Wolfgang Amadeus Mozart war ein bekannt lebenslustiger Mensch. Er liebte Verkleidungen, Verwechslungen und Humor auch unterhalb der Gürtellinie. Dass seine Opera buffa “Le nozze di Figaro” (Die Hochzeit des Figaro) an der Volksoper Wien jetzt in den 80ern landet – bunt, laut und ziemlich ungeniert – passt also irgendwie.
Knister*Wissen: Opera buffa = Italienische komische Oper des 18. Jahrhunderts mit alltagsnahen Figuren, schnellen Dialogen und sozialkritischem Witz. Gegenstück zur Opera seria.
Volksoper-Intendantin Lotte de Beer verlegte den Klassenkampf zwischen Graf und Dienerschaft kurzerhand ins Jahrzehnt der Schulterpolster – die 1980er. Die eigentliche Idee dabei: Jeder Akt wird aus der Perspektive einer anderen Figur erzählt.
Zuviel Slapstick nimmt der Komödie den Humor…
Erst der Graf, ein Testosteron-gesteuerter Machtmensch, erschreckend zeitlos. Dann Susanna, die smarte Strategin. Dazu noch die Gräfin, verletzt und melancholisch und Barbarina, jung und mit klarem Blick auf das ganze Chaos.
Das Konzept ist stark. Es hat Struktur, es hat eine Idee, und ja, es hat auch Tiefe. Nur vertraut die Inszenierung dieser Tiefe nicht immer ganz. Sie dreht auf. Ordentlich. Aus Mozarts feiner Komik wird stellenweise ziemlich direkter, etwas derber und teils auch ziemlich sexistischer Humor mit einer dicken Schicht Slapstick. Vor allem die ersten beiden und der letzte Akt kippen so manches Mal in reine Blödelei. Kann man lustig finden – muss man aber nicht. Ein bisschen weniger wäre hier für meinen Geschmack besser gewesen.

Ein spielfreudiges Ensemble!
Jaye Simmons als spritzige Susanna und Michael Arivony, ein wohlklingender Bariton, als Figaro tragen den Abend mit echter Spielfreude und Bühnenchemie. Daniel Schmutzhard gibt einen Grafen, bei dem man hin- und herschaut. Faszinierend und gleichzeitig zum Fremdschämen.
Der krankheitsbedingte Ausfall von Julia Koci (Cherubino) wurde durch eine ungewöhnliche Lösung aufgefangen: Das Bühnenspiel übernimmt mutig der Regieassistent, der Gesang kommt von der wackeren Marta Wiktorzak aus dem Graben. Respekt für diese Lösung – den Bruch hat man trotzdem gemerkt.
Highlight des Abends war eindeutig Matilda Sterby als Gräfin. Stimmlich wie emotional, klar und berührend: Sie bringt genau die Tiefe, die in dieser Inszenierung manchmal unter dem ganzen Slapstick begraben liegt.
Knister*Wissen: Ein Ensemble sind alle Künstler*innen einer Produktion – Sänger*innen, Orchester, Chor und mehr.

Fazit
Diese Figaro-Version stellt Macht, Sex und Abhängigkeit nicht nur dar, sie haut sie einem um die Ohren. Manchmal klug zugespitzt, manchmal mit dem Holzhammer. Langweilig wird es keine Sekunde. Aber ein bisschen mehr Ernsthaftigkeit und der Spaß wäre noch größer gewesen. Mozart hätte vermutlich gelacht. Die Frage ist nur: wie lange.
Eine andere Sicht auf diese Inszenierung? Vor fast einem Jahr hat Manon schon darüber geschrieben – kurz nach der Premiere. Hier geht’s zur Review und zu einer zweiten Meinung.


