Er lässt mich nicht los, dieser eine Song in Rayes neuem Album. Nein, ich spreche hier weder vom Charts-Hit „Where Is My Husband!“, noch von der Hans-Zimmer-Kooperation „Click Clack Symphony.“. Ich spreche von jenem Song, den wohl die meisten überspringen: „Fin.“ – ein sechseinhalb-minütiges Lied, in dem Raye ab Minute 2 die Namen aller Mitwirkenden nennt. Keine aufdringlichen Melodien oder mitreißenden Rhythmen. Nur Namen. Vier Minuten lang.
Offen gestanden, kein sehr aufregender Song, man ist versucht, ihn zu skippen. Weder geht er ins Ohr, noch kann man ihn unter der Dusche mitträllern. Und doch stellt er in den Mittelpunkt, was in der Kulturbranche oftmals zu leben verabsäumt wird: Wertschätzung – für alle. Nicht nur für die Awardwinner und Gesichter der Werke.
Wie viele Personen dazu beitragen, dass ein Album wie Rayes „This Music May Contain Hope.“ entsteht, wurde mir durch „Fin.“ wieder einmal bewusst. Gleichzeitig stelle ich mit Entsetzen fest, dass allumfassende Wertschätzung etwas Auffallendes ist, etwas Exzentrisches, etwas, das man lieber skippt.
Ritualisierte Geringschätzung
Die Krise der Kultur beginnt wohl kaum bei Budgetkürzungen und der Streichung von Fördergeldern, sondern bei fehlender Wertschätzung im alltäglichen Konsum. Die Philosophen Theodor W. Adorno und Max Horkheimer kritisierten schon 1947 in „Dialektik der Aufklärung“ die Entwicklung der Kunst in Richtung einer Kulturindustrie: Massenproduktion von kultureller Ware, die in erster Linie den Ansprüchen des Markts genügen muss.
Unser Markt heute ist von Schnelllebigkeit und Effizienzsteigerung geprägt. Kunst und Kultur passen sich gezwungenermaßen an. Streamingplattformen erlauben uns, Inhalte in eineinhalbfacher Geschwindigkeit zu konsumieren und überspringen bei Serien automatisch Intro und Credits. Sind diese Optionen nicht geboten, fällt es negativ auf. Zur Überbrückung wird das Handy hervorgeholt. Im Kino geht das Licht an, sobald die Credits rollen, und das Publikum verlässt den Saal. Unwertschätzend, aber üblich.
Selbst im Theatersaal, der während des Applauses dunkel bleibt, drängen viele bereits bei der Verbeugung in Richtung Ausgang. Und wofür? Um fünf Minuten früher zuhause anzukommen? Fünf Minuten Wertschätzung stehen stundenlanger Arbeit gegenüber, die von dutzenden, oft hunderten Menschen in ein Werk investiert wurden. Daneben steckt jede Menge Geld in diesen Produktionen. Geld, das teils aus Fördertöpfen in Kulturinstitutionen oder -projekte floss. Hierfür fehlt nicht selten das Bewusstsein.
Der Budgetkürzung entgegenwirken
Wer Kunst bloß konsumiert, aber nicht wertschätzt, trägt zu ihrer Aushöhlung bei. Denn Kultur verliert ihren Wert nicht erst dann, wenn Förderungen gestrichen werden. Sie verliert ihn lange davor — in den kleinen ritualisierten Gesten der Geringschätzung: im vorschnellen Aufbruch, im Skippen, in der Unwilligkeit, den Credits noch fünf Minuten Aufmerksamkeit zu schenken.
Rayes Song „Fin.“ mag kein musikalisches Meisterwerk sein, doch er ist ein längst überfälliger Weckruf an all jene, die gerne Musik hören, ins Theater oder Kino gehen, Serien streamen und Bücher lesen. „This Music May Contain Hope“. Vor allem aber gilt: This Music Contains Work!
Und Arbeit verdient Anerkennung, ja sie braucht Anerkennung. Was gesellschaftlich nicht wertgeschätzt wird, lässt sich politisch leichter kürzen. Denn am Ende schützt man nur, was man zuvor gelernt hat zu achten.


