„Weil ich Ruth bin“ ist Julia Webers dritter Roman. Darin schreibt sie bezaubernd über das Sonderbare und das Magische, verliert sich jedoch leider immer wieder in Nebensächlichkeiten.
„Wenn du ein Tier wärst, welches wärst du dann?“ Diese Frage fällt in einem Menschenleben immer wieder. Ob auf Kinderfeiern, Hauspartys oder nachts um halb drei. Wie schön wäre es doch, dieses Wunschdenken wahr werden zu lassen.
In „Weil ich Ruth bin“ ist genau diese Verwandlung zum Tier möglich. Ruth wird mit Fell geboren. Kein Grund zur Aufregung, schließlich wurde bereits ihre Mutter mit solchem geboren, ehe sie es sich gewaltsam ausgerissen hat. Ruth aber liebt ihr Fell und alle in ihrer Nähe tun es ihr gleich. Wie ein Magnet zieht sie die Menschen an.
Eine Geschichte mit vielen Geheimnissen
Die dabei entstehenden Gespräche sind bezaubernd und reichen von geteilten Geheimnissen bis zur Bloßstellung. Fest steht: Den meisten Menschen geht es nicht gut, sie brauchen einen Ausweg aus dem Alltag. In manchen Fällen immer häufiger und dringlicher.
Was es damit und mit dem Fell auf sich hat, bleibt nicht das einzige Geheimnis dieser Geschichte. Immer wieder heben sich kleine Erzählabschnitte vom Rest ab, wenn Ruth ihren Vater beschreibt. Sie weiß nicht, wer er ist und ihre Mutter bleibt vage in ihren Erzählungen. Also denkt sich Ruth selbst aus, wer dieser Mann sein könnte.
„Mein Vater ist unsere Erinnerung an die leichten Tage und die schweren auch. Mein Vater ist die Berührung meiner Hände eines Körpers, den ich kenne seit langer Zeit.“

Kurios
Die anfängliche Faszination für dieses ungewöhnliche Mädchen mit dem Fell lässt nach, sobald es ihr ausfällt. Was übrig bleibt, ist eine immer wieder als besonders schön bezeichnete Ruth. Und ihre Fähigkeit, Menschen für kurze Zeit in Tiere zu verwandeln, indem sie diese mehrmals überall küsst.
Während die Protagonistin warm und nahbar wirkt und ihre Wirkung auf die Menschen in ihrer Umgebung beinahe elektrisierend ist, bleibt ab der Hälfte der Erzählung nicht viel Plot übrig. Der Roman verliert sich in Nebensächlichkeiten und scheint keinen roten Faden mehr zu haben. Ständig werden Menschen verwandelt und Ruth träumt sich durch den Tag.
Für einen Pageturner ist das zu poetisch. Tiefe verleihen dem Roman seine Nebenstränge. Etwa die von Toni, dessen Vater Alkoholiker und gewalttätig ist. Oder die von Lu, die mit psychischen Problemen zu kämpfen hat. Und dann wäre da noch Linda, deren Beziehung zu und mit Ruth mehr als kompliziert ist. Dieses Vor-sich-her-erzählen ist auch das Problem dieses Romans: Diese Geschichte ist zu langatmig.
„Aber die Einsamkeit, sie legt sich am Abend zu mir ins Bett, ganz kalt und hart ist sie. Ich dachte, ich hätte es geschafft, nachdem ich die Schlange gewesen bin bei dir, aber ich habe es nicht geschafft.“
Zauberhafte Beschreiberei
Was diesem Buch an Plot fehlt, macht es durch seine wunderschöne Bildsprache wett. Es sind die vielen sinnlichen Beschreibungen, die seinen Zauber ausmachen. So trägt Ruth etwa ein brotfarbenes Wollkleid, kennt Menschen, deren Haut die Farbe roher Bratwurst hat oder Tannenzapfenbraun ist.
Diese Beobachtungsgabe der Erzählstimme ist es auch, die dieser Geschichte etwas Besonderes verleiht. Neben der Tatsache, dass Ruth Menschen auf Zeit in Tiere verwandeln kann, versteht sich. Webers Roman ist also sprachlich sehr schön, könnte an manchen Stellen allerdings noch runder sein.
Hin und wieder wirkt es so, als hätte man das Buch gern endlich veröffentlicht, anstatt sich mit gewissen Passagen intensiver auseinanderzusetzen. Das ist zwar kein gigantisches Manko, fällt aber immer wieder so unangenehm auf, dass sich ein Weiterlesen eher zäh gestaltet.
„Wenn ich aus der Kindergartentür trete, in meinem gelben Regenmantel, leuchtet sie zwischen den Gesichtern der Eltern und Großeltern, reibt ihre großen Hände am Zaun, strahlt mich an. Hier bin ich, meine kleine Ruth, ruft sie. Ihr Haar aufgetürmt wie Schlagsahne, und ich kann sie riechen, kaum habe ich die schwere Tür einen Spaltweit aufgestoßen.“
Fazit
„Weil ich Ruth bin“ ist ein bezaubernder, sogar magischer Roman über das Ungewöhnliche. Einhundert Seiten weniger hätten ihm allerdings keinen Abbruch getan. Im Gegenteil.
Durch seine Langatmigkeit ist er nicht unbedingt geeignet, wenn man gerade wieder ins Lesen kommen möchte. Wer aber einen Roman sucht, in den es sich immer wieder einsteigen und abtauchen lässt, ist hier genau richtig.
Julia Weber, „Weil ich Ruth bin“. € 28,- / 464 Seiten. Limmat, Zürich 2026.


