Mozart trifft auf Aktivismus, Realität auf Witz und Magie. Im musikalischen Marionetten-Abenteuer „Der Alte Baum oder: Franzis Reise zum Ende der Welt“ retten Kinder die Bäume.
Die anfängliche Idylle nimmt ein schnelles Ende. Gerade eben sitzt Franzi noch friede-freude-eierkuchen-vergnügt auf der Baumschaukel. Um sie zwitschert ihr Vogelfreund Zilpzalp. Nun drohen die Holzfäller mit ihren Motorsägen. Da helfen weder das Anketten noch friedliche Proteste: Franzis Baum wird gefällt. Sie verliert ein Puppenbein, gewinnt dafür aber den Freund Moo Zartwald.

Mozart, der Amazonas und ein bisschen Magie
Das musikalische Puppentheater Der alte Baum von Paul Schweinester wurde 2023 im Rahmen der Mozartwoche uraufgeführt. Es geht um die junge Franzi, die mit einem neuen Zauber-Holzbein wieder Mut schöpft und mit Moo und Zilpzalp in den Amazonas fliegt, um die Bäume zu retten. Dazu spielt es Musik von Wolfgang Amadé Mozart. Dabei zieht das Stück alle Register.
Gänsehautmomente sind in den gerade mal 75 min Spieldauer nicht auszuschließen, denn neben dem Marionettenspiel spielen Violine, Viola, Klarinette, Akkordeon, Violoncello und Schlagwerk, es singen Sopran, Bariton und Tenor. Alles – inklusive Sound Effekte – werden live performt. Die Musiker*innen und Sänger*innen spielen sichtbar vor den Bühnenvorhängen, ihr Elan und ihre Freude am Spiel und Gesang sind einfach ansteckend.
Da so viel gleichzeitig passiert, weiß man gar nicht, wo man hinschauen soll. Im digitalen Zeitalter von Filmen und Serien lohnt der Besuch allein schon für den (zur Schau gestellten) Einblick in das qualitativ hochwertige Handwerk.
Kontext zum Kampfgeist
Die Erstaufführung kam prophetisch: Kurz nach den Mozartwochen 2023 wurde Lützerath geräumt und abgerissen. Ein Dorf in Nordrhein-Westfalen, welches in Deutschland das Symbol für den Widerstand gegen den Braunkohleabbau wurde. Der Kampfgeist dieser Zeit (Stichwort die Klimakleber oder die Straßenblockaden der letzten Generation Österreich) ist unverkennbar ins Stück gesickert. Zum Beispiel in den erhobenen Fäusten, die gesungenen Mozart-Parolen wie „Frisch zum Kampfe, Frisch zum Streite” aus der Oper “Die Entführung aus dem Serail” oder dem Aufruf, das Leben mutig zu wagen.

Drei Jahre später, als die Straßen in den monotonen Autolärm zurückdämmern, wirken die Forderungen der beinamputierten Franzi an die “Alten” / Erwachsenen ein bisschen plump und pauschal. Zumal sie diese schonungslos ans Publikum richtet: Ihr mit eurer Habgier! Eurem Wachstumswahn! Doch gegenüber dem damals alteingesessenen, Mozart-liebenden und kennenden Salzburger Publikum scheinen sie passend provokant. Hier wird angepöbelt und trifft Straßen–Aktivismus auf heilige Hochkultur. Das ist gut so – und mehr als nur ein Kinderspiel.
Denn das Thema ist auch heute noch relevant und spaltend. Es werden noch immer zu viele Bäume gefällt, obwohl die Waldzerstörung die letzten Jahre weltweit abnahm. Österreichische Wälder sind zum Beispiel aufgrund langer Trockenperioden geschwächt und geben mittlerweile mehr C02 ab, als sie aufnehmen.
Mehr als bloßer Protest
Das Puppenspiel wählt einen anderen, besonderen Zugang zu diesem Thema. Nicht die Funktion von Wäldern steht im Vordergrund, sondern das, was sie für uns bedeuten oder bedeuten könnten. Die Bäume sind „grüne Freuden“, gutmütige, lebendige, früchte- und schattenspendende, weise Wesen. Sie sind in Pilz- und Kinderfreundschaft eingebunden und mit so vielen Vögeln, Spinnen, Affen (…) verbunden, die in und unter ihren Zweigen Schutz suchen. Dass solche Prachtexemplare für graue Hochhäuser (nicht nur auf der Bühne) gefällt werden, ist mit Franzis Worten nun „wirklich gemein”. Die Liebe Franzis zu diesen Riesen und nicht-menschlichen Lebewesen wie Zilpzalp ist einfach nur baumschön.
So wie junge Menschen andere, neue Formen des Protestes wählen, wird auch das Problem der Naturzerstörung auf ganz eigene märchen-magische Weise angegangen. Franzi und Moo fliegen, zum Greifen nah, mit einem Heißluftballon über die Zuschauerreihen hinweg in den Amazonas. Dort hilft ihnen der Zauberbaum, der sprechen und singen kann. Über den logischen Fehler des Stückes, dass Franzi und Moo im dichten Dschungel landen, obwohl es keine Bäume mehr auf der Welt gibt, sehen wir hinweg. Denn die Tropen-Bühnengestaltung ist einfach zu süß.

Witz und Wissensvermittlung
Eine große Stärke des Stückes ist sein Witz. Wenn der Vater Franzi mahnt, “Vergeige es nicht!”, vergeigen es die Musiker*innen. Wenn Franzi und Moo ihm vom Opernarien-singenden Baum und von Tieren berichten, die Rumba tanzen, korrigieren die Musiker*innen einstimmig: “Es war Samba!”. Dass eine Holzpuppe Motorsägen nicht stoppen kann, lässt ebenso schmunzeln wie das World Wide Wood (statt Web), über das der Zauberbaum, schon im Vorhinein über die Ankunft Franzi und Moo gehört hat.
Für alle, die vom unterirdischen Wood Wide Web noch nicht gehört haben, wird es vom Zauberbaum höchstpersönlich erklärt. Auch Witz und Wissensvermittlung werden amüsant kombiniert. Das abgesägte Puppenbein wird nicht wie üblich durch ein neues ersetzt, sondern wird aus der Schaukel recycelt, die der Urgroßmutter gehörte. So anklagend wie das Stück beginnt, so versöhnlich endet es. Im großen Finale tönt es ganz feierlich: “Wenn nicht jetzt, wann dann!” und “Nur gemeinsam retten wir die Welt!”.
Die unterschwellige Botschaft an alle “Großen”: Streicht die “Ja, Aber” – seid mal wieder Kind. Dann ist es ganz einfach und basta.
Die Produktion wird im Rahmen der Mozartwoche 2026 wieder aufgenommen. Sie ist eine Koproduktion der Internationalen Stiftung Mozarteum und des Salzburger Marionettentheaters in Kooperation mit der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien. Die nächsten Termine: 27. / 28.03 im Kultursaal Eppan (Südtirol)


