeutung entsteht für mich aber weniger im einzelnen Satz (oder in den Absätzen) als im Gesamtbild. Für das Publikum bedeutet das: permanente Aufmerksamkeit, aber auch permanente Überforderung. 

Patriarchat, Tod und queere Transformation

Inhaltlich bleibt es “klassisch” – wer das Stück kennt, erkennt es wieder. Dr. Heidkliff (Elias Eilinghof), Zahnarzt und Gynäkologe, ist eine Karikatur patriarchaler Kontrolle. Seine vampirische und lesbische Verlobte Emily (Annika Meier) bewegt sich zwischen Blutdurst und Widerstand. Auf der anderen Seite steht Carmilla (Lavinia Nowak), als „Tradwife“ mit sechs Kindern und ihr Ehemann Dr. Benno Hundekoffer, der Steuerberater – wie er sich sehr stolz vorstellt. 

Als Carmilla bei der Geburt stirbt, kippt das Stück endgültig ins Groteske. In einem Zwischenzustand reflektiert sie ihr Leben, bevor sie von Emily in eine Vampirin verwandelt wird. Aus der heteronormativen Ordnung entsteht ein neues, queeres Bündnis. Doch auch das ist voller Widersprüche. In einem visuell überspitzten Setting – Blumentapete, schwarze Särge als Matratzen im Blumen-Ehebett – leben Emily und Carmilla ihre Beziehung.

Gleichzeitig tauchen alte Rollenbilder wieder auf, denn gebügelt wird trotzdem. Eine Showeinlage bekommen wir auch: Die Poesie von Emily – langjährige Lyrikerin – wird von ihr höchstpersönlich gesungen (sogar mit Text für das Publikum zum Mitsingen). Die Emanzipation erscheint nicht als klarer Bruch, sondern als ambivalenter Prozess.

Krankheit oder Moderne Frauen (c) Marcel Urlaub

Interessante Stilmittel

Auch die Bühne (Patricia Talacko) selbst bleibt ein zentrales Bedeutungssystem. Auf einer Drehbühne entfalten sich verschiedene Räume. Am Anfang eine Arztpraxis mit gynäkologischem Behandlungsstuhl, danach Wohnräume und auch Räume, die wir nur auf der Außenwand als Projektion sehen (ja, es wird auch live-gefilmt). Doch alle Räume scheinen Teil desselben Körpers zu sein. 

Besonders stark wird das nach Carmillas Tod, als die männlichen Figuren in die „Gebärmutter“ eindringen. Die Männer tasten sich durch, sind orientierungslos (no comment.), alles mit der Live-Kamera übertragen (fast wie ein Ultraschall). Sie finden einige Dinge, wie einen Plastikflamingo, den sie dann mühevoll heraus transportieren. 

Meiner Meinung nach, eine Anspielung auf die systematische Ausgrenzung der Frau in der medizinischen Forschung (natürlich nicht nur in der Medizin…). Wir sehen es bei Medikamenten wie zum Beispiel der Pille oder auch bei unseren Menstruationsartikeln: Es wird nicht genug geforscht und es sind schädliche Stoffe in Tampons und Co. enthalten. Vielleicht in diesem Sinne auch der Plastikflamingo, der die Ursache von Carmillas Tod ist.

Bilder, die hängen bleiben

Wenn man beim Text aussteigt (ist mir auch passiert), tragen zumindest die Bilder den Abend weiter. Die sechs Kinder von Carmilla und Benno Hundekoffer zum Beispiel: puppenartig mit Knopfaugen, irgendwo zwischen lustig und unheimlich – erinnert mich an den Film Coraline. Gleichzeitig sind sie laut und nervig und werden mit Tablets ruhiggestellt. Ein ziemlich direkter Kommentar zur Gegenwart und zum Medienverhalten.

Auffällig ist auch der Mix der Kostüme (Kostüme: Andreas Auerbach). Die Männer bewegen sich stark im 80er-Jahre-Stil mit Schulterpolstern, glitzerndem Stoff, klaren Linien und einem Gefühl von Macht und Kontrolle. Die Frauen dagegen zitieren eher die 50er- und 60er-Jahre, also klassische Bilder von Weiblichkeit – kombiniert mit Spitze, Latex und Drag-Elementen.

Dieser tolle kostümbildnerische Kommentar zeigt, dass Geschlechterrollen nichts Natürliches sind, sondern aus verschiedenen Zeiten stammen, sich überlagern und bis heute weiterwirken (hier ein Abschweifer zu einer tollen Referenz in den Gender Studies: Judith Butler’s Performativität – Doing Gender).

Zwischen Humor und Überforderung

Trotz aller Schwere ist das Stück überraschend lustig. Es gibt viel Körperkomik, viele absurde Momente, viele Situationen, in denen man lachen muss. Auch dann, wenn man nicht alles versteht. Gleichzeitig bleibt es wirklich anstrengend. Es gibt kaum Raum zum Durchatmen, kaum Zeit, Gedanken zu ordnen. Gerade für Menschen, die nicht viel Theatererfahrung haben, kann das schnell zu viel werden.

Aber genau das scheint Teil der Inszenierung zu sein: kein bequemes Zuschauen, sondern ein permanentes “Fordern” des Zuschauenden. “Krankheit oder Moderne Frauen” ist deswegen kein Stück, das man einfach „versteht“ (falls jemand das Stück gesehen hat und “alles” verstanden hat, bitte melden).

Es ist laut, schnell, überladen und teilweise bewusst widersprüchlich. Aber genau dadurch entsteht etwas Eigenes: Ein Theaterabend, der weniger auf klare Aussagen setzt als auf Eindrücke, Bilder und Zustände. Man geht nicht raus und kann alles erklären – aber man hat genug gesehen, gefühlt und mitgenommen, um weiter darüber nachzudenken.

Schau hier her → Look here → Buraya bak → Pogledaj ovde → Nézd ide → Guarda qui → انظر هنا → Podívej se sem → Spójrz tutaj → Посмотри сюда → Виж тук → Nhìn đây →

knisternde Beiträge:

"Kultur ist nachhaltig" vegan" lit oida" glutenfrei" neurodivergent" neutral" kulturell" nonbinär" geil" Hafermilch?" chaotisch" richtig" bunt" verständnisvoll" multi" direkt" ...FÜR ALLE"