Wir kennen sie doch alle, die gut gemeinten Tipps. Na klar, niemand will sein Gegenüber in Trübsal blasen lassen und nutzlos daneben stehen, aber Tipps sind halt nicht immer so hilfreich.
Dieser Meinung ist zumindest der Psychotherapeut und Autor Sam Haghiri (spoiler alert: ich auch). Mit psychologischen Weisheiten, die sich in wenigen Minuten lesen lassen, gibt er seinen Leser*innen etwas auf den Weg, das nachwirkt und zur Reflektion anregt.
Wie unser Alltag von unserer käuflichen Seele und (schlechter) Schlafhygiene beeinflusst wird
Im ersten Kapitel drehen sich seine Essays rund um den Alltag. Er spricht beispielsweise über die Entstehung des neuen Marketings, wo Werbung als Bühne der Identität dient. Was er damit meint? Damit wir diese oder jene Person sein können und wollen, braucht es die in der Werbung angepriesenen Produkte (Klamotten, Goodies, Skincare, Geräte etc.) – was durch Social Media auch nochmal schön verstärkt wird. Wir sind käuflich geworden. Das ist unserer formbaren Psyche zu verdanken, die durch Größen wie John B. Watson (einer der Mitbegründer des psychologischen Konzepts des Behaviorismus) analysiert wurde.
In unserem Alltag wollen wir uns zudem oft nicht mit den unangenehmen Themen beschäftigen, wie dem häufigen Zu-Spät-Kommen. Hier werden mögliche Gründe und Gedanken geschildert, warum man es einfach nicht schafft, pünktlich zu sein (Beziehungstest, Vertrauen, Macht etc.). Nicht nur die Wichtigkeit einer guten Streitkultur wird aufgegriffen, auch der Schlafhygiene wird eine Wichtigkeit zugesprochen. Anstatt Tipps zu geben, werden psychologische Erkenntnisse und Erfahrungen geschildert.
Wenn Verdrängtes nicht einfach verschwindet und die Meinung über Dinge uns beunruhigt
Selbstverständlich darf die Psyche in einem psychologischen Ratgeber (wenn man ihn so nennen darf) nicht zu kurz kommen. Der Autor führt in allen Texten Studien, Experimente und andere Quellen an. So bekommen seine Weisheiten nicht nur einen Pluspunkt bei den Wissenschaftskolleg*innen, sondern nehmen einem auch die Sorge, dass man selbst manche Probleme oder Sichtweisen haben könnte.
Ein tolles Beispiel hierfür ist seine Erläuterung zu unserem fehleranfälligen Gehirn. Hier wurde in Experimenten gezeigt, dass Bilder in unserem Gedächtnis die eine oder andere Verzerrung aufzeigen können. Des Weiteren werden Projektionen aufgegriffen, bei welchen wir andere als sehr kritisch wahrnehmen können, wenn eine eigene Unsicherheit gegeben ist.
Unsere große Liebe für Bestätigungen wird angesprochen, die faszinierende Fähigkeit des Lügens, der dazu passende Mechanismus und natürlich die gute alte Achtsamkeit. Letztere ist ein wahrlicher Lebensretter, denn sie macht Entscheidungen möglich, wo wir uns schlicht ausgeliefert fühlen.

Es ist immer leichter, alles schlecht zu sehen
Dass unsere Gesellschaft im stetigen Wandel ist, zeigt Sam Haghiri anhand eines bekannten Experiments, wie sich unsere Nachsicht auf andere (leider) durch Macht verändern kann. Zudem gibt es den Appell, Nachrichten und Co. in gute und schadhafte “Nahrung” einzuteilen, um unser positives Mindset zu bewahren. Für dieses wird allerdings auch viel Energie benötigt und die kann einem relativ schnell geraubt werden. Man denke hier an die unzähligen Versuche, jemanden auf einen neuen (für sich klaren) Weg zu bringen und diese Person es aber nicht annehmen möchte. Es kostet Energie und Nerven – und niemand hat was davon.
Die Essays dieses Kapitels bringen unter anderem Input zu Choice Overload, Kognitiver Dissonanz, unserer Angst vor dem Sterben (und der Sicherheit durch Religion) und der Bedeutung der eigenen Klarheit.
“Wenn im Auto alles aufblinkt, sollte man halt nicht weiterfahren”
Diese Metapher fasst für mich das gesamte letzte Kapitel in einem schönen Bild zusammen. Um uns gesund zu halten, benötigt es Prävention, also eine Vorsorgemaßnahme. Das bedeutet – im Sinne des Bildes gesprochen – dass man bei einem Auto, in dem beim Starten alle Lichter am Armaturenbrett aufleuchten, mal genauer hinschauen sollte, anstatt ohne Rücksicht auf Verluste aufs Gaspedal zu steigen.
Wenn man die Warnsignale ignoriert, schleppt man die Probleme nur weiter und sie bleiben weiterhin. Unsere Gesundheit braucht die Auseinandersetzung mit ihren gesunden Anteilen (beispielsweise Selbstregulierung und Wohlbefinden), die Akzeptanz gegenüber tief verinnerlichten psychischen Prozessen (warum ich auf bestimmte Dinge wie reagiere, zum Beispiel) und die Beschäftigung mit individuellen Werten.
Fazit
So einfach kann das Leben leichter werden! Die meisten Bücher mit psychologischem Fokus preisen Tipps und Tricks in allen erdenklichen Lebenslagen an und rühmen sich mit 1a Bewertungen und eigens durchgeführten Selbststudien. Dieses Werk von Psychotherapeut Sam Haghiri beweist, dass es nicht auf konkrete Vorschläge ankommt, sondern auf die eigene Reflektion und das Wissen bzw. die Klarheit zu bisher unklaren Themen. Mit diesen 20 Essays wird ein Einblick in verschiedene Themen geboten (die auch alle quer durch die Bank gelesen werden können). Sie laden ein, sich täglich der Betrachtung einer Sache zu widmen – denn einen Essay liest man in ca. 15 Minuten.
Selbstverständlich können nicht alle Wissenslücken gefüllt werden, doch diese Textsammlung gibt einen klaren Überblick und hilft, mehr Verständnis für sich und andere zu bekommen. Wunderbar für all jene, die sich nicht scheuen, Dinge zu hinterfragen.


