Die Fledermaus kommt aus dem Closet ** Pride Edition – Volksoper Wien

Blogheader Fledermaus Pride Edition (c) Sujet Volksoper Wien

Die Volksoper verpasst Johann Strauss‘ Fledermaus mit der „Pride Edition“ ein queeres Update und verleiht dem Klassiker dabei überraschende Tiefe.

Kaum waren die Lichter der Volksoper gedimmt (und mein Handy lautlos gestellt), wurde das Publikum von Volksopern-Direktorin Lotte de Beer persönlich begrüßt. Ihre Botschaft: „Pride ist nicht nur im Juni. Pride ist das ganze Jahr.” Dieser Satz beschreibt auch „Die Fledermaus – Pride Edition“ auf den Punkt.

Wer in Wien aufwächst und Operetten-affine Eltern hat, kommt an der Fledermaus kaum vorbei. Auch ich wurde als Kind mehr als einmal in die Volksoper mitgenommen, um den Operetten-Klassiker von Johann Strauss zu sehen. Zugegeben, damals vielleicht eher noch semi-begeistert. Umso gespannter war ich jetzt aber auf die Pride Edition. Wie viel lässt sich an einem über 150 Jahre alten Stück denn eigentlich verändern, ohne dass es seinen Charakter verliert? Spoiler: überraschend viel.

Queere Lebensrealitäten in der Oper?

Die Grundhandlung bleibt dieselbe. Man wird weiterhin Zeuge des Maskenballs von Prinz Orlofsky, auf dem eine Verwechslung und Hinterlist die nächste jagt. Auch an der Musik wurden keine Änderungen vorgenommen. Ich spüre förmlich, wie alteingesessene Fledermaus-Fans erleichtert aufatmen.

Die Pride Edition setzt stattdessen bei den Figuren und den Dialogen ein. Queere Lebensrealitäten werden ganz charmant in die Handlung eingewoben, neue Referenzen ergänzt und den altbekannten Rollen neue Motive gegeben. 

Queere Lebensrealitäten im Fokus der Volksoper (c) Barbara Pálffy

So wird Gabriel von Eisenstein in dieser Version zu einem Mann, der Dr. Falke als mehr als nur einen „guten Freund“ bezeichnen würde. Die berühmte „Rache der Fledermaus“ erhält eine neue emotionale Ebene, da Dr. Falke in dieser Version unfreiwillig geoutet wurde.

Plötzlich fiebert man nicht nur mit einer heiteren Verwechslungskomödie mit, sondern auch mit einer Beziehung voller Verletzungen und unausgesprochenen Gefühlen. Den Shipping-Namen „Falkenstein“ hätte ich jedenfalls schon parat.

Dieser Form der Originalstory eine neue Lesart zu verleihen, zieht sich durch das ganze Stück. Der Ball bei Prinz Orlofsky wird zum queeren Safe Space, an dem jede Person so sein kann, wie sie ist. Rosalinde von Eisenstein gibt sich dort nicht als ungarische Gräfin, sondern als Graf aus. „Schwester“ Ida witzelt, dass es sich bei ihr um gar keine „Schwester“ handle. All das hat fabelhaft für mich funktioniert. 

Glaubwürdig und echt – ohne Aushängeschild.

Oft bleibt es beim Label „Pride Edition“ nur bei einem gut gemeinten Versuch, queere Menschen anzusprechen, ohne sich wirklich mit ihren Lebensrealitäten auseinanderzusetzen. Oder einfach, um sich selbst ein weltoffenes Image zu verleihen. Dies ist hier beides nicht der Fall.

Man merkt, dass Regisseur Florian Hurler es sich nicht einfach gemacht hat und das bewundere ich. Es wäre leicht gewesen, ein paar Schwulenwitze zu verballern, Männer in Kleider zu stecken und das Ganze als queere Neuinterpretation zu verkaufen. Drag, Fetisch, Gender und polyamore Beziehungen werden hier aber nicht zu aufgesetzten Gags, sondern fügen sich erstaunlich selbstverständlich in die Geschichte ein. 

Besonders stark ist für mich der dritte Akt, in dem im Gefängnis mit dem Symbol des „Closets“ gespielt wird. Also dem Verstecken der eigenen Identität und der Angst davor, sich so zu zeigen, wie man ist. Trotz des vielen Humors, der in diesem Stück gepflegt wird, wird auch dieser Ernsthaftigkeit Raum geboten. Ein Zitat von Prinz Orlofsky ist mir dazu im Gedächtnis geblieben: 

„Wir tragen draußen alle eine Maske, um zu überleben.“

Eine Top Besetzung für Queerness

Die Besetzung überzeugt natürlich und packt das Publikum von Beginn an mit ihrem Schmäh. Tom Neuwirth übernimmt die Rolle des Frosch, Drag Queen Ryta Tale sorgt als Ida für einige der größten Lacher des Abends und Katia Ledoux spielt den nonchalanten Prinz Orlofsky. Daniel Schmutzhard und Johanna von Arrouas verkörpern das Ehepaar Eisenstein so glaubwürdig, dass man sich die ganze Zeit denkt: „Just break up already.“ 

Eine Besetzung, die sich sehen lassen kann! (c) Barbara Pálffy

Mein einziger Kritikpunkt ist wohl der zweite Akt. Das liegt allerdings weniger an der Pride-Edition als an einem Problem, das die Originalfassung für mich mitbringt. Ab einem gewissen Punkt ziehen sich die Walzer- und Balletteinlagen ein wenig. Auch wenn natürlich fantastisch getanzt wird.

Was mich am Ende gefreut hat: Es wird nicht nur die Handlung aufgelöst, sondern eine Veränderung findet statt. Fast alle Figuren scheinen etwas über sich selbst gelernt zu haben. Anders als in der klassischen Fledermaus kehren die Charaktere nicht einfach in ihr altes Leben zurück. Sie wirken freier, ehrlicher und ein Stück näher bei sich selbst. 

Gabriel drückt Dr. Falke einen saftigen Schmatzer auf die Lippen, seine Frau Rosalinde scheint die Sexualität ihres Mannes zu akzeptieren. Und spätestens als Tom Neuwirth zum Abschluss „I Am What I Am“ singt und das stehende Publikum begeistert mitklatscht, wird klar: In einem vielleicht verstaubt geglaubten Klassiker steckt oft mehr Gegenwart, als man zunächst vermuten würde.

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