Ist das schon Blasphemie? ** rückkehr von krähe – Ulf Stolterfoht

Blogheader _rückkehr von krähe_ (c) Dirk Skiba

Im Juni 2025 gewann Ulf Stolterfoht den Ernst-Jandl-Preis für Lyrik. Im Oktober 2025 erschien sein neuester Lyrikband „rückkehr von krähe“. Die Idee dazu kam ihm bereits vor rund 40 Jahren.

Über die Natur und ihre Bewohner wird bekanntlich viel gedichtet. So auch über die Krähe. Dass sie also in Ulf Stolterfohts Abenteuergedicht „rückkehr von krähe“ ein Comeback feiert, ist nicht ungewöhnlich. Dass es sich dabei jedoch nicht um irgendeine Krähe, sondern um „Krähe“ handelt, schon. 

Dem britischen Dichter und Schriftsteller Ted Hughes ist der erste Auftritt dieses „Krähe“ zuzuschreiben. In seinem 1970 bei Faber & Faber erschienenen Lyrikband „Crow. From the Life and Songs of the Crow verhandelt er den Tod seiner ersten Ehefrau Silvia Plath („Die Glasglocke“). Und Ulf Stolterfoht dachte sich, als er die deutschsprachige Ausgabe zum ersten Mal gelesen hatte: „So etwas Tolles möchte ich auch einmal schreiben.“ Nun ist es 25 Jahre nach der Erstveröffentlichung soweit und Krähe kehrt zurück.

Lyrische Raserei

Krähe ist eine vielschichtige Figur. Tausendsassa beschreibt ihn wohl am besten. In 14 Abschnitten erlebt er die unterschiedlichsten Abenteuer. Diese gliedern sich wiederum in neun Gedichte zu je sechs Strophen à fünf Zeilen. Gereimt wird hier konsequent nichts. Und genau darin liegt Stolterfohts dichterischer Charme. 

Seine Lyrik ist vielschichtig und ineinander verwoben, von viel Witz durchzogen und treibt in rasantem Tempo einiges an Handlung voran. Dabei werden Geschichte(n), Dinge, Popkultur und Sprache waghalsig und beinahe wahnwitzig miteinander kombiniert. Essentiell ist ihr allerdings das Moment des Vortragens. Stolterfohts Lyrik lebt vom gesprochenen Wort – insbesondere dann, wenn der Autor selbst jener ist, der laut liest.

Erst 2025 ging der Ernst Jandl Preis für Lyrik des Landes Österreichs an Ulf Stolterfoht. Im Oktober 2025 erschien dann rückkehr von krähe bei kookbooks. (c) Dirk Skiba

Schabernack von damals bis heute

Aber zurück zu Krähe. Dieser, nicht das Tier, auch keinen Menschen per se, sondern eine eigenständige Figur darstellend, ist das einzige, das von Hughes Original übriggeblieben ist. Er ist frech und dem Eigennutzen zugewandt. Wie ein Robin Hood, nur für sich selbst. Ein Till Eulenspiegel durch und durch. 

Stolterfoht widmet ihm sogar einen beinahe göttlichen Abschnitt, einen Ausflug in die Gestalt des Jesus. Dieser ist insbesondere durch die typisch Stolterfoht’sche Vortragsweise zu Lachtränen rührend. Aber auch nicht unkritisch zu betrachten. Schließlich schreibt der Autor Jesus hier eine gewisse Schelmenhaftigkeit, ja gar Durchtriebenheit zu. Und verzerrt die Jesusgeschichte zu Teilen ins Absurde. Ob dies bereits als Blasphemie, also als Gotteslästerung, zu lesen ist, darüber lässt sich streiten. Unbestreitbar bleibt allerdings die Brillanz dieses Lyrikbandes.

Stolterfoht ist einer, den man gelesen haben sollte, wenn man sich in der deutschsprachigen Gegenwartslyrik auskennen möchte. Seine Art, das Kleine, das Nebensächliche und das Große so nebeneinanderzustellen, dass es jegliche Wertung verliert, ist bewundernswert. Sein großer Wortwitz und seine feine Beobachtungsgabe sind es, die seine Lyrik auf eine neue Ebene stellen. Und wer den Menschen hinter den Texten kennt, seine Stimme beim Lesen im Ohr hat, weiß, was tiefgehende unterhaltsame Lyrik bedeutet.

Ulf Stolterfoht, „rückkehr von krähe“. € 26,- / 152 Seiten. kookbooks, Berlin 2025.

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