Michael Jackson, Vitiligo und die Grenzen des vorsichtigen Biopics ** Filmkritik

Blogheader Michael (c) Universal Pictures Austria

Michael bringt den King of Pop zurück auf die Leinwand und trifft damit mitten ins Herz aller Nostalgiker*innen. Doch gerade dort, wo der Film besonders nahbar wirkt, bleiben wichtige Fragen offen: Wie erzählt man Michael Jacksons Haut, sein verändertes Aussehen und den öffentlichen Blick darauf, ohne daraus wieder nur ein Spektakel zu machen?

Musik-Biopics haben gerade ein ähnliches Problem wie die Pop-Ikonen, von denen sie erzählen. Sie versprechen Nähe zu Menschen, die längst in Bilder, Songs, Interviews und Erinnerungen zerlegt wurden. Man geht ins Kino und hofft trotzdem, noch einmal etwas Neues zu spüren. Zuletzt wirkte dieses Versprechen aber oft ziemlich ausgereizt. 

Nach „Back to Black” und, trotz anderer Erzählweise, auch nach „Springsteen: Deliver Me from Nowherestellt sich immer stärker die Frage, wie oft man die Geschichte vom verletzten Künstler noch erzählen kann. Zu oft folgen diese Filme demselben Muster der schwierigen Kindheit, des großen Durchbruchs, der Krise und zuletzt dem Applaus. Am Ende steht fast immer ein Moment, der so wirken soll, als hätte sich der ganze Schmerz irgendwie gelohnt. Genau diese klassische Biopic-Erzählung fühlt sich inzwischen auserzählt an.

Eine ehrliche, voreingenommene Rezension

Bei „Michael” ist genau das komplizierter. Natürlich kommt auch dieser Film mit der ganzen Biopic-Maschine. Aber Michael Jackson ist für mich kein Name, den ich neutral aus der Popgeschichte ziehe. Seine Musik war Teil meiner Kindheit, bevor ich überhaupt verstanden habe, was Popkultur ist. Sie lief auf Geburtstagen, auf Familienfeiern und an Wochenenden, wenn geputzt wurde. Meine Eltern waren bei seinem ersten Wien-Konzert im Praterstadion auf einem Date. 

Als er 2009 starb, war das bei uns kein kurzer Promi-Moment in den Nachrichten. Es fühlte sich eher so an, als wäre jemand verschwunden, dessen Stimme seit Jahren ganz selbstverständlich zu unserem Alltag gehört hatte. Vielleicht muss ich deshalb gleich am Anfang sagen, dass das hier keine ganz neutrale Rezension wird. Eher eine voreingenommene, aber ehrliche.

Ich bin nicht mit der kühlen Distanz in diesen Film gegangen, mit der man normalerweise prüft, ob ein Biopic dramaturgisch sauber gebaut ist oder ob es an den richtigen Stellen kritisch genug hinsieht. Ich bin mit vollem Herzen hineingegangen. Und als Jaafar Jackson, der eigene Neffe von Michael, zum ersten Mal auf der Leinwand wirklich als Michael erschien, ist mir das Herz kurz stehen geblieben.

Jaafar Jackson als Michael auf der Leinwand. (c) Universal Pictures Austria

Mehr als eine Michael-Kopie

Es war nicht nur die Ähnlichkeit, auch wenn sie manchmal fast unheimlich ist. Es war seine Haltung und diese Mischung aus Schüchternheit und absoluter Bühnenpräsenz. In manchen Momenten wurde es im Saal plötzlich still, als würden alle kurz den Atem anhalten. 

Wenn Jaafar Jackson den Kopf senkte, die Schultern spannte oder sich in eine Bewegung hineindrehte, lag für einen Augenblick dieses Gefühl im Raum, Michael Jackson noch einmal live zu erleben. Man merkte, dass viele jemanden sahen, den sie kannten, vielleicht aus alten Musikvideos, vielleicht aus der Kindheit, vielleicht aus Familiengeschichten wie meiner.

Das ist natürlich ein zweischneidiges Schwert für einen Film, der so große Fußstapfen zu füllen hat. Gerade bei Michael Jackson kann Nachahmung schnell aussehen wie eine mickrige Tribute-Show. Der Hut, die Drehung, die Stimme, der Blick nach unten, all das ist so oft kopiert worden, dass es fast unmöglich scheint, daraus wieder eine echte Figur zu machen.

Jaafar Jackson gelingt das erstaunlich oft. Er spielt Michael nicht nur über die bekannten Gesten, sondern über die Anspannung dahinter. Man sieht einen Menschen, der auf der Bühne alles kontrolliert und abseits davon immer stärker spürt, dass andere über sein Bild bestimmen.

Jaafar Jackson auf der großen Leinwand 

Und gerade das macht seine Darstellung so stark. Jaafar Jackson verschwindet nicht komplett hinter Michael, und vielleicht ist genau das gut. Man sieht in manchen Momenten noch den Schauspieler, den Neffen, den Sohn von Jermaine Jackson, der sich dieser unmöglichen Aufgabe stellt. 

Aber statt den Zauber zu brechen, macht es ihn für mich eher greifbarer. Es wirkt nicht wie ein perfektes Abziehbild, sondern wie ein vorsichtiger Versuch, einem Menschen nahezukommen, der längst von Inszenierungen überlagert ist.

Der Film ist immer dann am besten, wenn er diese Spannung zulässt. Wenn Michael nicht nur als Genie oder Ikone gezeigt wird, sondern als jemand, der schon als Kind gelernt hat, dass sein Talent und seine Identität nicht einfach ihm gehören. Es gehört der Familie, dem Publikum, der Industrie. Jeder Auftritt bringt Applaus, aber auch eine neue Erwartung. Jede Bewegung, die später mühelos aussieht, ist in Wahrheit Arbeit, Druck und Kontrolle.

Jaafar Jackson verschwindet nicht komplett hinter Michael, und vielleicht ist das gut. (c) Universal Pictures Austria

Was der Film auslässt

Gerade weil der Film so gut zeigt, wie sehr Michael Jackson unter fremden Blicken stand, hätte ich mir bei seinem Aussehen einen genaueren Blick gewünscht, aber nicht als Frage danach, was er „wirklich” hat machen lassen. Interessanter wäre gewesen, sein verändertes Aussehen als Teil einer größeren Geschichte zu erzählen, nämlich als etwas, über das er irgendwann selbst kaum noch bestimmen konnte, weil andere längst über seine Haut, sein Gesicht und seine Identität sprachen.

Der Film zeigt, wie sehr andere über seine Karriere und seine Wirkung mitbestimmten, bleibt bei seinem Körper aber auffällig vorsichtig.

Dabei war Michael Jackson nicht einfach jemand, der sich von seiner Herkunft entfernen wollte. Als Oprah Winfrey ihn in einem Interview in 1993 auf die Gerüchte ansprach, er wolle nicht Schwarz sein, reagierte er sichtbar verletzt und sagte, er sei ein Black American, stolz auf seine Herkunft und stolz darauf, wer er ist. Gleichzeitig erklärte er seine Vitiligo-Erkrankung, die seine Hautpigmente zerstörte, und sagte, dass ihn die Geschichten verletzten, die behaupten, er wolle nicht sein, wer er ist.

Michael als Schwarzer Künstler

Genau diese Spannung hätte der Film stärker zeigen können. Michael Jackson wurde über Jahre gefragt, warum seine Haut heller wurde, warum sein Gesicht sich veränderte, warum seine Nase anders aussah. Selbst wenn er über Musik, Kunst oder Arbeit sprechen wollte, landete das Gespräch immer wieder bei seinem Körper. Dabei war dieser Körper nicht nur privat, sondern öffentliches Streitthema, Projektionsfläche und Angriffsziel zugleich.

Und das ist besonders bitter, weil Michael Jackson als Schwarzer Künstler nicht nur Popgeschichte schrieb, sondern sich vieles auch erkämpfen musste. „Billie Jean” war bereits auf dem 1982 erschienenen Album „Thriller” zu hören, zum entscheidenden MTV-Durchbruch wurde aber erst das Musikvideo 1983Der Sender spielte damals kaum Schwarze Musiker, und erst nach Druck seiner Plattenfirma kam das Video in die Heavy Rotation. Danach wurde deutlich, dass Schwarze Künstler sehr wohl ein Massenpublikum auf MTV erreichen konnten.

Das Fazit

Für mich fehlt dem Film genau diese Ebene. Michael Jackson wird als verletzlicher Mensch gezeigt, und gerade das hat mich berührt, weil ich ihn eben nicht nur als historische Popfigur wahrnehme, sondern als jemanden, dessen Musik in meiner eigenen Kindheit ständig da war. Umso mehr hätte ich mir gewünscht, dass der Film mutiger zeigt, wie widersprüchlich seine öffentliche Wahrnehmung war. Er war der King of Pop und wurde gleichzeitig über Jahrzehnte wegen seines Aussehens verspottet. Gerade deshalb hätte seine Haut nicht nur erwähnt, sondern als Teil dieser größeren Verletzung erzählt werden müssen.

Michael Jackson hat immer wieder darum gekämpft, menschlicher wahrgenommen zu werden. Nicht nur als perfekte Bühnenfigur, sondern als Mensch mit Verletzungen und einer tiefgründigen Persönlichkeit. Genau hier hätte „Michael” erwachsener und politischer werden können. Der Film hätte seine Vitiligo und die mediale Häme nicht als Randthema behandeln müssen, sondern als Teil derselben Geschichte. Wie hält man an sich selbst fest, wenn die ganze Welt das eigene Bild längst übernommen hat?

Vielleicht hat mir deshalb bei „Michael” etwas gefehlt, das andere Musik-Biopics zuletzt besser gewagt haben. „Springsteen: Deliver Me from Nowhere” war nicht perfekt und sicher langsamer erzählt, aber gerade diese Ruhe machte ihn interessant, weil der Film sich Zeit für Depression und künstlerischen Prozess nahm. 

Solche unangenehmen Themen muss ein Biopic aushalten können. Bei Michael Jackson hätte genau das den Film aufgewertet. Nicht noch einmal nur Ruhm und Erfolg, sondern ein ehrlicherer Blick auf das Innere eines Menschen, der sein Leben lang gesehen wurde und trotzdem darum kämpfen musste, wirklich erkannt zu werden.

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