Piraten, Pointen, Publikumsliebling? ** Die Piraten von Penzance – Volksoper Wien

Blog Header Die Piraten von Penzance (c) Barbara Pálffy_Volksoper Wien

Ein Geständnis vorweg: Diese Kritikerin ist befangen. „Die Piraten von Penzance“ haben mich vor etlichen Jahren am Stadttheater St. Gallen erwischt – und seither nicht mehr losgelassen. Was soll man machen? Manche verlieren ihr Herz an einen Tenor. Ich verlor es an eine Bande singender Seeräuber.

Gilbert & Sullivan – und das sei der Vollständigkeit halber festgehalten, bevor jemand reflexartig „Monty Python“ ruft – haben diesen herrlich absurden Klamauk bereits im 19. Jahrhundert erfunden. Die Engländer waren schon immer früh dran, wenn es darum ging, sich selbst nicht allzu ernst zu nehmen. 

Was später bei Monty Python zur Perfektion getrieben wurde, ist hier bereits in voller Blüte: Wortwitz, Missverständnisse, konsequent durchgehaltener Nonsens. 

“Private” wird zu “Pirate”…

Die Story gibt ihnen recht: Frederic landet wegen eines Hörfehlers seiner Schweizer Nanny nicht in einer Privatschule, sondern bei Piraten. Private und pirate, das hat es halt in sich. Als Schaltjahrkind mit Geburtstag am 29. Februar kommt er aus diesem absurden Vertrag praktisch nie wieder heraus. Je skurriler, desto besser. So war es damals. So ist es heute.

Die Wiener Fassung legt noch eine Schippe drauf: Ein selbstironischer Rahmen erklärt gleich zu Beginn, warum Operette überhaupt wieder sein muss. Interimsdirektor Robert Kitzler (Marcel Mohab, herrlich unbeholfen) will das verlorene Publikum zurückerobern – und droht andernfalls, sich aus einer Kanone zu schießen. Subtil? Nein. Effektiv? Durchaus.

Torpediert wird er dabei von den Urenkelinnen des “Originalduos” (Lucy Hopkins, Petra Massey), die mit sichtbarer Spielfreude Chaos stiften. Das Meta-Theater funktioniert – zumindest solange man mitspielt.

Szene aus „Die Piraten von Penzance“ (c) Barbara Pálffy, Volksoper Wien

Weibliche Piraten und Polizisten mit Fischköpfen

Jennifer Gisela Weiss schreibt die Operette ins Heute: weibliche Piraten, Rollenverschiebungen, Selbstermächtigung. Katja Ledoux als Piratenkönigin überzeugt mit Präsenz und augenzwinkernder Autorität. Johanna Arrouas gibt eine Ruth, die trocken und treffsicher jeden Satz landet. Stefan Cerny als Sergeant: präzise und pointiert. Timothy Fallon als Frederic: komisch präsent.

Nicole Chévalier glänzt stimmlich souverän und elegant – und erinnert daran, dass hinter all dem Slapstick echtes musikalisches Handwerk steckt. Chloe Rooke am Pult bringt Sullivans Ohrwürmer schwungvoll ins Ziel. Ohrwürmer, die man – Warnung – noch tagelang mit sich trägt.

Die Bühne – ein Meer, ein Garten und Statuen aus Pappmaché. Ein charmant künstliches Meer, Wellen per Handbetrieb. Die Regie von Spymonkey setzt auf maximale Bewegung, Körperkomik und visuelle Gags, inklusive Polizei in Fischkostümen. Wer jetzt noch nicht weiß, ob dieser Abend etwas für ihn oder sie ist, dem*der sei gesagt: Er ist jede Minute wert!

Szene aus „Die Piraten von Penzance“ (c) Barbara Pálffy, Volksoper Wien

Die DNA des Stücks: Verwirrung

Denn hier scheiden sich die Geister. Und das gehört zur DNA dieses Stücks. Im Publikum lässt sich das live beobachten. Die einen biegen sich vor Lachen, die anderen bleiben sichtbar auf Distanz. Dieser Humor ist Britisch im besten und sperrigsten Sinn, verspielt, absurd, oft völlig überdreht. Man liebt ihn, oder eben nicht. Als bekennender Fan des schrägen britischen Humors sage ich: Man sollte ihn lieben. Aber das ist natürlich vollkommen objektiv gemeint.

Einziger Wermutstropfen: Im Dauerfeuer aus Gags und Bewegung leidet bisweilen das Timing. Nicht jede Pointe bekommt den Raum, den sie bräuchte. Manchmal wäre weniger mehr. Oder zumindest: eine Atempause zwischen zwei Lachern.

Fazit

Ein Abend wie ein Piratenschiff im Sturm. Laut, wild, sehr unterhaltsam – aber nicht immer auf Kurs. Für Fans des britischen Humors: Pflichtprogramm. Für alle anderen: zumindest einen Versuch wert. Und wer danach die Melodien nicht im Ohr hat, der hat schlicht nicht aufgepasst.

Szene aus „Die Piraten von Penzance“ (c) Barbara Pálffy, Volksoper Wien

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