Der Tod, der die Leere wiegen lässt ** Warum wir noch hier sind – Marlen Pelny

Blogheader Review _Warum wir noch hier sind_ (c) Mike Auerbach

Etty ist tot. Plötzlich ist sie nicht mehr hier. Ihr Tod verändert alles, immerhin war sie erst 14 Jahre alt. Wie schafft man es, das eigene Leben weiterzuführen, wenn einer der wichtigsten Menschen ermordet wurde? Intensiv, berührend und überwältigend erzählt Marlen Pelny in ihrem neuen Buch „Warum wir noch hier sind“, erschienen im Haymon Verlag, über eine Trauer, die scheinbar endlos ist.

Der Tod, der wie eine Decke auf jemandem liegt

Die Erzählerin besucht ihre pflegebedürftige Großmutter, um ihr Gesellschaft zu leisten. Selbstverständlich hilft sie ihr auch bei der Körperhygiene, richtet Essen und besucht mit ihr das Grab des Großvaters. Bereits am Anfang des Buchs spürt man, wie zynisch und wütend die Erzählerin ist. Denn egal, was die Großmutter sagt oder tut, es wird abwertend im inneren Monolog kommentiert. Man ist sprachlos, denn verstehen kann man diese vermeintlich herzlosen Gedanken nicht. Schon gar nicht einer liebevollen und wehrlosen alten Frau gegenüber.

Zurück in Berlin erfahren die Leser*innen nach und nach mehr über diese prekäre Situation. Die Tochter ihrer engen Freundin Heide wurde brutalst vergewaltigt und letztlich ermordet. Heide, deren Freundin Sophie und sie versuchen immer wieder Antworten auf alle ungeklärten Fragen zu finden. Warum tut man das so einem jungen Mädchen an? Wer hat diese abscheuliche Tat begangen? Fragen über Fragen, die sich in ihren Köpfen drehen und sie nicht zur Ruhe kommen lassen. Es schmerzt, schmerzt entsetzlich.

Das Gefühl der Ungerechtigkeit lässt sich nicht abschalten

Es gibt keinen Tag, an dem sie nicht weinen, sich nicht fragen, wieso das alles passieren musste. Die Erzählerin muss weiterhin den Alltag meistern, der spontane Drehs, eigene Ängste, eine unfertige Wohnung und das Betreuen der Freundin und Großmutter beinhaltet.

Nach dem Tod einer geliebten Person wird man als Angehörige auch einfach nicht in Ruhe gelassen. Die Sorgen um Heide sind so groß, dass die Erzählerin und Sophie rund um die Uhr bei ihr sind, obwohl sie selbst auch Hilfe bräuchten. Erinnerungen an Etty kommen immer wieder hoch, Sorgen werden mit Alkohol weggeschwemmt. Sinnvoll? Nein. Aber eine andere Lösung sehen sie gerade nicht. Nebenbei muss das Begräbnis des Mädchens organisiert werden. Und auch die Großmutter möchte alles für ihre letzte Ruhe vorbereitet haben. 

Erst hier wird der Erzählerin langsam bewusst, dass auch sie ihre geliebte Oma nicht mehr ewig haben wird. Spätestens ab der Schilderung der Angst der Erzählerin, dass sie jemand bei der Wohnungstür überfallen könnte, wird einem als Leser*in klar, was die Hauptperson durchmacht. Der Zynismus, die Wut, die Verzweiflung – die Erzählerin weiß selbst nicht, wohin mit ihren Gefühlen und Gedanken. Sie merkt, dass sie anderen nichts gönnt, da sie es sich für Etty gewünscht hätte. Sie hätte ein langes Leben verdient. 

Warum wir noch hier sind (c) Mike Auerbach, Haymon

Wir sterben und leben gemeinsam

Der Schmerz ist stark spürbar und schmerzt auch beim Lesen der Zeilen in der eigenen Brust. Man taucht in diesen furchtbaren Alltag ein und wünscht sich nichts sehnlicher, als einen finalen und würdigen Abschied für die Verstorbene. Nicht einmal die grotesken „Bauer sucht Frau“-Drehs der Erzählerin können die Stimmung heben. Sie sind lediglich ein Tropfen auf den heißen Stein. 

Als der Täter bekannt wird, zerbricht noch einmal die Welt. Man kennt einander. Man hat einander gesehen. Wie konnte er es nur tun? Alles bekommt mehr Realität, die grausame Tat ein Gesicht. Nach dem Begräbnis entfällt die Last der Beileidsbekundungen, Organisation und Co., aber die Trauer bleibt. Wie kann man das Leben weiterführen, wenn Etty nicht mehr da ist? Wie geht es jetzt weiter? Vielleicht weg aus Berlin? Oder doch bleiben?

Man wird wach für Dinge sein, die andere nicht bemerken wollen, und versuchen, Abstand zu nehmen, um den Schicksalsschlag leichter ertragen zu können. Die Angehörigen sterben und leben gemeinsam – mit Etty. Erst hier fällt auch für die Leser*innen die letzte Last. Denn man fühlt mit.

Fazit 

Ein unbeschreibliches Leseerlebnis! Anfangs war ich echt entsetzt und sogar wütend, als ich die zynischen Schilderungen über die Großmutter gelesen habe. Wie kann man nur so drauf sein, dachte ich mir. Aber es bekommt alles mehr Sinn, je mehr man in die Materie eintaucht und die Trauer der Protagonistinnen zu spüren bekommt. Die Verzweiflung, die sich auch im eigenen Kopfkino breitmacht, wenn man versucht, sich in diese Tragödie hineinzuversetzen, ist kaum auszuhalten. Wie viel sie aushalten müssen und es dennoch schaffen, noch hier zu sein.

„Warum wir noch hier sind“ ist eine Geschichte, die so tief berührt, dass es schmerzt. Gleichzeitig bringt sie so viel Dankbarkeit und Hoffnung hervor, dass man genau solche Freunde wie die Erzählerin und Sophie im eigenen Leben zu schätzen wissen möchte. Freunde, die in den dunkelsten Stunden für einen da sind, egal ob bei Verlust oder der Konfrontation mit dem eigenen Ableben. Ein absolutes Must-Read!

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