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Wieder einmal bringt Florentina Holzinger den menschlichen Körper an seine Grenzen – sowohl für die Performer*innen als auch für manche Zuschauer*innen. Monstertrucks, schwertschluckende Friedenstauben und erstaunlich wenig Blut. Aus bereits bekannten Zutaten kocht sie einen neunstündigen Kraftakt, der es in sich hat.
Im Rahmen der Wiener Festwochen lädt Florentina Holzinger zur Weltpremiere von „Pfingstspiel“ ein. Ein nervenaufreibender Ganztagesausflug: Häppchenweise serviert sie, was auch bei ihren regulären Performances bereits schmeckt. Nicht fehlen dürfen wie (fast) immer sogenannte „Body-Suspensions“. Den Performer*innen werden dafür temporäre Piercings in Form von Haken gestochen, an denen sie anschließend mithilfe von Seilen in der Luft gehalten werden. Beim Pfingstspiel passiert das gleich in dreizehnfacher Ausführung, als am Ende das letzte Abendmahl mehrere Meter über dem Boden aufgehängt nachgestellt wird.
Aber beginnen wir mal am Anfang, etwa acht Stunden zuvor, am Platz des Wiener Eislaufvereins. Der ist im Sommer logischerweise recht eisfrei und im Grunde nur eine große, schattenlose Betonfläche. Dadurch lässt sich nur schwer beurteilen, ob die ersten Zuseher*innen hitzebedingt in Ohnmacht gefallen sind, oder weil Florentina Holzinger in einem menschengezogenen Auto den Platz betreten hat.
Nach fast einer Stunde verzerrter Harfenmusik, Sprühkerzen-Piercings durch die Wangen und viel Drifting war es an der Zeit, in einen der zehn Busse vor Ort zu steigen. Diese waren (Gott sei Dank) klimatisiert und fuhren ins weite Weinviertel nach Gänserndorf. Genauer genommen nach Prinzendorf.

Aber warum genau Prinzendorf?
Eine naheliegende Frage, schließlich ist das Pfingstspiel Teil der Wiener Festwochen. Die Antwort darauf ist allerdings nicht ganz leicht zu durchschauen. Florentina Holzinger wurde nicht nur von Milo Rau, dem derzeitigen Intendanten der Wiener Festwochen, sondern auch von Rita Nitsch beziehungsweise der Nitsch Foundation eingeladen, ein Projekt zu entwickeln. Daher vermutlich auch der zweigeteilte Spielort. Teil zwei fand nämlich auf Schloss Prinzendorf statt, der jahrelang der Austragungsort von Hermann Nitschs sogenanntem Orgien-Mysterien-Spiel war.
Knister*Wissen: Das Orgien-Mysterien-Theater war ein von Hermann Nitsch entwickeltes Performance-Konzept, das seit den 1960er-Jahren in oft mehrtägigen Aktionen religiöse Rituale, Blut, Tierkadaver, Musik und exzessive Körperlichkeit miteinander verband. Ziel war laut Nitsch eine Art „Katharsis“ – also die emotionale Reinigung durch Überforderung der Sinne. Die Aufführungen sorgten regelmäßig für Kontroversen und machten Nitsch zu einer der bekanntesten, aber auch umstrittensten Figuren des Wiener Aktionismus.
Darüber hinaus ist das Pfingsspiel auch noch eine sogenannte Étude. So nennt sich das Rahmenprogramm zu Holzingers derzeitigem Programm auf der Biennale: SEAWORLD VENICE. Die alle zwei Jahre stattfindende „Esposizione Internazionale d’Arte della Biennale di Venezia“ zählt zu den prestigeträchtigsten Ausstellungen zeitgenössischer Kunst.
Holzinger reiste gemeinsam mit den Performer*innen direkt aus Venedig an und hatte damit nur wenige Tage Zeit, das gesamte Pfingstspiel zu proben. Das würde zumindest gewisse infrastrukturelle Probleme erklären. Oder manche Momente, in denen selbst von den Performer*innen (diskret) gefragt wurde „What is going on?“
Nicht immer war klar, wo man sich als Zuseher*in aufhalten durfte. Und an welcher Stelle man eventuell von den Rädern des Monstertrucks erwischt würde, wenn dieser gerade dabei war, einen Panzer zu überrollen. Vielleicht lag mein Missmut auch einfach nur an den Manieren so mancher Besucher*innen, die um jeden Preis in der ersten Reihe stehen wollten und dafür gerne ihre Ellbogen einsetzten. Egal woran es nun gelegen hat, eine Tribüne oder zumindest bessere Markierungen hätten sicherlich nicht geschadet.
Prost, Mahlzeit und Amen
In neun Stunden ist freilich weit mehr passiert, als hier in dieser Rezension Platz hätte. Von der Performerin, die sich außen am Hotel Intercontinental abseilt (sehr zur Verwunderung der Hotelgäste) bis zu den zwei (2!) Hermann Nitsch Imitator*innen, die das große Finale des Abends mit folgenden Worten einläuteten:
„Es ist eine Kunst den Rausch aufzubauen und in der Intensität aufrechtzuerhalten. Lasst uns den Rausch erleben wie ein Kunstwerk.“
Und ein Rausch war es allemal. Wurde er immer astrein aufrechterhalten? Nicht zwingend. Aber wenn man einer Prozession beiwohnt, die sich bei Sonnenuntergang langsam den Hügel zum Schloss hinaufarbeitet, sind die etwaigen Sonnenbrände vom Eislaufplatz gar nicht so schlimm. Vor Allem, wenn eine am Rücken aufgehängte Performerin, am Prozessionswagen schwebend wie ein blasphemisches Christkind, Rotwein an die Besucher*innen ausschenkt. Der echte Hermann Nitsch wär’ sicher auch begeistert gewesen.
Wer bei der nächsten Étude dabei sein möchte, hat dazu am 11. Juli in Bregenz Gelegenheit. Alternativ bis zum 22. November direkt bei der Quelle in Venedig auf der Biennale.


